Wirtschaft : Bei den Verbraucherschützern geht es ans Eingemachte

HEIKE JAHBERG

Die öffentlichen Zuwendungen fließen spärlicher / Nun sollen die Organisationen selbst Geld verdienen, doch das ist nicht so einfachVON HEIKE JAHBERGSchuld sind wir Verbraucher.Zwar rennen wir wegen jeder Kleinigkeit zur Verbraucher-Zentrale, um uns beim Streit mit der Bank, dem Möbelhaus oder der Versicherungsgesellschaft den Rücken stärken zu lassen, doch zahlen wollen wir dafür am liebsten nichts.Und natürlich wissen wir auch die gute, alte Stiftung Warentest zu schätzen und den Standortvorteil, den wir als Berliner genießen: Bevor wir Waschmaschine oder Videorecorder kaufen, können wir schnell noch einen Schlenker zum Stiftungs-Shop am Lützowplatz einschieben, um uns schnell und kostenlos über die letzten Testergebnisse zu informieren.Der Rest der Republik muß für diesen Service zumindest die Telefongebühren zahlen.Jeder schätzt sie, doch keiner will wirklich für ihre Dienste in die Tasche greifen - das ist das Dilemma der Verbraucherorganisationen.Hinzu kommt, daß auch die Kassen der öffentlichen Hand keineswegs mehr prall gefüllt sind wie früher.Kein Wunder also, daß Bund, Länder und Kommunen bei ihren Zuwendungen immer mehr knapsen.Beispiel AgV: Auf 14,38 Mill.DM ist der Gesamthaushalt der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV) in diesem Jahr gesunken.Fast 19 Mill.DM waren es noch im Jahr zuvor.Die politische Interessenvertretung der Verbraucher hängt am Tropf des Bundes, und der zahlt nicht mehr so üppig wie früher.Auf kaum 12,65 Mill.DM sind jetzt schon die Planungen für den Etat 1999 bedenklich zusammengeschrumpft; ein massiver Stellenabbau läßt sich angesichts einer solchen Mängelverwaltung nicht vermeiden, warnte bereits AgV-Mitarbeiter Manfred Dimper.Nicht minder hart trifft es diejenigen, die täglich die Kärrnerarbeit vor Ort leisten.Die 16 Verbraucherzentralen in West und Ost kämpfen Jahr für Jahr um das Allernötigste.Denn das dichte Netz von Beratungsstellen - rund 350 gibt es in Deutschland - verschlingt erhebliche Mittel, hinzu kommen die Kosten für die äußerst personalintensive Einzelfallberatung.Ohne die Hilfe von Ländern und Kommunen liefe hier gar nichts mehr.Beispiel Berlin: Auf rund 3,7 Mill.DM summierten sich im Jahr 1996 die Einnahmen der Verbraucherschützer, davon kamen allein 67,4 Prozent vom Wirtschaftssenator.Als die Senatswirtschaftsverwaltung im vergangenen Jahr plötzlich 405 000 DM strich, stand die VZ vor dem Konkurs und konnte nur durch eine Soforthilfe aus dem Hause Pieroth gerettet werden.Obwohl die ostdeutschen Verbraucherzentralen anders als ihre West-Schwestern auch in diesem Jahr noch einen Sockelzuschuß vom Bund erhalten, stehen auch sie nicht besser da.Die Verbraucherorganisationen sind "an den Grenzen ihrer Möglichkeiten angelangt", heißt es in der Stellungnahme der VZ Sachsen zur öffentlichen Anhörung des Bundestags-Ausschusses für Wirtschaft Anfang Februar."Existenzielle Bedrohungen einzelner Organisationen sind bereits tagesaktuell."Die Nöte sieht auch der Bund."Die finanzielle Unterstützung von Verbraucherorganisationen aus den öffentlichen Haushalten hat mit der Expansion der Aufgaben nicht Schritt gehalten", räumt das Bundeswirtschaftsministerium ein.Doch trotz allen Verständnisses für die mißliche Lage will Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt der jährlichen Wurschtelei nun ein Ende bereiten.Das bisherige System lasse die Erfüllung der wachsenden Aufgaben "längerfristig nicht gesichert erscheinen", fürchtet man im Wirtschaftsministerium.Zwar ist Rexrodt bereit, auch in Zukunft zu zahlen, doch will er dafür echte Reformen sehen.Die Verbraucherorganisationen sollen sich auf die Hinterbeine stellen, Mitglieder werben und mehr Eigeneinnahmen