Wirtschaft : Berger vermißt Reformen

Unternehmensberater sieht ein "Tal der Tränen" MÜNCHEN (fo/wis/HB).Roland Berger feierte kürzlich seinen 60.Geburtstag und fast gleichzeitig das 30jährige Jubiläum der von ihm gegründeten Unternehmensberatung.Bundespräsident Roman Herzog, die Ministerpräsidenten Stoiber, Biedenkopf und Teufel gehören zu den Kunden von Roland Berger.Doch die Noten, die der Top-Berater vor allem den in Bonn regierenden Politikern generell gibt, sind alles andere als gut."Man hangelt sich von Kompromiß zu Kompromiß ­ es gibt keinen, der sich traut, vorübergehend unpopuläre Entscheidungen zu treffen und zu sagen, daß wir eine längere Durststrecke vor uns haben", klagt Berger in einem Handelsblatt-Gespräch.Ebenso fehle es an einer Persönlichkeit, "die den Menschen das Gefühl und die Zuversicht gibt, daß wir es schon schaffen werden," sagt der 60jährige Unternehmensberater.Berger ist überzeugt: "Wir müssen durch ein Tal der Tränen." Dieses Tal werde aber nicht so tief und lang sein wie in den Vereinigten Staaten, wo es fast zehn Jahre dauerte, bis eine Wende spürbar wurde."Aber fünf bis sieben Jahre müssen wir schon ansetzen", meint Berger.Im Vergleich mit den USA verfügten die Deutschen über ein besseres Qualifikationsniveau und über ein funktionierendes Sozialsystem, wo die Menschen gut ausgebildet seien und womit größere soziale Spannungen vermieden werden könnten. Bergers Vorbild ist die Politik Ronald Reagans in den USA der 80er Jahre mit einer drastischen Senkung der Einkommen- und Ertragsteuern und vielfachen Deregulierungen.Heute stehe kein Staat wirtschaftlich so gut da wie die USA. Um in Deutschland eine wirksame Steuerreform und eine echte Rentenreform durchzusetzen, brauche es eine Große Koalition, meint der Top-Berater.Nur so könnte die Arbeit deutlich billiger werden, so daß auch neue Jobs entstünden.Die tatsächlichen Kosten der Arbeit seien in Deutschland für den Lohn- und Gehaltsempfänger selbst überhaupt nicht erkennbar, weil der Arbeitgeberanteil an den Zusatzkosten nicht in den Abrechnungen auftauche."Wir Deutschen sind Meister der Verschleierung", meint Berger. Er ist überzeugt, daß deutsche Unternehmen den Shareholder-Value noch stärker beachten müssen: "Solange wir hier noch nicht die gleichen Renditen haben wie im Ausland, muß noch mehr getan werden." Dies erzwinge die Globalisierung der Märkte. In USA diskutiere man heute bereits über "Stakeholder Value", also den Nutzen nicht nur für Aktionäre, sondern gleichgewichtet auch für Mitarbeiter, Kunden und die Gesellschaft."Den Shareholder-Value haben die ja schon geschaffen ­ hier dagegen muß man dem jahrzehntelang mißhandelten Aktionär überhaupt erst mal gerecht werden", meint Berger. An der Notwendigkeit eines echten "Quantensprungs" führe kein Weg vorbei.Shareholder-Value nutze ohnehin allen, verkündet der Berater.Rendite und Wertsteigerung ziehen Kapital an zur Finanzierung des Wachstums.Unternehmenswertsteigerung und steigende Aktienkurse "mehren doch auch unser aller Spargroschen", sagt Berger, der die kontroverse Diskussion um das Thema Shareholder-Value ohnehin als "typisch deutsch" abqualifiziert. Zusätzlich sollten Mitarbeiter-Beteiligungsmodelle die Beschäftigten für die Wertentwicklung ihres Unternehmens interessieren.Besonders lobt Berger das vom Verleger Reinhard Mohn bei Bertelsmann eingeführte Genußschein-Modell, mit dem alle Mitarbeiter am Unternehmen beteiligt werden. Für Belegschaftsaktien seien die Möglichkeiten in Deutschland bislang allerdings sehr begrenzt.Hier müßten noch bessere rechtliche Grundlagen geschaffen werden, vor allem müßten die Gewerkschaften auf die Forderung nach von ihnen kontrollierten Fondslösungen verzichten. Deutschland kann nach Ansicht des Beraters nur als "unternehmerische Wissens-, Informations- und Dienstleistungsgesellschaft" auf einen grünen Zweig kommen und wieder mehr Arbeitsplätze schaffen.Der Strukturwandel komme nur mühsam voran.Die Industrie hat nach seiner Einschätzung bislang viel zu wenig Phantasie entwiêkelt, um Dienstleistungspakete um ihre Produkte herum aufzubauen.Für Berger ist es unverständlich, warum Automobilhersteller beispielsweise keine Leasingverträge anbieten, die den Kunden je nach aktuellem Bedarf unterschiedliche Fahrzeugtypen zur Verfügung stellen. Nach dem Motto: Das richtige Auto für den richtigen Zweck.Aus solchen Paketen, ist der Berater überzeugt, ließe sich ein riesiges und arbeitsintensives Geschäft entwickeln."Wir brauchen dringend Innovationen, neue Produkte, und vor allem mehr Dienstleistungen," fordert Berger. Die Herstellung einfacher Produkte werde weiter in Billiglohnländer abwandern.Aber die Innovationen müßten aus Deutschland kommen.Dienstleistungen nützen zudem dem Standort besonders, meint Berger: sie seien zum einen standortgebunden und andererseits erfordere bereits ein geringes Wachstum einen Aufbau von Arbeitsplätzen. Allerdings relativiert der Unternehmensberater auch die hohen Arbeitslosenzahlen.Er verdächtigt viele, der Schwarzarbeit nachzugehen.Andernfalls könne der Anteil der Schattenwirtschaft nicht 15 Prozent des Bruttosozialprodukts der Bundesrepublik erreichen. Ob Roland Berger, dem noch ein Viertel seiner Firma gehört (75 Prozent hält inzwischen die Deutsche Bank), das Ende des von ihm prognostizierten Tals der Tränen noch in seiner aktiven Zeit als Chef der Unternehmensberatung erlebt, ist fraglich.Sein Vertrag läuft bis zu seinem 65.Lebensjahr.Doch er ist auch bereit, vorher aufzuhören, wenn es einen qualifizierten Nachfolger gibt und die Partner diesen wollen."Wenn ich dann noch gebraucht werde, gibt es genügend Möglichkeiten, mich nützlich zu machen", meint der Firmenchef bescheiden.

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