Bayer-Pharmachef im Interview : „Ein Medikament kostet eine Milliarde“

Der Chef von Bayers Pharmasparte, Andreas Fibig, über neue Krebsmedikamente, Entwicklungsrisiken, die Anti-Baby-Pille und den Standort Berlin.

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Minimaler Prozentsatz. Nur eines von 10 000 Projekten schafft es bis zur Marktreife.
Minimaler Prozentsatz. Nur eines von 10 000 Projekten schafft es bis zur Marktreife.Foto: D. Spiekermann-Klaas

Herr Fibig, Bayer hat 2,1 Milliarden Euro für den norwegischen Krebsspezialisten Algeta ausgegeben. Das ist das Dreißigfache des Jahresumsatzes der Norweger. Wie wollen Sie das Geld wieder reinkriegen?

Unsere Kooperation mit Algeta läuft seit 2009. Mit der Vermarktung von Xofigo, dem Produkt, das wir gemeinsam entwickelt haben, sind wir aber noch ganz am Anfang. Im Mai letzten Jahres haben wir es in den USA eingeführt. Bisher ist das Mittel nur für die Behandlung von Prostatakrebs mit Knochenmetastasen zugelassen, wir wollen es aber auch für andere Krebsarten weiterentwickeln, bei denen Knochenmetastasen eine Rolle spielen – Brustkrebs zum Beispiel. Von dem Produkt erhoffen wir uns einen Spitzenumsatz von einer Milliarde Euro im Jahr.

Warum lassen sich so viele aufstrebende kleine Firmen von Konzernen aufkaufen?

Gerade für kleinere Unternehmen ist es sehr schwierig, die Entwicklungskosten für neue Medikamente zu tragen. Die Forschungskosten sind zwar relativ gering, aber teuer wird es, wenn man groß angelegte klinische Studien durchführen muss. Wir haben Xofigo bis zur Marktreife gebracht. Der weltweite Vertrieb wird noch mal richtig aufwendig. Ein Beispiel: Xofigo enthält eine radioaktive Substanz. Das Land Colorado lässt aber kein radioaktives Material von außerhalb der USA einfliegen. Also fliegen wir Xofigo nach San Francisco, von dort bringen Trucks es nach Denver. Für so etwas braucht man eine große Logistik.

Ist die Krebsforschung der Bereich, der am meisten Gewinn verspricht?

Es werden viel mehr Krebserkrankungen diagnostiziert als früher. Bayer investiert seit mehr als 20 Jahren in die Krebsforschung. Mit Nexavar haben wir ein gutes Nieren- und Leber-Krebsmedikament, aber wir wollen uns breiter aufstellen, neue Präparate entwickeln und zukaufen.

Aktuell bündeln Sie Ihre Krebsforschung in Berlin. Werden durch Zukäufe bestehende Abteilungen und Mitarbeiter überflüssig?

Nein, absolut nicht. Wir vergrößern ja das Portfolio. Dabei hilft uns Algeta, das am Standort Oslo rund 100 Mitarbeiter beschäftigt. In Berlin arbeiten über 2000 Menschen in der Forschung und Entwicklung. Wir müssen uns überlegen, wie wir Oslo und Berlin verknüpfen, aber wir stellen auch hier neue Leute ein.

Sie wollen in Berlin investieren?

Ganz klar. Rund 40 Millionen Euro jährlich in Ausstattung und Projekte. 2013 haben wir weltweit 1,7 Milliarden Euro in die Pharma-Forschung investiert. Wir haben uns vorgenommen, die Aufwendungen in diesem Jahr nochmals zu erhöhen, Bayer gesamt auf 3,5 Milliarden Euro.

Was kostet ein Medikament bis zur Marktreife?

Eine Milliarde Euro im Schnitt. Unser Blutverdünner Xarelto, neben Xofigo eines von fünf großen Produkten, die wir zur Zeit einführen, hat mehr als zwei Milliarden gekostet. Und man muss beachten: Wir forschen an unendlich viel mehr Produkten, als wir letztendlich verkaufen. Von 10 000 Stoffen schafft es nur einer. Wir gehen jedes Mal ein großes Risiko ein. Hinzu kommt, dass die Rahmenbedingungen nicht ganz verlässlich sind.

Inwiefern?

