Wirtschaft : BenQ übernimmt den Verlustbringer

Überraschend gibt das Münchner Unternehmen den gesamten Mobiltelefonbereich an den Elektronikkonzern aus Asien ab

Nicole Huss

München - Der taiwanesische Elektronikkonzern BenQ übernimmt das Siemens-Mobilfunkgeschäft mit weltweit 6000 Mitarbeitern. Garantien für die 4000 Arbeitsplätze in Deutschland über den bis Mitte 2006 geltenden Tarifvertrag hinaus will BenQ nicht geben. Arbeitnehmervertreter fürchten langfristig einen Stellenabbau in den deutschen Werken. Siemens-Chef Klaus Kleinfeld sprach von einer „idealen Lösung“. An der Börse stieß die Transaktion auf Zustimmung: Die Siemens-Aktie gewann 2,27 Prozent auf 62,60 Euro.

„Mit dieser Partnerschaft haben wir eine nachhaltige Perspektive für Kunden, Mitarbeiter und Anteilseigner geschaffen“, sagte Kleinfeld am Dienstag in München. BenQ und Siemens ergänzten sich ideal. Siemens profitiere von dem erfolgreichen Konsumgeschäft von BenQ, während die Taiwanesen Zugang zu den europäischen und lateinamerikanischen Märkten erhielten, wo Siemens stark positioniert sei. BenQ kann die Marken- und Namensrechte von Siemens fünf Jahre lang nutzen und will den Handys dann den eigenen Namen geben.

Siemens hatte monatelang nach einem Partner für sein verlustreiches Handygeschäft gesucht. Während bei anderen Herstellern wie Nokia und Motorola das Geschäft boomt, schreibt Siemens mit seinen Handys seit vier Quartalen rote Zahlen. Täglich fällt ein Verlust von rund einer Million Euro an. Branchenexperten machen dafür vor allem Managementfehler verantwortlich. Siemens hat demnach technologische Trends verschlafen. Dazu kamen Probleme wie eine schwere Softwarepanne.

Siemens gibt BenQ mit dem Verkauf der Handysparte, die im vierten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2004/05 (30. September) erfolgen soll, eine Mitgift von 250 Millionen Euro netto. Sie besteht aus Barkomponenten, Hilfe bei der Entwicklung von Patenten und MarketingaufwendungenZudem bekommt BenQ die Handysparte schuldenfrei. Nach Siemens-Angaben wird der Verkauf das Vorsteuerergebnis des Konzerns im Geschäftsjahr 2004/05 um 350 Millionen Euro mindern. Im Zuge der Übernahme wird Siemens Aktien von BenQ in Höhe von 50 Millionen Euro zeichnen und hält dann zwei Prozent an dem Konzern.

Betroffen von dem Verkauf ist hauptsächlich der Standort Kamp-Lintfort. Zwar wird das Werk weitergeführt. „Das war für uns ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung für einen Käufer“, sagte Kleinfeld. Doch langfristige Bestandsgarantien gibt BenQ nicht. Übernommen wird lediglich der 2004 abgeschlossene Beschäftigungssicherungsvertrag, der bis Sommer 2006 läuft. Bis September 2007 erhalten die Beschäftigten noch gewisse Sicherheiten im Rahmen der gesetzlichen Betriebsübergangs-Regelung. Arbeitnehmer-Vertreter fürchten, dass BenQ die Produktion nach Asien verlagern könnte.

„Ich sehe das sehr kritisch“, sagte IG-Metall-Vize Berthold Huber. Siemens katapultiere sich aus dem Handymarkt heraus. Die Arbeitnehmer stünden vor einer ungewissen Zukunft. Wolfgang Müller vom Siemens-Team der IG Metall in München sagte dieser Zeitung, er halte den Verkauf für ein „Armutszeugnis“. Für den Technologiestandort Deutschland und die Beschäftigten sei das „keine schöne Sache“, da es bisher noch keine langfristigen Garantien für die Arbeitnehmer gebe. Müller kündigte an, die IG Metall werde für weitere Beschäftigungsgarantien kämpfen. Darüber hinaus gibt es jedoch bisher keine weiteren Zusagen.Vor einem Jahr hatten die Beschäftigten einer Arbeitszeitverlängerung auf 40 Stunden pro Woche ohne Lohnausgleich zugestimmt, um die drohende Verlagerung von 2000 Arbeitsplätzen nach Ungarn abzuwenden.Der IG-Metall-Bevollmächtigte von Kamp-Lintfort, Ulrich Marschner, sprach von einer „starken Enttäuschung der Mitarbeiter über die Unfähigkeit von Siemens, das Geschäft selbst zu stemmen“. Das Werk sei wettbewerbsfähig, wenn es nur vernünftig ausgelastet würde. Der Betriebsratschef des Bocholter Werkes, Michael Stahl, warnte dagegen davor, „heute schon schwarz zu sehen“. Er glaube nicht, dass BenQ die deutschen Werke aufgeben wolle.

0 Kommentare

Neuester Kommentar