• Banken sollen erneut manipuliert haben US-Aufsicht prüft verbotene Tricks bei Zinsderivaten. Auch die Deutsche Bank ist dabei

Wirtschaft : Banken sollen erneut manipuliert haben US-Aufsicht prüft verbotene Tricks bei Zinsderivaten. Auch die Deutsche Bank ist dabei

Astrid Dörner[Ozan Demircan (HB)]

New York/Frankfurt am Main - Der Libor-Skandal Anfang des Jahres hat die Finanzmärkte erschüttert. Ein Referenzzinssatz, an dem Papiere über 350 Billionen Dollar (263 Billionen Euro) hängen, ist jahrelang systematisch manipuliert worden. Niemand hat es mitbekommen. Der angerichtete Schaden ist kaum zu beziffern, erst recht nicht der Vertrauensverlust bei den Bürgern. Jetzt kommen auf die großen internationalen Banken neue, schwere Manipulationsvorwürfe zu. Ermittler der amerikanischen Derivateaufsicht CFTC haben offenbar Belege für die Manipulation eines zentralen Referenzsatzes für Zinsderivate gefunden. Das berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Mit dem Bericht mehren sich die Anzeichen, dass die Manipulationen des Interbankensatzes Libor nur die Spitze des Eisbergs sind.

Aus aufgezeichneten Telefonaten und E-Mails, die von der CFTC überprüft wurden, geht hervor, dass Händler von Wall- Street-Banken die Mitarbeiter des Brokers ICAP anwiesen, Zins-Swaps zu kaufen oder zu verkaufen, um den Referenzzinssatz Isdafix auf ein vorher bestimmtes Niveau zu bringen. Über den Zinssatz vereinfacht die gleichnamige Handelsorganisation mit weltweit rund 800 Mitgliedern den privaten Handel mit Zinswetten, sogenannten Derivaten. Seit Januar 1999 ist das Barometer von vier auf zwei Prozent gesunken; Nutznießer wären in diesem Kontext die Banken selbst, denen die Manipulation vorgeworfen wird.

Seit Mai hat die CFTC mehr als ein Dutzend Händler von Barclays, ICAP und der Citigroup befragt. Die Aufsichtsbehörde arbeitet sich durch eine Million E-Mails, wie weiter verlautete. Von Barclays habe die CFTC aufgezeichnete Telefongespräche erhalten. Befragungen bei 13 weiteren Banken sind geplant. Laut Bloomberg ermittelt die CFTC auch gegen die Deutsche Bank. An dem Zinsverfahren beteiligt sind aber unter anderem auch die Commerzbank und die Hypo-Vereinsbank, weltweit sind es 15 Geldhäuser, die verantwortlich sein könnten. Weder die Deutsche Bank noch die Finanzaufsicht Bafin waren am Wochenende für eine Stellungnahme zu erreichen gewesen.

Der Zinssatz ist weitaus weniger bekannt als der Libor, kann jedoch locker mit diesem mithalten: Mit ihm werden Preise für Zinswetten berechnet. Der Markt hierfür ist rund 370 Billionen Dollar schwer. Die Produkte werden von den großen Pensionsfonds und Konzernen ebenso benutzt wie vom führenden Anleihefonds Pimco, um sich gegen mögliche Verluste abzusichern oder um auf Zinsschwankungen zu spekulieren. Auch verschiedene Börsen nutzen den Zinssatz, unter anderem die Chicagoer CME, an der beispielsweise Optionen auf Zucker, Rinder oder Holz gehandelt werden.

Branchenkenner befürchten, dass Banken zu ihrem finanziellen Vorteil Referenzsätze für eine ganze Reihe von Märkten auf der Welt manipulieren – von Zinssätzen über Währungen bis hin zu Rohstoffen. Welche Finanzhäuser dieses Mal tatsächlich in der Verantwortung stehen, ist noch nicht bekannt.

„Isdafix ist noch undurchsichtiger als Libor und kann potenziell das Leben von mehr Menschen beeinflussen“, sagt der New Yorker Finanzberater Jack Chen. „In drei Jahren wird IsdafiIsdafix das wichtigere Thema sein, und die Schäden können potenziell größer sein als beim Libor.“ Barclays, UBS und die Royal Bank of Scotland haben im Zuge der Libor-Ermittlungen Strafen in Höhe von rund 2,5 Milliarden Dollar gezahlt. Chen weist jedoch darauf hin, dass die Ermittler E-Mails finden müssen, aus denen eindeutig hervorgeht, dass die Händler eine manipulative Absicht hatten, ebenso wie im Libor-Fall.

Die Praxis dürfte gegen das Dodd- Frank-Gesetz zur Finanzmarktreform aus dem Jahr 2010 verstoßen. Darin wird Händlern untersagt, absichtlich in die Ausführung von Transaktionen zur Festlegung von solchen Zinsbarometern einzugreifen. Die Bewohner des großen Finanzplatzes London haben die Machenschaften der Banker derweil schon länger satt. Im April kleisterten Aktivisten in der britischen Hauptstadt Spruchbänder über Werbetafeln der Großbank Barclays. Darauf steht: „Libor: Lie bores“ – auf deutsch: Lüge langweilt. Astrid Dörner, Ozan Demircan (HB)

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