• Banken machen sich Sorgen um Deutschland Sozialreformen müssen durchgesetzt werden/Schwacher Dollar und teures Öl trüben die Stimmung an der Börse

Wirtschaft : Banken machen sich Sorgen um Deutschland Sozialreformen müssen durchgesetzt werden/Schwacher Dollar und teures Öl trüben die Stimmung an der Börse

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(brö). Für eine wirtschaftliche Erholung in Deutschland gibt es noch große Risiken. Der schwache Dollar, das teure Öl und ein mögliches Scheitern der Reformen der Regierung könnten der Wirtschaft erheblichen Schaden zufügen, sagte Norbert Walter von der Deutschen Bank, der das Gremium der Chefvolkswirte beim Bundesverband deutscher Banken (BdB) leitet, am Dienstag in Berlin. Auch am Finanzmarkt wuchs die Skepsis – die Konjunkturerwartungen, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim ermittelt, gingen erstmals seit elf Monaten zurück. Die Börse quittierte dies mit sinkenden Aktienkursen.

Die Prognose des BdB geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr gar nicht und im kommenden Jahr um 1,6 Prozent wachsen wird. Getragen werde dies von der Erholung der Weltwirtschaft, sagte Walter. Momentan lege die Summe der neu produzierten Waren und Dienstleistungen erstmals nach drei MinusQuartalen wieder leicht zu. Im kommenden Jahr gebe es zwar ein stärkeres Wachstum, das aber sei „fragil“. Für den Arbeitsmarkt erwarten die Chefökonomen der deutschen Privatbanken eine noch weitere Verschlechterung: Nach durchschnittlich 4,42 Millionen Arbeitslosen in diesem Jahr würden 2004 etwa 4,45 Millionen Menschen eine Stelle suchen.

In diesem wenig optimistischen Bild sehen die Volkswirte noch eine Reihe von Unsicherheiten. Die größte sei die Entwicklung des US-Dollar. Die Währung hat seit Ende September im Verhältnis zum Euro rapide an Wert verloren; heimische Exporteure fürchten deshalb um ihre Wettbewerbsfähigkeit auf Auslandsmärkten. Am Dienstag setzte die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzkurs bei 1,1656 Dollar fest– etwas leichter als am Vortag. Doch am Abend schaffte der Euro auch wieder den Sprung über die Marke von 1,17 Dollar. „Die Stärke des Euro wird anhalten“, prognostizierte Walter. „Rasche und heftige Wechselkursbewegungen beeinträchtigen den internationalen Handel, verursachen Reibungsverluste an den Finanzmärkten und führen zu globalen Wachstumsverlusten“, warnte Walter. Eine „unkontrollierte Abwertung des Dollar“ sei nicht auszuschließen. Für ein baldiges Ende der Dollar-Abwertung spreche aber der beginnende Aufschwung in den USA. Schon bald werde die US-Wirtschaft wieder stärker wachsen als die in Europa. Allerdings sei es bei einem weiteren Anschwillen des Leistungsbilanzdefizits wahrscheinlich, dass der Dollar weiter an Wert verliere. „Dann müsste die EZB überlegen, ob sie das nicht durch eine Senkung der Leitzinsen kompensiert“, forderte Walter.

Unsicherheit für die deutsche Konjunktur gehe zudem von der Reformpolitik in Berlin aus. „Ein Scheitern der Agenda 2010 würde das Vertrauen von Investoren und Konsumenten schädigen. Unsere Prognose müsste dann nach unten korrigiert werden“, urteilte er. Das gelte auch für das Vorziehen der Steuerreform. Als drittes Risiko nannten die Banken-Ökonomen den Ölpreis. Liege er dauerhaft über 25 Dollar je Barrel (159 Liter), „erhielte das weltweite Wachstum einen Dämpfer“. Seit etwa drei Wochen nähert sich der Ölpreis wieder der 30-Dollar-Marke.

Aktienhändler reagieren enttäuscht

Die Entwicklung von Dollar und Euro trübt auch die Aussichten der Finanzmarkt-Fachleute für das kommende Halbjahr. Das ZEW-Institut hatte sie befragt, um daraus den Index der Konjunkturerwartungen zu berechnen. Ergebnis: Im Oktober sind sie leicht zurückgegangen, nachdem die Stimmung zuvor elf Monate in Folge besser geworden war. Schuld daran sei der erstarkte Euro, erklärte das Institut. Der Indikator zeige, dass der Optimismus anhalte, aber die Unsicherheit über die Konjunkturerholung noch nicht gänzlich verflogen sei.

Die Börse zeigte sich zunächst enttäuscht von den ZEW-Daten. Der deutsche Standardwerte-Index Dax erholte sich jedoch wieder und schloss schließlich fast unverändert.

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