Wirtschaft : Bahnchef Ludewig gerät weiter unter Druck

BONN/FRANKFURT (MAIN) (bib/ro/chi).Bahnchef Johannes Ludewig gerät zunehmend unter Druck.Im Lichte der harschen Kritik vor allem aus Kreisen der Gewerkschaften und des Betriebsrates steigt auch innerhalb der Bundesregierung der Unmut über den Bahnchef.Als problematisch erweist sich aber, daß noch kein geeigneter Nachfolger gefunden wurde.Von dem Vorschlag, Finanzvorstand Diethelm Sack als "Interimslösung" einzusetzen, hält Verkehrsminister Franz Müntefering (SPD) dem Vernehmen nach nichts.

Der Sprecher von Verkehrsminister Franz Müntefering (SPD), Michael Donnermeyer, wollte dementsprechend am Freitag nicht bestätigen, daß Ludewig bereits bei der nächsten Aufsichtsratssitzung der Deutschen Bahn AG am 2.Dezember abgewählt werden soll.Durch die fortgesetzten Spekulationen, sagte er allerdings, würde dem Ansehen der Bahn schwerer Schaden zugefügt.Deutlicher wurde am Freitag die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED).Deren Chef, Rudi Schäfer, wies die jüngste Kritik des Bahnchefs an den Mitarbeitern, sie würden die Maßnahmen zur Verbesserung der Pünktlichkeit der Züge nur mangelhaft umsetzen, als "unverschämt" zurück.Es sei "die Aufgabe von Ludewig, das Unternehmen zu führen.Wenn er dabei Schwierigkeiten hat, kann er sich nicht bei den Eisenbahnern beschweren."

Ludewig müsse spätestens auf der Aufsichtsratssitzung Anfang Dezember ein Konzept darüber vorlegen, wie er den Imageschaden bei der Bahn beheben, wie er seinen heftig kritisierten Führungsstil künftig gestalten und wie er in Zukunft mit den Mitarbeitern umgehen wolle, sagte Norbert Hansen, der stellvertretende GdED-Vorsitzende dem Tagesspiegel.Wenn dies nicht in befriedigender Form geschehe, werde sich die Gewerkschaft für eine Ablösung Ludewigs stark machen.Ein überzeugendes Konzept muß nach Ansicht von Hansen schon deshalb auf den Tisch, weil die Bahn auch wirtschaftlich in der Krise stecke.1998 werde der Umsatz nur leicht zunehmen und der Gewinn deutlich niedriger ausfallen als 1997.Zudem verliere die Bahn im Gegensatz zum mit der Bahnreform verbundenen Ziel sogar Marktanteile.

Angesichts dieser Kritik wird in Bonn nun offenbar ernsthaft über die Ablösung von Ludewig diskutiert.Aus Kreisen der Koalition und der Bahn verlautete am Freitag, daß nur noch ein geeigneter Nachfolger gesucht werde.Verkehrsminister Franz Müntefering (SPD) sei wenig geneigt, sich für eine Übergangslösung stark zu machen.Sollte Aufsichtsratschef Heinz Dürr aber einen Kandidaten vorschlagen, werde er dafür im Aufsichtsrat die Unterstützung der Vertreter der Bundesregierung und der Arbeitnehmer erhalten.Dürr wies am Freitag allerdings alle Spekulationen zurück: "Derartige Überlegungen sind nicht angestellt worden, dazu gibt es auch keine Veranlassung", ließ er mitteilen.

Fest stehen inzwischen die Kandidaten der Bundesregierung für die drei Posten im Aufsichtsrat, für die das Kabinett Vorschläge machen kann.Außer den SPD-Staatssekretären Elke Ferner (Verkehr) und Alfred Tacke (Wirtschaft) soll nach Informationen des Tagesspiegels auch Finanz-Staatssekretär Manfred Overhaus in das Aufsichtsgremium wechseln.Der parteilose Overhaus war schon seit 1993 unter Theo Waigel (CSU) Staatssekretär.Oskar Lafontaine (SPD) hatte den Haushaltsfachmann übernommen.Die drei Neuen sollen die Aufsichtsräte Hans Jochen Henke (CDU), Jürgen Stark und Roland Koch (FDP) ersetzen, die die alte Bundesregierung in das Gremium entsandt hatte.

Für eine Ablösung von Ludewig plädierte am Freitag auch der verkehrspolitische Sprecher von Bündnis90/Die Grünen, Albert Schmidt.Das Verhältnis zwischen Vorstand und Belegschaft sei mittlerweile "so gespannt und das Vertrauen so beschädigt, daß eine Ablösung notwendig und geboten ist", sagte er dem Tagesspiegel.Daß dies allerdings schon bei der nächsten Sitzung des Aufsichtsrates am 2.Dezember der Fall sein wird, halte er für "rein spekulativ".

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