Wirtschaft : Automobilmarkt: Die A-Klasse ist für Lateinamerika zu teuer

Rolf Obertreis

Ben van Schaik ist Optimist von Berufs wegen. Muss er auch sein, wenn er in diesen Zeiten für die A-Klasse von Mercedes in Brasilien und in Südamerika verantwortlich ist. Von dem, was sich die Stuttgarter mit dem Bau der Autofabrik in Juiz de Fora im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, knapp 200 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro, erhofft haben, hat sich bislang wenig erfüllt. Hier werden zwar Autos mit deutschem Qualitätsstandard gebaut, aber der Absatz des kleinsten Mercedes-Modells in Südamerika und vor allem in Brasilien stockt. Ausgelegt ist das Werk bei Juiz de Fora auf eine Jahres-Produktion von bis zu 70 000 Fahrzeugen. Verkauft hat Daimler-Chrysler 1999 gerade mal 9831 und im vergangenen Jahr auch nur 12 006 A-Klasse-Modelle. Was einem Marktanteil von gerade einmal einem Prozent entspricht.

Gelände zum Nulltarif

Konzernchef Jürgen Schrempp ist anderes gewohnt. Im Vergleich dazu hat Mercedes im Jahr 2000 in Brasilien 14 000 Busse abgesetzt. Immerhin sollen in diesem Jahr rund 15 000 A-Klasse-Autos verkauft werden. Mit einem Gewinn wird es in Juiz de Fora in diesem und wohl auch im nächsten Jahr nichts, auch wenn der 57-jährige Niederländer - der schon seit 1974 für Mercedes tätig ist und seit fünf Jahren die Geschicke von Mercedes Benz do Brasil und seit Anfang 2000 von Daimler-Chrysler Lateinamerika lenkt - solche Fragen nicht beantwortet.

Dabei waren die Ausgangsbedingungen für das 820 Millionen Dollar teure Werk alles andere als schlecht. Das Gelände bekam Mercedes umsonst, die Stadt sorgte für die Infrastruktur und ließ sogar einen halben Berg abtragen. Über die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Frankfurt am Main erhielt Daimler eine solide und offenbar attraktive Finanzierung für 40 Prozent der Investition. Nach zweijähriger Bauzeit wurde das Werk im Frühjahr 1999 eröffnet. Als eine der modernsten Autofabriken im Konzern, wie van Schaik beim Rundgang durch die Hallen sagt.

Trotzdem sieht man an den Bändern kaum Roboter, die niedrigen Löhne - sie liegen in Juiz de Fora mit umgerechnet etwa 400 Mark noch einmal um die Hälfte unter denen des brasilianischen Industriezentrums rund um Sao Paulo - lassen immer noch viel Handarbeit der knapp 1600 Mitarbeiter zu. Nicht zuletzt versprach vor allem der brasilianische Automarkt - 70 Prozent der A-Klasse aus Juiz werden im größten Land Südamerikas mit seinen gut 160 Millionen Einwohnern abgesetzt - noch 1997, vor dem Bau der brasilianischen Autofabrik, gute Geschäfte.

Trotz der guten Ausgangslage hat das Werk und die A-Klasse in Brasilien die Erwartungen bislang nicht erfüllen können. Die Auslastung der Fabrik liegt bei bedenklichen 45 bis 50 Prozent. Und dies erreichen die Manager derzeit auch nur dadurch, dass Mercedes in Juiz die C-Klasse für den US-Markt montieren lässt, weil die große Nachfrage durch die Werke in Deutschland nicht abgedeckt werden kann. Allein in diesem Jahr werden in Brasilien 10 000 C-Klasse-Modelle zusammengeschraubt.

Einen Teil der Enttäuschung hat sich Daimler-Chrysler selbst zuzuschreiben. Die A-Klasse ist für den lateinamerikanischen Markt zu groß und vor allem zu teuer. 80 Prozent der Käufer in Brasilien geben für ein Auto maximal 26 000 Reales aus, umgerechnet rund 26 000 Mark. Die A-Klasse aber kostet heute je nach Ausstattung zwischen 35 000 und 40 000 Reales. "Unser Marktsegment wird kleiner", räumt van Schaik ein.

Region vernachlässigt

Allerdings kam Mercedes 1999 just in dem Moment mit der A-Klasse auf den Markt, als der Auto-Absatz in Brasilien wegen der Wirtschaftskrise steil abrutschte. Statt der erwarteten 1,7 Millionen Einheiten wurden 1999 nur gut eine Million Autos verkauft. Zwar geht es seitdem wieder leicht aufwärts, aber mehr als 1,2 Millionen werden es auch 2001 nicht sein. Der neuerliche Wachstumsknick in Brasilien durch die Finanzkrise in Argentinien bremst das Autogeschäft genauso wie die starke Abwertung der brasilianischen Währung. Daran können auch Mercedes-Manager nichts ändern.

"Das Werk war keine Fehlinvestition, aber der Markt hat sich anders entwickelt", meint van Schaik. Zudem hat Daimler allerdings auch Chrysler in Lateinamerika nicht geholfen. Diese Region hat der amerikanische Fusionspartner seit Jahren sträflich vernachlässigt. Mit dem Namen Daimler-Chrysler können die Stuttgarter in Brasilien nicht reüssieren. Der Name Mercedes aber hat einen hervorragenden Klang, vor allem im Lkw- und Busgeschäft, wo die Stuttgarter unangefochten Marktführer sind und gute schwarze Zahlen schreiben.

Aber van Schaik ist, wie gesagt, Optimist. Er muss es sein. Die Produktion der A-Klasse soll wieder hochgefahren werden, bis 2003 ist die Montage der C-Klasse gesichert. Ob allerdings die A-Klasse auf Dauer in der größten Volkswirtschaft Südamerikas durchhalten wird, ist zweifelhaft. Kein Wunder, dass van Schaik, der Brasilien eine rosige Zukunft bescheinigt, zu den Daimler- Managern gehört, die ein kleines Mercedes-Modell unterhalb der A-Klasse am stärksten fordern. Nur so haben die Stuttgarter in Lateinamerika auf Dauer eine Chance. Und können den Marktführern Volkswagen, Fiat und General Motors, die mit Anteilen zwischen 24 und 29 Prozent weit vorne liegen, etwas mehr Kopfzerbrechen bereiten.

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