Wirtschaft : Aventis: Das Life-Science-Konzept hat sich überlebt

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Messer Griesheim war der letzte Streich. Mit dem Verkauf des Industriegase-Herstellers verabschiedete Aventis-Chef Jürgen Dormann sich vor wenigen Tagen endgültig von seinem Straßburger Gemischtwarenladen. Zuvor hatte Dormann bereits die Wacker-Chemie verscherbelt und die Trennung von der Pflanzenschutzsparte Aventis-Crop-Science angekündigt. Aventis will sich künftig nur noch auf Pharma konzentrieren.

"Das Konzept von Aventis ist ein bisschen widersprüchlich", sagt Markus Manns, Analyst bei der Union Investment. Schließlich hatte Konzern-Chef Dormann lange Zeit hartnäckig die Botschaft verbreitet: "Wir sind eine Life-Science-Konzern - engagiert in den Wissenschaften des Lebens." Dementsprechend beackerte das erst Ende 1999 aus der Fusion von Hoechst und Rhône-Poulenc hervorgegangene Unternehmen so unterschiedliche Felder wie Pharma, Pflanzenschutz, Saatgut und Chemie.

Doch damit ist es seit dem 15. November offiziell vorbei. An diesem Tag gab Dorman die neue Richtung bekannt: Weg mit den Randaktivitäten, Konzentration auf das Kerngeschäft Pharma. Gleichzeitig kündigte er die Trennung von der Pflanzenschutzsparte Aventis-Crop-Science an: bis Ende 2001 soll sie entweder selbstständig an die Börse geführt oder verkauft werden. Andere ehemalige Life-Science-Konzerne haben sich schon früher von dem Konzept verabschiedet. So gliederten Novartis und Astra Zeneca ihre Pflanzenschutz (Crop-)Sparte aus und führten sie als "Syngenta" eigenständig an die Börse. US-Konzerne wie Pfizer, Eli Lily oder Merck & Co hatten schon in den 90er Jahren Unternehmensteile verkauft, um sich auf Pharma zu konzentrieren.

"Es hat sich gezeigt, dass die erhofften Synergien in den Life-Sciences doch nicht vorhanden sind", sagt Analyst Markus Manns. Daneben dürften auch die allzu unterschiedlichen Märkte und Margen in den Life-Science-Sparten Pharma und Agro Grund für die Rückbesinnung auf das Kerngeschäft gewesen sein. Die weltweite Nachfrage nach Pflanzenschutzmitteln stagniert, die wenigen Anbieter, die bleiben, liefern sich einen harten Konkurenzkampf. Dagegen gilt der Pharmamarkt als einer der größten Wachstumsmärkte der Welt. Während der Arzneimittelmarkt jährlich um zehn Prozent wächst, bringt es die Agrochemie gerade einmal auf magere zwei Prozent. Und was hinzukommt: Die Agrochemie hat ein Imageproblem. Aus der Vision, mit Hilfe der Gentechnik neue, leistungsfähige Pflanzen zu züchten, ist bislang nichts geworden. Vor allem in Europa, inzwischen aber auch immer stärker in den USA, werden genmanipuliertes Saatgut und "Gen-Food" von Regierungen und Verbraucherschützern abgelehnt. Dafür wurde das gesamte Unternehmen abgestraft - auch an der Börse.

Auch unter dem Druck der Finanzmärkte dürfte daher die Trennung vom Life-Science-Konzept erfolgt sein. Die Belohnung folgte prompt. Nach der Ankündigung Dormanns übersprang der Kurs der Aktie kurzzeitig die Schwelle von 90 Euro, zuletzt notierte die Aktie bei gut 87 Euro - und damit noch immer 40 Prozent über der Erstnotiz im Dezember 1999. Der Markt bewertet Aventis höher als die Konkurrenten von Bayer und BASF zusammen. Analysten wissen das zu schätzen - gerade haben Merrill Lynch und CSFB ihre Kursziele für das in Straßburger sitzende Unternehmen auf 115 und 110 Euro hinaufgeschraubt.

Durch die hohe Bewertung der Aktie - und damit seiner "Akquisitionswährung" - hat Dormann auf dem Wachstumsmarkt USA einen entscheidenden Vorteil. Seinem Ziel, den US-Anteil am Gesamtumsatz möglichst bald von derzeit 30 auf 40 Prozent zu steigern, dürfte er damit einen entscheidenden Schritt näher gerückt sein.

Der Leverkusener Bayer-Konzern würde es Aventis gerne gleichtun und ebenfalls die Pharma-Sparte verstärken. Schließlich dümpelt der Aktien-Kurs seit Jahren vor sich hin, zuletzt bei gut 54 Euro. Um die Börse zu überzeugen, denkt Konzern-Chef Manfred Schneider jetzt an eine Umstrukturierung. Über der neuen Strategie brüten seit Wochen zwei Investmentbanken.

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