heranschaffen, heißt es in Bonn.Mit der Eigenfinanzierung sieht es bislang schlecht aus.Einzig die vom Bund mit 13 Mill.DM jährlich unterstützte Stiftung Warentest erzielt 87 Prozent ihrer Einnahmen aus eigener Kraft.Den Löwenteil bringt der Verkauf der Zeitschriften "Test" und "Finanztest" sowie der Absatz von Ratgeber-Büchern ein.Alle anderen Verbraucherorganisationen stehen deutlich schlechter da, das gilt besonders für die Verbraucher-Zentralen.Dabei haben sie in den letzten Jahren schon kräftig an der Gebührenschraube gedreht.Seit November 1996 verlangt die VZ Berlin für die telefonische Rechts-, Versicherungs-, Spar-, Mieter- und Patientenberatung 3,60 DM pro Minute, um so wenigstens auf die Summen zu kommen, die Verbraucher für eine persönliche Rechts- oder Versicherungsberatung (15 DM) zahlen müssen.Doch auch diese Sätze sind alles andere als kostendeckend.200 DM für eine ausgiebige Beratung hält Manfred Dimper von der AgV schon eher für realistisch und angemessen.Immerhin könne eine solche objektive Information dem Verbraucher helfen, später Tausende von DM zu sparen.Doch während die Deutschen fürs "heilige Blechle" und dessen Repräsentanz im ADAC Millionen springen lassen, halten sie bei den Verbraucherverbänden die Geldbörse fest verschlossen."Die theoretisch beste und überzeugendste Lösung wäre eine Finanzierung durch die Verbraucher selbst", heißt es zwar in einem Gutachten zur Finanzierung der Verbraucherarbeit, das vom Münchner ifo-Institut und dem imug Institut für Markt, Umwelt und Gesellschaft, im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellt worden ist.Doch die Gutachter selbst geben einem "Verbraucher-ADAC" nur wenig Chancen.Es fänden sich wohl kaum genug Mitglieder, denen die Informationen der Verbraucherschützer regelmäßige Mitgliedsbeiträge wert wären.Nachteilig für die Verbraucherarbeit ist nach Meinung der Wissenschaftler aber noch eine weitere deutsche Besonderheit: die institutionelle Trennung zwischen einzelwirtschaftlich vergleichsweise lukrativen Aufgaben (Stiftung Warentest) und der wirtschaftlich wenig ergiebigen politischen oder rechtlichen Vertretung von Verbraucherinteressen.Die in Deutschland übliche Aufgabensplittung stößt auch bei der europäischen Verbrauchervertretung Beuc auf Verwunderung.In keinem anderen Land Europas sei die Herausgabe einer Zeitschrift von der politischen Interessenvertretung abgekoppelt, sagt Beuc-Direktor Jim Murray.Um die nötigen Einnahmen für die Lobbyarbeit zu erwirtschaften, werden die Verbraucher im Ausland mit Extras gelockt.Beispiel: Consumentenbund.Wer die Testzeitschrift der Holländer abonniert, kann auch den Beratungsservice der Verbraucherschützer in Anspruch nehmen.Noch reger sind die Briten.Die Consumers Association (CA) läßt ihren Kunden enorme Wahlfreiheiten.So kann man die Zeitschrift "Which" mit oder ohne oder mit gestaffelter individueller Beratung ordern.Oder nur "online", dafür aber auf Wunsch mit Internet-Zugang via CA.Auch eine eigene Kreditkarte geben die geschäftstüchtigen Londoner heraus, selbst Computer kann man bei der Verbraucherorganisation erstehen.Doch alle Findigkeit haben weder die Niederländer noch die Briten davor bewahren können, in eine ernste finanzielle Krise zu schlittern.Die Einnahmen reichen nicht aus, um die hohen Beratungs- und Verwaltungsaufwendungen zu decken.Als Muster für die Lösung deutscher Finanznöte taugen die europäischen Beispiele nicht, heißt es daher bei uns.Dennoch will niemand öffentlich eine Prognose darüber abgeben, wie der Streit ums Geld letztlich ausgehen wird.Hinter vorgehaltener Hand hört man eines aber besonders oft: "Das wird im Sande verlaufen", sagen Insider.Ob da nicht auch ein Funken Hoffnung mitschwingt?

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