Wirtschaft : Berliner Börse versucht den Neustart

Neues Marktmodell soll Handelsplatz europaweit wettbewerbsfähig machen Finanzmarktrichtlinie Mifid droht Einnahmen zu halbieren

Henrik Mortsiefer

Berlin - Die Berliner Börse steht zum Jahreswechsel vor einer strategischen Neuausrichtung. Nach einem schwierigen Geschäftsjahr mit sinkenden Umsätzen und einem negativen Betriebsergebnis versucht die Regionalbörse, sich als besonders kostengünstige europäische Handelsplattform zu profilieren.

Nach der Mehrheitsübernahme des Londoner Börsendienstleisters Easdaq, der unter der Marke Equiduct aktiv ist, im September soll in Berlin 2008 ein völlig neues, wettbewerbsfähiges Marktmodell für den Wertpapierhandel eingeführt werden. Profitieren sollen davon deutsche Anleger, die europäische Aktien im Ausland kaufen wollen, sowie Anleger im europäischen Ausland, die auf deutsche Aktien setzen. „Das Jahr 2008 ist die große Chance für die Börse Berlin“, sagte Vorstand Jörg Walter am Freitag. Vor einem Jahr war der Handelssaal im Ludwig-Erhard-Haus geschlossen worden, im Juni trat die Börse mit neuem Namen und Logo auf. Der heute elektronisch abgewickelte Handel in Berlin ist vor allem auf Auslandswerte und Aktienfonds spezialisiert.

Das Kostenargument bekommt an den Finanzmärkten ab 2008 ein besonderes Gewicht, weil die europäische Finanzmarktrichtlinie Mifid eingeführt wird. Danach haben Anleger in Zukunft das Recht, beim Wertpapierkauf von ihrer Bank, das bestmögliche – das heißt auch kostengünstigste – Ergebnis bei der Orderausführung zu verlangen. Erstmals müssen die Banken deshalb die Kosten für Finanzdienstleistungen lückenlos offenlegen.

Für Artur Fischer, neben Walter zweiter Vorstand der Börse Berlin AG, bietet sich für Berlin die große Chance, zusammen mit Equiduct europaweit Wettbewerber aus dem Feld zu schlagen. „Wir bieten etwas, was sonst keiner bietet“, sagte Fischer dem Tagesspiegel.

In der ersten Stufe führe Berlin im April 2008 für rund 800 der liquidesten europäischen Aktien ein neues, nach eigenen Angaben einzigartiges Preisfeststellungssystem ein, das den Mifid-Vorgaben entspricht. Die über dieses sogenannte VBBO-System (volume weighted best bid and offer) ermittelten Wertpapierpreise sollen über Nachrichtendienste und die Internetseite (www.berlinerboerse.de) verbreitet werden. Mit dem Start des neuen Handelsmodells Mitte 2008 biete VBBO Anlegern den besten Preis zum Handeln. „Wir reden mit den Sparkassen, aber auch mit Reuters, Bloomberg, CNBC und anderen Nachrichtendiensten“, sagte Fischer. Ziel ist es, möglichst viele Banken dazu zu bewegen, ihre Orders über den Handelsplatz Berlin abzuwickeln – und damit der Börse höhere Einnahmen zu verschaffen. „Unsere Zielgruppe sind europaweit 200 Banken“, so Fischer. In London werde derzeit ein Vertriebs-Team aufgebaut, das das neue Handelssystem europaweit bekannt machen soll.

Der Börsenvorstand hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Schon 2009 soll VBBO den Durchbruch für die Berliner Börse bringen. „Wir haben auf die Neustart-Taste gedrückt“, beschreibt Fischer die Situation. „Wir sind jetzt ein Start-up.“ Dies sei durchaus ein „mühsamer Prozess“. Doch die Börse Berlin hat keine Wahl. Mifid verschärft den Preiswettbewerb in Europa massiv. „Unsere Einnahmen würden sich halbieren“, schätzt Fischer. Kein Unternehmen könne es sich auf Dauer leisten, einen operativen Verlust zu machen.

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