Wirtschaft : Berlin wandelt sich zögerlich zur Dienstleistungsstadt

PETER BOLM

Andere Metropolen haben den Übergang längst hinter sich / Prognos: Zwischen 1996 und 2000 zusätzlich 90 000 ArbeitsplätzeVON PETER BOLM BERLIN.Berlin geht einen steinigen Weg.Noch sind die Defizite quer durch das Branchenspektrum spürbar: Kapitalflaute, Innovations- wie Investitionsstau, mentale Blockaden, das teilweise Versagen der Politik oder auch nur die Nachbeben auslaufender Konjunkturgewitter.Bei aller Verdrossenheit über das Ausbleiben dynamischer Wachstumsprozesse aber hat sich - spätestens wenige Jahre nach Maueröffnung - die Erkenntnis durchgesetzt, daß mit zunehmendem Tempo des zunächst zögerlich begonnenen Strukturwandels der Region wieder neue Kräfte wachsen.Der Übergang von einer historisch vorbelasteten Industriekultur in eine ungewohnte und mit großen Risiken durchsetzte Welt der Dienstleistungen - so viel muß inzwischen allen Beteiligten klar geworden sein - ist unumkehrbar. Sicher werden Senat und Wirtschaftsförderung der Stadt gut beraten sein, auch in Zukunft verstärkt Industrieansiedlung zu betreiben, um Arbeitsplätze zu sichern und den Negativtrend der Abwanderung von Unternehmen ins Umland auf Dauer zu stoppen, wenn nicht umzukehren.Dennoch: Die Fakten sind eindeutig.Der Wegfall der Förderinstrumente im alten West-Berlin, der kalte Wind des Wettbewerbs, die kaum noch einzuholenden Vorsprünge der Ballungsgebiete vor allem im Süden der Republik und die zusammengebrochenen Märkte im Osten haben bewirkt, daß den Industriekernen der Nährboden entzogen wurde.In Ost-Berlin machten die Firmen gleich reihenweise dicht, zehntausende hochqualifizierte Arbeitsplätze gingen für immer verloren. Daß die Anbieter von Dienstleistungen ihre Chance nutzten und die entsprechenden Wirtschaftsräume besetzten, konnte niemanden überraschen.Was Berlin nun als tiefgreifenden Strukturwandel mit all seinen Umwegen und Verwerfungen durchmacht, haben andere längst hinter sich.In den großen Metropolen liegt der Beschäftigungsanteil der Industrie fast durchweg nur noch bei zehn bis 15 Prozent.Bis zu zwei Drittel der Arbeitsplätze entfallen (einschließlich Handel und Verkehr) auf den privaten Dienstleistungssektor.Schon heute wird deutlich, daß die deutsche Hauptstadt eine ähnliche Entwicklung durchmacht.Eine Prognos-Analyse geht davon aus, daß allein von 1996 bis 2000 bei den Dienstleistern in Berlin 90 000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.Damit klettert dieser Bereich auf 110 Prozent seines Ausgangsniveaus von 1995.Allerdings, so die Prognosberechnungen, kann dieser Anstieg den Rückgang der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe - ein Viertel der Arbeitnehmer werden hier ihre Stelle in den kommenden Jahren verlieren - nicht ausgleichen.Auch für Brandenburg erwartet Prognos bis 2010, daß die Beschäftigtenzahl im produzierenden Gewerbe auf 75 Prozent des Niveaus von 1991 zurückfällt.Gleichzeitig explodieren die Zahlen bei den Dienstleistungen auf 180 Prozent. Ein Blick auf das Bruttoinlandsprodukt Berlins verrät, daß der Strukturwandel in vollem Gange ist.Bei einem Anteil von insgesamt 35,6 Prozent haben die Dienstleistungen - die Zahlen sind von 1996 - mit mehr als sieben Prozent das produzierende Gewerbe bereits überholt.Trotz der deutlichen Aufbruchstimmung ist für Euphorie wenig Platz.Noch für lange Zeit wird sich Berlin mit Metropolen wie London oder Paris nicht vergleichen können.Karl Brenke, Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, warnte Anfang des Jahres vor überzogenen Erwartungen.Die polyzentrale Struktur in Deutschland ist nicht ohne Folgen geblieben.Danach wäre es vermessen anzunehmen, daß Frankfurt (Main) die Banken, München die Filmwirtschaft oder Hamburg das Verlagswesen abgeben werden. Die großen Dienstleistungsformen, denen andere ihre Steuereinnahmen verdanken, fehlen in Berlin.Eine der Antworten darauf lautet, aus der Not eine Tugend zu machen.Das klingt nach Chance, ist aber gleichzeitig ein Härtetest.Da könnten die von der Politik als Zielkorridore vorgegebenen technologischen Wachstumsfelder der richtige Ansatz sein.Ob Verkehr, neue Medien, Medizin, Biologie oder Umwelt, alle Bereiche werden inzwischen von den Informations- und Kommunikationsechnologien beherrscht und sind damit potentieller Auftraggeber für die Dienstleister.Viel Zeit, sich wenigstens hier den nötigen Kompetenzvorsprung zu verschaffen, hat Berlin nicht.Ein neuer Leitspruch macht die Runde in der Branche: Es sind nicht mehr die Großen, die die Kleinen fressen, die Schnellen verspeisen die Langsamen. Am heutigen Donnerstag findet im Rahmen der Reihe "Treffpunkt Tagesspiegel" die Diskussion zum Thema "Dienstleistungsmetropole Berlin" im Hotel Intercontinental statt.Informationen erteilt das Veranstaltungsforum (Telefon: 27 87 18 23).

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