Wirtschaft : Berlin entdeckt die Cyberwirtschaft

DANIEL WETZEL

Das Interesse der Unternehmen an den Neuen Medien ist groß/Messbaren Nutzen gibt es allerdings kaum / Marktstudie der IHKVON DANIEL WETZEL

Der Übergang vom Industrie- in das Informationszeitalter ist nicht mehr aufzuhalten: Die Zahl der Internet-Nutzer verdoppelt sich alle 15 Monate.In Deutschland gibt es inzwischen 2,7 Mill.PCs mit Netzzugang, allein in diesem Jahr kommen 5,2 Mill.weitere hinzu.Doch wie kommen die neuen Medien dort an, wo es drauf ankommt? Nutzen die Unternehmen die Möglichkeiten von Multimedia und Internet? Die Behauptung, daß die Informationstechnologien in der Breite aller Wirtschaftszweige ein enormes Wachstum auslösen würden, wurde oft geführt ­ bewiesen ist sie noch nicht.Wirtschaftssenator Elmar Pieroth forderte am Sonnabend die Berliner Unternehmen zur Nutzung des Internet auf und wies auf das entsprechende Förderprogramm der Bundesregierung hin.Gerade kleine und mittlere Unternehmen könnten jetzt ihre Produkte und Dienstleistungen online vermarkten.Förderfähig seien vor allem Schulungen und Beratungen, die Gestaltung von Internet-Seiten, der erstmalige Zugang zu einem Provider sowie Ausgaben für eine zeitlich begrenzte Nutzung des Netzes.Der Zuschuß betrage bis zu 4600 DM. Tatsächlich sind Daten über den Einsatz von neuen Medien in der Wirtschaft kaum zu bekommen.Die Telekom winkt ab, will kurz vor dem Wettbewerb keine Details über ihre Kundenstruktur herausrücken.Das Statistische Bundesamt klammert das Thema der Internet-Nutzung noch aus."Daß die amtliche Statistik das nicht verfolgt, ist erstaunlich", wundert sich Egbert Steinke, Sprecher der Berliner IHK: "Es werden ja auch Telefonanschlüsse gezählt." Während auf der Anbieterseite feststeht, daß Deutschland mit einem Volumen von 80 Mrd.DM der größte Markt für die Produkte der Informationstechnologie in Europa ist, weiß man über die Struktur der Nachfrageseite wenig.Spielt das Internet für den Mittelstand eine Rolle? Kommunizieren Firmen über Videokonferenzen? Werden Verträge online ausgehandelt, oder vertraut man nur der guten alten Faxmaschine? Wie verbreitet ist Telearbeit? Und hat "Electronic Commerce", das elektronische Einkaufen am PC, wirklich Zukunft? Bislang ist man auf Schätzungen und Mutmaßungen angewiesen.Und die sind nicht immer positiv: "Nur jede zehnte Firma zapft elektronische Informationsquellen an", meinte Gerhard Gladitsch, Geschäftsleiter der Frankfurter Messe kürzlich auf der Branchenshow Infobase.Der "elektronische Analphabetismus entwickelt sich zu einem Bremsklotz für die Wirtschaft." Günther Rexrodt sieht das ähnlich: "Lediglich vier Prozent der hiesigen mittelständischen Betriebe sind nach Expertenschätzung heute im Internet präsent", monierte der Bundeswirtschaftsminister am Freitag bei der Verbandstagung der ZVEI-Fachverbände Informations- und Kommunikationstechnik in Berlin."Und das bei einem Distributionsmarkt, der alleine für Deutschland ein Volumen von 25 Mrd.DM im Jahr 2000 ausmachen soll." Es werde Zeit, daß der Mittelstand endlich die Cyberwirtschaft ins Visier nehme. Die Berliner IHK will nicht mehr spekulieren, sie will wissen.Gemeinsam mit der Firma bmp MultiMedia GmbH bereitet sie eine "Studie zum Einsatz von Informations- und Kommunikationsmedien in der Berliner Wirtschaft" vor ­ ein in der Bundesrepublik bislang einzigartiges Projekt.In einer breit angelegten Aktion wurden tausende von Berliner Unternehmen aus allen Branchen über ihre Kommunikation nach außen und innen befragt.Ziel der Befragung ist es zwar, Marktchancen und Einsatzmöglichkeiten der neuen Medien für Berliner Firmen auszuloten.Gleichzeitig aber fällt auch Licht auf "den Mythos vom Innovationsstandort Berlin", so bmp-Geschäftsführer Rainer Dallwig. Die Aktion stieß auf überwältigendes Interesse, die Rücklaufquote übertraf die aller vergleichbaren Unternehmensumfragen."In der Regel haben die Geschäftsführer die Beantwortung des Bogens zur Chefsache gemacht", beschreibt Dallwig die Reaktion.Die Endauswertung ist noch nicht abgeschlossen, das Ergebnis soll der Öffentlichkeit erst in einigen Wochen präsentiert werden.Doch ein Trend zeichnet sich bereits ab: Die Berliner Wirtschaft steht den neuen Medien zwar aufgeschlossen gegenüber, ist aber extrem zögerlich bei der Umsetzung."Die Firmen befinden sich gewissermaßen seit Jahren in der Planungsphase", hat Dallwig beobachtet.Gut 58 Prozent der Berliner Unternehmen, so ein Ergebnis der Umfrage, planten, sich einen eigenen Email-Anschluß zu legen, 48 Prozent faßten gar eine eigene Homepage im Internet ins Auge.Diese Zahlen sind umso bemerkenswerter, als daß nur rund 26 Prozent der Berliner Firmen international im Geschäft sind.Offenbar gebe es bei den Unternehmen ein großes Vertrauen darauf, daß man mit Hilfe der elektronischen Medien "aus der regionalen Misere" herausgelangen und in das überregionale Geschäft einsteigen könne, vermutet bmp-Chef Dallwig.Tatsächlich treffen die Firmen in Berlin auf hervorragende Rahmenbedingungen.Die Hauptstadt besitzt das modernste deutsche Kommunikationsnetz auf digitaler Basis mit 2,1 Millionen Teilnehmern.Dazu kommt das größte deutsche Glasfasernetz mit einer Länge von 62 000 Kilometern.Die Berliner Verwaltung wird zur Zeit mit einem Hochgeschwindigkeitsnetz auf Glasfaserbasis ausgestattet, an das 40 000 PC-gestützte Arbeitsplätze angeschlossen werden sollen: Die oft lähmend langsame Abstimmung zwischen Wirtschaft und Verwaltung könnte "online" endlich Tempo gewinnen, Genehmigungsverfahren sollen abgekürzt werden. Was an praktischer Anwendung bereits möglich ist, zeigt der Wirtschaftsinvestitionsdienst "Widi" der Berliner Investitionsbank (IBB).Firmen, die die Internet-Adresse "http://www.widi.investitionsbank.de" anwählen, können sich über öffentliche Aufträge informieren, eigene Angebote abgeben und nach Immobilien, Dienstleistern oder Partnerunternehmen suchen.Alle öffentlichen Aufträge in Berlin werden über die Internet-Adresse ausgelobt.Die Ausschreibungen stehen im Internet freilich nur Berliner Firmen offen: Gründungsgedanke des von Elmar Pieroth initiierten Online-Angebots war es, Berliner Unternehmen einen Informationsvorsprung gegenüber auswärtigen Konkurrenten zu geben.Die Firmen nehmen das Angebot gerne an: Obwohl es die Adresse erst seit März gibt, registrierte die IBB allein im April über 30 000 Online-Anfragen.

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