Wirtschaft : Berliner Senat erwartet mehr Wachstum

IHK ist aber skeptischer / Herlitz plant Stellenabbau

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Berlin - Die Berliner Wirtschaft blickt pessimistischer ins neue Jahr als die Politik. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) rechne mit 0,9 Prozent Wachstum in 2006, sagte Hauptgeschäftsführer Jan Eder dem Tagesspiegel. „Ziel muss es bleiben, beim Wachstum möglichst bald den Anschluss an den bundesweiten Durchschnitt zu schaffen. Nach unseren Prognosen müsste es aber sehr optimal laufen, um eine Eins vor dem Komma zu haben“, sagte er. Bisher betrug der Rückstand auf den Bundesschnitt meist einen Prozentpunkt, was angesichts der derzeitigen Prognosen nur 0,7 Prozent Wachstum für Berlin bedeuten würde. Negative Nachrichten meldete derweil der Schreibwarenkonzern Herlitz: Das Unternehmen will nun definitiv aus Berlin ins brandenburgische Umland ziehen; nach Tagesspiegel-Informationen sollen auch Arbeitsplätze abgebaut werden.

Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS) verbreitete dagegen Optimismus. Er sagte „ein Prozent, vielleicht sogar über ein Prozent“ Wachstum für 2006 voraus. Das wäre die stärkste Entwicklung seit fünf Jahren. Ein Indiz sei der gestiegene Auftragseingang in der Industrie. Auch die Fußball-Weltmeisterschaft werde für wichtige zusätzliche Impulse sorgen, sagte Wolf im RBB-Inforadio. Auch Eder sagte, es werde darauf ankommen, welche zusätzlichen Impulse die WM Berlin geben kann. „Dem Senat kommt eine entscheidende Verantwortung zu – auch beim Dialog mit den Unternehmen.“

In einem Positionspapier der IHK wird die Verantwortung nicht beim Senat insgesamt, sondern vor allem beim Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gesehen. „Die Akquise und Bestandspflege von Industrieunternehmen müssen im Senat zur Chefsache gemacht werden“, heißt es darin.

Der Rückstand Berlins gegenüber dem Rest der Republik sei besonders auf die Krise der Industrie zurückzuführen, sagte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Da das Wachstum auch 2006 vor allem auf das Konto des Exports gehen werde, profitiere Berlin nur unterdurchschnittlich davon. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt werde daher 2006 bestenfalls unverändert bleiben, erwartet Olaf Möller von der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg.

Schlechter wird die Lage zumindest für die Beschäftigten bei Herlitz. Am Dienstag stimmte der Aufsichtsrat den Vorschlägen des Vorstands zur „Restrukturierung und Standortoptimierung“ zu. Eine Sprecherin sagte dieser Zeitung, dass damit der Umzug von Berlin-Tegel ins brandenburgische Falkensee feststehe. In Tegel produziert Herlitz zur Miete, während die Hallen in Falkensee dem Unternehmen selbst gehören. Derzeit arbeiten in Tegel 500 Beschäftigte. Die Sprecherin kündigte jedoch an, dass es nun auch Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern über den Abbau von Stellen geben soll. „Die Größenordnung klärt sich aber erst während der Gespräche.“

Besser sieht es in einigen anderen großen Berliner Unternehmen aus. „Dieses Jahr haben wir rund 300 Mitarbeiter neu eingestellt, ein Drittel davon in Berlin“, sagte Reinhard Uppenkamp, Vorstandschef des Pharmaherstellers Berlin-Chemie. „Nächstes Jahr dürfte ähnlich positiv verlaufen.“ Auch im Berliner Gillette-Werk sollen 50 Stellen neu entstehen. Daneben wächst auch der Dienstleistungssektor in der Hauptstadt. „Wir streben vier bis fünf Prozent Wachstum an, das geht auch mit mehr Arbeitsplätzen einher“, sagte ein Sprecher des Gebäudemanagement-Unternehmens Gegenbauer. Neue Jobs in dieser Branche plant auch die Dussmann-Gruppe. Aufsichtsratschef Peter Dussmann sagte, sein Unternehmen werde 2006 auch in Berlin neue Arbeitsplätze schaffen. Neueinstellungen sind derweil auch bei der Cornelsen Verlagsgruppe geplant.

Auch im Forschungsbereich sind die Aussichten gut: „Die Unternehmen im Wissenschaftspark Adlershof werden bei Umsatz und Beschäftigung sicher wieder zweistellig wachsen“, sagte Peter Strunk von der Betreibergesellschaft Wista-Management. awm/brö/cow/dr/eb/mod

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