Wirtschaft : Belgrad schaut nach Brüssel

Viele Serben hoffen auf einen EU-Beitritt ihres Landes. Landwirte versprechen sich deutliche Handelserleichterungen.

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Rotes Gold. Paprikapulver aus der Vojvodina gilt als besonders aromatisch. Foto: rtr Foto: Reuters
Rotes Gold. Paprikapulver aus der Vojvodina gilt als besonders aromatisch. Foto: rtrFoto: Reuters

Belgrad - In roten, hochhackigen Pumps stapft Valeria Balint über den Acker. „Das ist mein Land“, ruft sie und breitet die Arme aus. Hinter ihr erstrecken sich die schwarzen Furchen der umgepflügten Felder bis zum Horizont, graue Wolken zeichnen Schatten auf die klumpige Erde. Es bedarf schon ein wenig Vorstellungskraft, um sich auszumalen, wie es hier im Sommer aussieht, wenn auf den Feldern Mais, Mohn, Dinkelweizen und vor allem Paprika wachsen. Vor ein paar Wochen haben Balint und die anderen Bauern aus Telecka, einem kleinen Dorf im Norden Serbiens, die letzten der knöchelhohen Paprikapflanzen abgeerntet. Hinter ihnen liegt ein schwieriges Jahr, die Dürre im Sommer hat sie fast die Hälfte der Ernte gekostet.

Dabei ist die schwarze Erde hier in der serbischen Provinz Vojvodina in normalen Jahren besonders fruchtbar. Das Paprikapulver, das Balint und die anderen Bauern herstellen, hat die höchste Güteklasse – weshalb zum Beispiel Feinkost Käfer oder Galeria Kaufhof es in ihr Sortiment aufgenommen haben.

Der Kontakt nach Deutschland kam vor gut acht Jahren zustande, als Rudolf Bühler, ein Landwirt der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall, ins Dorf kam. Bühler war damals auf der Suche nach einem besonders guten Paprikapulver für seine Fleischprodukte. Ein Mitarbeiter aus dem früheren Jugoslawien hatte ihm vorgeschwärmt, wie toll das Paprikagewürz der Region sei. Ein Glücksfall für Valeria Balint und die übrigen Bauern in Telecka.

Seitdem haben die Deutschen ihnen beigebracht, wie sie ihre Paprika ökologisch anbauen. Statt zu spritzen, harken die Bauern zum Beispiel die Erde vier bis fünf Mal im Jahr durch, damit das Unkraut die Pflanzen nicht erstickt. Auch haben die Deutschen ihnen geholfen, eine eigene Erzeugergemeinschaft aufzubauen. Unterstützt wird das Projekt von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Über die Erzeugergemeinschaft können die Bauern aus Telecka ihr Paprikapulver nach Deutschland verkaufen. „Das ist wichtig für uns Kleinbauern“, sagt Balint. Denn für ein Kilo Paprikagewürz bekommen sie von den deutschen Partnern neun bis zehn Euro. Auf den regionalen Wochenmärkten rund um Telecka wären es nur vier bis fünf Euro, und sie würden dort nie die gesamte Ernte loswerden.

Wie die 56-Jährige setzen viele Serben große Hoffnungen auf die Landwirtschaft. Zum einen lebt über die Hälfte der Bevölkerung auf dem Land, zum anderen gibt es hier die meisten Jobs: Etwa ein Drittel der Beschäftigten arbeitet im Agrarsektor. Denn Serbiens Wirtschaft hat noch immer Nachholbedarf. Während der Jugoslawienkriege der 1990er Jahre ist ein Großteil der Industrieproduktion im Land zum Erliegen gekommen. Und von den Betrieben, die überlebt haben, sind viele noch immer in Staatsbesitz. Die Arbeitslosenquote im Land liegt bei 28 Prozent – vor allem junge Menschen haben trotz Universitätsabschluss Schwierigkeiten, einen Job zu finden. „Viele junge Menschen gehen weg“, sagt Balint. Auch in ihrem Dorf ist manch ein Haus verlassen, Unkraut wächst vor heruntergelassenen Rollläden.

Gut 200 Kilometer südlich in der Hauptstadt Belgrad sitzt Mladjan Dinkic an einem Konferenztisch im Parlamentsgebäude. Der Wirtschafts- und Finanzminister kennt die Herausforderungen, vor denen sein Land steht. „Wir versuchen, das Wirtschaftsklima zu verbessern“, sagt er, „wir wollen mehr ausländische Direktinvestitionen ins Land holen.“ Helfen soll dabei auch der Beitritt zur EU. „Wir sind bereit für die Verhandlungen über einen Beitritt“, meint er. Wie Dinkic hoffen viele in Belgrad, dass bereits die Aussicht auf eine Aufnahme in die Europäische Union neue Reformen im Land anstoßen könnte. Doch bislang gibt es noch nicht einmal einen Termin, wann die Verhandlungen beginnen werden. Er soll im Frühjahr festgelegt werden.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich Serbien und der Kosovo weiter annähern. Denn auch fast fünf Jahre, nachdem die Region ihre Unabhängigkeit ausgerufen hat, hat Serbien den Kosovo nicht als eigenständigen Staat anerkannt. In Umfragen geben zwar die Hälfte der Serben an, den EU-Beitritt zu wollen. 70 Prozent von ihnen lehnen ihn allerdings ab, wenn Serbien dafür den Kosovo aufgeben muss.

Gleichzeitig können sich viele Serben nicht so genau vorstellen, wie es wäre, Mitglied der EU zu sein. So wie der 63-jährige Bezdan Istvan. Auch er lebt in dem kleinen Dorf Telecka im Norden Serbiens. „Natürlich wollen wir den EU-Beitritt“, sagt er, „aber ob dadurch etwas besser wird, weiß ich nicht.“ Seinen Optimismus hat er schon lange verloren. 30 Jahre habe er für eine Firma in der Nähe gearbeitet, die Türschlösser produzierte. Doch vor gut zehn Jahren sei die pleitegegangen. „Seitdem ist das Leben schwer hier“, sagt Istvan. Zusammen mit seiner Frau baut er auf seinem Grundstück Tabak an, den er an einen japanischen Großkonzern, Japan Tobacco International, verkauft. Wie viel er dafür bekommt, will er nicht sagen. Es reiche so gerade zum Leben, übrig bleibe nie etwas.

Während für Istvan die Landwirtschaft die einzige Möglichkeit ist, überhaupt Geld zu verdienen, ist sie für Valeria Balint eine Zukunftsbranche und eine Chance für Serbien. Auch sie wird mit dem Paprikapulver, das sie nach Deutschland verkauft, nicht reich – wenn das Wetter mitspielt, verdient sie damit etwa 16000 Euro im Jahr. Dennoch strahlt sie Zuversicht aus. Wenn sie lacht, baumeln an ihren Ohrläppchen die roten Ohrringe in Form von zwei Paprikaschoten hin und her. „Die EU“, sagt sie, „ist unsere Chance auf ein besseres Leben.“ Sie meint, nach einem Beitritt würde es noch einfacher, ihr Paprikapulver nach Deutschland zu exportieren, „ohne so viel Papierkram“. Und sie hofft, dann auch etwas Geld zu sparen, um mehr Land zu kaufen und darauf weitere Paprika anpflanzen zu können. „Denn Landwirtin“, sagt sie, „ist der beste Beruf, den man sich wünschen kann.“ Carla Neuhaus

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