Bahn und Lokführer : Mit Getöse in die nächste Runde

Die Lokführer-Gewerkschaft GDL hat mit neuen Streiks bei den Wettbewerbern der Deutschen Bahn gedroht. Die Verhandlungen zwischen Bahn und GDL werden heute fortgesetzt.

Carsten Brönstrup/Alfons Frese

Berlin - Bevor friedlich geredet wird, gibt es noch ein paar verbale Attacken. Kurz vor einer neuen Gesprächsrunde zwischen der Lokführergewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn (DB) schlägt Bahn-Verhandlungsführer Werner Bayreuther auf die Pauke. „Sie stehen vor einem Scherbenhaufen“, schreibt Bayreuther an GDL-Chef Claus Weselsky. Das Ziel der Gewerkschaft, einheitliche Arbeits- und Lohnbedingungen für alle 26 000 Lokführer in Deutschland zu erreichen, sei gescheitert. Dass die sechs großen Privatbahnen die Verhandlungen über einen Branchentarifvertrag abgebrochen haben, „hat die GDL sich und ihrer Taktiererei zuzuschreiben“; eine „einmalige Chance“ sei vertan, schreibt der Bahn-Manager an den Gewerkschafter.

Weselsky reagierte gelassen auf die Vorhaltungen. Bayreuther müsse offenbar „Frust abbauen, bevor er ein verbessertes Angebot vorlegt“, sagte der Gewerkschaftschef dem Tagesspiegel. Die GDL strebe jetzt einen Tarifkompromiss mit der Bahn an und werde anschließend „mit jedem einzelnen“ der privaten Wettbewerber der Bahn ähnliche Vereinbarungen treffen. Dafür bereite man wiederum Streiks vor. „Das wird nicht mehr lange auf sich warten lassen“, sagte Weselsky. „Diese Begleitmusik gehört dazu.“ Der Gewerkschafter ist im Übrigen optimistisch, auch mit den privaten Bahnbetreibern einen Tarifabschluss zu erreichen. „Wenn wir mit der Bahn tarifieren und danach mit den ersten drei oder vier der G6 einen Abschluss machen, dann sieht man, wie das funktioniert“, sagte Weselsky mit Blick auf die Kritik Bayreuthers. Mit G6 sind die großen Wettbewerber der DB gemeint: Arriva, Abellio, Benex, Veolia, Keolis und die HLB. Diese hatten Ende Februar die Tarifgespräche für beendet erklärt. Nun muss die GDL mit den G6 und deren Tochterbetrieben einzeln verhandeln. „Ein koordinierter, identischer Abschluss mit allen Beteiligten ist in weite Ferne gerückt“, schreibt Bayreuther deshalb an Weselsky.

Der Verhandlungsführer der Bahn wirft der Gewerkschaft zudem vor, mit den bisherigen vier Streiks „den Unternehmen des DB-Konzerns und der deutschen Wirtschaft gewaltige Schäden zuzufügen, offensichtlich in der Annahme, dass damit in der Öffentlichkeit genügend ,Druck‘ entstünde“. Ein Arbeitskampf sei aber „weder rechtlich noch politisch haltbar“. Bayreuther deutet Schadenersatz an: „Die GDL wird für die von ihr bisher und womöglich künftig verursachten Folgen einstehen müssen.“

Die Bahn erklärt in dem Brief zudem, dass sie ihr Angebot keinesfalls aufbessern wolle, und teilt vielmehr mit, dass „die mit diesem Schreiben … konkretisierten Verhandlungsgrundlagen keine weitere Ausweitung erfahren werden“. Die GDL hatte Ende vergangener Woche erklärt, von der Bahn ein verbessertes Angebot bekommen zu haben und nur deswegen an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Die Bahn hatte bislang einen neuen Tarif mit den Lokführern nur akzeptieren wollen, wenn mindestens 50 Prozent der Bahn-Konkurrenten sich auch an diesen Tarif halten. Diese Ausgangsbedingung habe die Bahn aufgegeben, so dass der Weg für neue Verhandlungen frei wurde, erläuterte Weselsky.

Dennoch wirft Bayreuther dem GDL- Chef vor, die Lokführer „mit Unwahrheiten aufwiegeln“ zu wollen. So habe Weselsky behauptet, die Bahn verlange eine Arbeitszeitverlängerung ohne Gegenleistung. Tatsächlich habe der Konzern angeboten, im Rahmen der Verlängerung des Kündigungsschutzes die Löhne um 2,5 Prozent zu erhöhen. Bayreuther verlangte von der GDL, „unrichtige Darstellungen“ zu unterlassen. Es könne im Übrigen „nicht der geringste Zweifel daran bestehen, dass wir die Bedingungen unserer Arbeitnehmer um kein Jota verschlechtern werden“, schreibt er.

In dem seit bald einem Jahr dauernden Tarifkonflikt fordert die GDL einen Aufschlag von fünf Prozent. Die Bahn bietet rückwirkend zum 1. März 1,8 Prozent mehr Geld und weitere 2,0 Prozent zum 1. Januar 2012. Hinzu kommt ein Aufschlag im Volumen von 1,2 Prozent durch diverse Sozialleistungen. Wichtiger als die Lohnprozente sind für die GDL indes einheitliche Tarifstandards für etwa 26 000 Lokführer – unabhängig davon, bei welchem Unternehmen sie beschäftigt sind. Carsten Brönstrup/Alfons Frese

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