Wirtschaft : Badische Deeskalations-Strategie

Ursula Weidenfeld

Freitag, um fünf Uhr morgens. Nicht einmal ein Hund ist jetzt auf der Straße. Geschweige denn Menschen. Den meisten hier im badischen Gaggenau ist sowieso gesagt worden, dass sie besser zu Hause bleiben. Jedenfalls denen, die bei König Metall im Stadtteil Rotenfels schaffen. Es ist Streiktag im Unternehmen des Chefs der baden-württembergischen Metallarbeitgeber, Otmar Zwiebelhofer.

Zwiebelhofer, der Verhandlungsführer der Unternehmer im aktuellen Tarifkonflikt ist, hatte Wetten angeboten. Wetten, dass bei ihm gearbeitet würde, auch wenn die IG Metall sein Unternehmen bestreiken will. Seine Leute kämen, selbst wenn die Gewerkschaft Busse mit Beschäftigten von Daimler-Chrysler aus dem benachbarten Rastatt zur Verstärkung heranschaffe.

Gaggenau im Badischen. Hier soll der erste Streik der Metallgewerkschaft seit sieben Jahren einfach so zusammenbrechen? Weil die Arbeitgeber Recht haben, wenn sie behaupten, dass das wirkliche Verhältnis zwischen Chefs und Beschäftigten längst über die Konfrontation, über Streik und Aussperrung hinaus gewachsen ist? Weil niemand für ein Delta von 0,7 Prozent, das zwischen der Arbeitnehmererwartung von rund vier Prozent und dem Arbeitgeberangebot von 3,3 Prozent liegt, seinen Arbeitsplatz riskiert? Wird dieser Freitag zur großen ideologischen Niederlage der IG Metall?

Nicht so ganz. Am späten Donnerstagabend ist von einer Streikfront noch nichts zu sehen. Und im Werk, in dem sonst Bleche verbogen und Rohre verformt werden, ist alles dunkel. Feiertagsruhe. Im Gasthaus "Zum Ochsen" ist der Wirt bester Dinge: "Ein Hoch auf den Doktor Zwiebelhofer", ruft er aus. So viele Zimmer hat er in der Jahreszeit noch nie vermietet. Die nahende Entscheidungsschlacht hat die professionellen Streikbeobachter nach Gaggenau gelockt.

Sie alle stehen am Freitagmorgen einem Häuflein von fünf gut gelaunten und putzmunteren Metallgewerkschaftern gegenüber. Drei Mann von der Geschäftsstelle, zwei von Daimler-Chrysler in Gaggenau und Rastatt. Königmetaller sind weit und breit noch nicht zu sehen. "Wir deeskalieren", erklärt Paul Rodenfels, Geschäftsführer der Gaggenauer IG Metall die Strategie. Wenn keiner kommt, kann auch nichts aus dem Ruder laufen. "Wir haben unseren Leuten gesagt, dass sie alle zu Hause bleiben sollen. Es wird hier nicht zur Entscheidungsschlacht kommen. Die Sache ist zu wichtig, als dass sie bei einem Mittelständler wie Königmetall entschieden würde". Die Deeskalation ist gelungen. Der einzige Mitarbeiter von König Metall, der sich sichtbar im Ausstand befindet, ist der Betriebsratschef. Und Patrick Bilusic hat um fünf Uhr morgens andere Sorgen. Das mitgebrachte Stromaggregat für die Kaffeemaschine und die Streikmusik funktioniert nicht, so sehr Bilusic auch daran zieht und zerrt. Kein Benzin. Um Strom aus dem Werk bitten? "Das tut man nicht. Man hat schließlich seinen Stolz."

Warten auf Benzin, warten auf den Streik. Die Sonne geht langsam auf über dem Gewerbegebiet. Flugblätter werden ausgelegt, auf denen Jack London zitiert wird: "Nachdem Gott die Klapperschlange, die Kröte und den Vampir geschaffen hatte, blieb ihm noch etwas abscheuliche Substanz übrig, und daraus machte er den Streikbrecher." Ein Mann rast mit dem Motorrad in geduckter Haltung an dem Gewerkschafts-Streikmobil vorbei. Abscheuliche Substanz? Die Männer lachen. "Wir lassen doch jeden rein, der wirklich rein will," sagen sie. Streik auf badisch. Freundlich räumen die Gewerkschafter ihre Blockade, einen Tapeziertisch, beiseite, wenn Lieferfahrzeuge kommen oder fahren wollen. Und wenn Beschäftigte kommen, dann dürfen die auch durch, wenn sie sich vorher ausführlich über die schädlichen Wirkungen ihres Treibens für die Solidarität agitieren lassen.

Die Edelstahlfassade des Neubaus reflektiert die Morgensonne. Die kleinen Giebel der Fabrikhalle werden sichtbar. Der Architekt hatte Ambitionen, sie symbolisieren eine Krone. Für den König, den von Königmetall. Doktor Zwiebelhofer fährt vor. Der sportliche 66jährige fährt ein teures schwarzes Mercedes-Coupe. Er trägt Lederjacke und Pullover, "das macht mich etwas proletarischer". Die Metallgewerkschafter, die inzwischen rote Plastiktüten mit IG-Metall-Emblem übergezogen haben, lächeln müde. Und weil immer noch niemand da ist, den man vom Arbeiten abhalten könnte und auch niemand, den der Chef an seinen Arbeitsplatz begleiten könnte, wird - nach dem üblichen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Geplänkel - der badische Kapitalismus erklärt. Der geht so: Die Beschäftigten von Königmetall wissen, dass sie arbeiten müssen, um ihre Auftraggeber, die großen Autohersteller, just in time beliefern zu können. Sie sind aber zu siebzig Prozent in der IG Metall organisiert und wollen sich nicht als Judas oder Esau beschimpfen lassen. Außerdem wollen sie natürlich mehr Geld. Ein paar wie Jens Wapenhans, sind einfach früher gekommen, um dem Krach aus dem Weg zu gehen, "weil der Ami, der hat kein Verständnis dafür, wenn wir nicht liefern". Die anderen nehmen für den Streik kurzerhand einen Urlaubstag. Und versprechen dem Chef, dass sie dafür am Samstag kommen und nach arbeiten. Und dafür gibt es eine Wochenendzulage vom Chef. Der Betriebsrat hat natürlich nicht zugestimmt. Aber er nimmt es zur Kenntnis. Immerhin. 3500 Beschäftigte in elf Betrieben hatte die IG Metall in den Streik gerufen. Bei König Metall haben nach Angaben des Personalchefs vier Beschäftigte offiziell gestreikt. Aber gearbeitet hat auch kaum jemand.

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