Wir forschen an einem Medikament acht bis zehn Jahre. In dieser Zeit sehen wir zwei bis drei Gesundheitsminister. Wir brauchen aber frühestmöglich die Gewissheit, wie das Registrierungsverfahren für ein Medikament aussieht, das in zehn Jahren marktreif ist, und ob die Krankenkassen es bezahlen würden. Es wäre gut, wenn die Politik noch weiter erkennt, wie wichtig die industrielle Gesundheitswirtschaft ist. In dem Sektor arbeiten mehr als sechs Millionen Beschäftigte in der Bundesrepublik. Allein in Berlin beträgt der Absatz von Erzeugnissen fast vier Milliarden Euro, der größte Anteil der industriellen Produktion. Und Bayer arbeitet mit 1700 Firmen zusammen.

Der Zwangsrabatt für Medikamente, den Hersteller den Kassen geben müssen, ist von 16 auf sieben Prozent gesenkt worden.

Nichtsdestotrotz beträgt er immer noch sieben Prozent. Außerdem leiden wir unter dem Preismoratorium. Wir haben keine Chance, einen Inflationsausgleich vorzunehmen. Die Gewerkschaft hat gerade drei Prozent Lohnerhöhung durchgesetzt, auch darauf bleiben wir sitzen.

Im vergangenen Jahr hat Bayer einen Nettogewinn von 3,2 Milliarden Euro gemacht, ein Drittel mehr als 2012.

Wie gesagt, wir haben derzeit fünf starke neue Produkte am Start. Aber 2009 bis 2011 hatten wir ziemlich harte Jahre, weil Patente ausgelaufen waren. Wir mussten die Kosten senken. Jetzt sind wir im Aufwind. Aber: Ein Patent läuft ab Anmeldung 20 Jahre. Wenn man es zehn Jahre lang entwickelt, zwei Jahre lang einführt, dann bleiben nur noch acht Jahre, um die Investitionen wieder zu verdienen. Dieses Geld brauchen wir, um neue Medikamente für die Zukunft zu entwickeln.

Sie sind seit fünfeinhalb Jahren im Konzern. Wie hat sich der Markt verändert?

Der Markt wächst, in den nächsten fünf Jahren dürfte er nochmals um vier bis fünf Prozent zulegen. Und die Nachfrage verändert sich. In den USA zum Beispiel, unserem wichtigsten Absatzmarkt, interessieren sich immer mehr Frauen für Alternativen zur täglichen Anti-Baby-Pille wie die Hormon-Spirale.

Die Pillen der Yasmin-Gruppe waren ja einst das Vorzeige-Produkt von Schering.

Richtig. Die Gruppe ist auch nach wie vor stark, aber sie stagniert. Längerwirksame Verhütungsmittel sind im Kommen. Da bessern wir nach.

In Berlin gibt es zahlreiche kleine Biotech-Unternehmen. Wie interessant sind die für Sie?

Denen bieten wir Partnerschaften an. Im Mai wollen wir unseren „CoLaborator“ in Berlin eröffnen, wir haben ein Gebäude komplett ausgeräumt und neu ausgestattet, in das Biotech-Firmen einziehen können. Wir stellen unser Know-how und unsere Geräte zur Verfügung. Das gleiche Modell läuft seit zweieinhalb Jahren erfolgreich in San Francisco. Wir hoffen, zur Eröffnung schon einige Partner vorweisen zu können.

Die nutzen also Ihre Infrastruktur. Und was haben Sie davon?

Wir können sehen, was sich entwickelt und rechtzeitig sagen: Das finden wir toll, das behalten wir im Auge.

Das Gespräch führte Maris Hubschmid.

DER CHEF
Andreas Fibig, 52, wuchs in Berlin-Reinickendorf auf und lernte Industriekaufmann bei Schering. Spätere Stationen waren die Boehringer Ingelheim KG und die schwedische Pharmacia & Upjohn GmbH. Mit der Übernahme von Pharmacia durch Pfizer kam Fibig 2002 zu dem US-Konzern, seit 2008 arbeitet er für Bayer.

DER KONZERN
Die Leverkusener Bayer AG setzte 2013 gut 40 Milliarden Euro um. Pharma ist die erfolgreichste Unternehmenssparte und hat ihren Sitz in Berlin-Wedding, bis 2006 Hauptsitz der Schering AG, die vollständig in Bayer aufging. Aktuell sind bei Bayer in Berlin 4800 Menschen beschäftigt.

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