Wirtschaft : Berg- und Talfahrten der Aktienindizes werden zur Gewohnheit

Daniel Rhee-Piening

Gestern noch Top, heute schon ein Flopp - drastische Kursgewinne oder Verluste einzelner Aktien sind heute an der Tagesordnung. Und das Rad an den internationalen Börsen dreht sich immer schneller. Schwankungen beim Dax von mehr als 100 Punkten bedeuteten noch vor drei Jahren eine Top-Nachricht, heute wird eine solche Entwicklung nur am Rande erwähnt. Die Börsianer haben dafür den Begriff der Volatilität. Ist die Volatilität hoch, bedeutet dies, dass sich die Kurse in kurzen Zeiträumen sehr stark nach oben und unten verändern. Und die Volatilität, da sind sich Anlageberater und Börsianer einig, ist stark gestiegen. Die Zeiten, als Aktien der Versorger wie RWE, wegen ihrer geringen Kursschwankungen, den Beinahmen Witwen- und Rentenpapiere erhielten, scheinen vorbei.

Banker und Börsianer haben eine ganze Reihe von Erklärungen für die stärkeren Kursschwankungen zur Hand. Da ist zunächst einmal immer noch der Blick auf die absolute Zahl, der das Bild verzerrt. Zu Zeiten als der Deutsche Aktienindex noch bei 800 Punkten stand, hätten 100 Punkte rauf oder runter immerhin 12,5 Prozent ausgemacht - ein Alarmsignal. Bei einem Stand von 7000 Punkten entspricht eine Abweichung um 100 Zähler gerade einmal 1,43 Prozent. Die Amerikaner haben daraus erste Konsequenzen gezogen. Professionelle Beobachter haben längere Zeiträume ins Visier genommen. Ob der Dow-Jones-Index nun 10 000 oder 11 000 Punkte erreicht hat, ist nicht mehr die entscheidende Frage, sie lautet nun: "Wann erreicht er die Marke von 20 000". Oder aber es wird gleich auf den S & P-500-Index verwiesen. Er liegt derzeit knapp oberhalb von 1400 Punkten.

Aber es ist natürlich in der Tat so, dass die Märkte beweglicher geworden sind. Dies zeigt sich beispielsweise am Neuen Markt, wo viele junge Technologiewerte notiert sind. "Je stürmischer das Wachstum der Unternehmen ist, desto höher ist auch die Volatilität ihrer Aktien", hat Harry Schweden, Berliner Repräsentant der Schweizer Privatbank Nordfinanz festgestellt. "Die Anleger haben heute viel mehr Informationen und nutzen sie auch", berichtet Christian Müller, Aktienspezialist der Dresdner Bank Berlin. Verstärkt reagieren auf die wachsende Informationsflut müssen aber vor allem die Manager der großen Investmentfonds. Der Performance-Druck nimmt zu. Sie müssen immer dringlicher möglichst große Kursgewinne vorweisen und den Trends folgen. Dabei kaufen und verkaufen sie zwar nicht direkt ihre Aktienbestände, doch sie sichern sich über die Terminmärkte ab, was schließlich auch im Computer- oder Parketthandel die Kursausschläge erhöht.

Schließlich ist die Zahl der privaten Investoren seit der Börseneinführung der Aktien der Deutschen Telekom 1996 allein in Deutschland um rund 100 Prozent gestiegen. Doch nicht nur ihre Zahl hat zugenommen, vor allem die Summe des Kapitals, das an die Börse drängt, ist gewachsen. Und dieses Kapital ist risikofreudiger geworden. Die Anleger handeln heute schnell über das Internet, sie sind entscheidungfreudiger geworden und lassen sich von starken Kursschwankungen nicht beirren. Für Day-Trader sind sie sogar das Salz in der Suppe. Morgens via Internet billig gekauft, abends teuer verkauft, lautet ihre Maxime.

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