Wirtschaft : Bertelsmann-Napster: Die Allianz wird zur Sackgasse

Martin Peers,William Boston

Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff, frohlockte, als er im letzten Herbst seine überraschende Allianz mit Napster, dem abtrünnigen Online-Dienst bekanntgab. "Der Deal mit Napster ist mutig und zukunftsträchtig", erklärte er den Beschäftigten in einer innerbetrieblichen Mitteilung. Und: "Er ist ein Meilenstein für die Musikindustrie und für den digitalen Vertrieb von Musik über das Internet." Inzwischen scheint er in einer Sackgasse zu stecken. Vorletzte Woche gaben Vivendi Universal und Sony ihren Zusammenschluss mit Yahoo bekannt, um ihre Musik über das Internet für Abonnenten zugänglich zu machen. Und die Bertelsmann Music Group (BMG) hat sich mit dem US-Konzern Warner Music und dem britischen Label EMI mit der Technologiefirma Real Networks zusammengetan, um Musik über das Internet zu vertreiben.

Beide Initiativen zielen darauf ab, Napster zu überflügeln - dessen Überleben nach einigen ungünstigen Gerichtsurteilen zweifelhaft geworden ist. Sie stoßen bei ihrem Bestreben, für das ungeduldige Publikum ein einfaches Herunterladen der Musiktitel auf den PC zu ermöglichen, aber auf immense Probleme. Bertelsmanns wirre Strategie spricht Bände über die Bemühungen der Musikindustrie, das Internet nutzbar zu machen. Thomas Middelhoffs Bemühungen, die BMG ins Internet-Zeitalter zu führen, haben eine bittere Note. Bei BMG, der Heimat von Arista Records und RCA und Künstlern wie Whitney Houston und Christina Aguilera, gab es in den letzten Monaten erhebliche Auseinandersetzungen. Streitereien über die richtige Internet-Strategie führten zu einem Massenweggang von Führungskräften. Hinzu kam ein Rückgang im Plattengeschäft. Und das Napster-Geschäft hat das Unternehmen von seinen Mitstreitern entfernt. Middelhoff räumt ein, dass der Fortschritt "nicht so schnell war, wie ich es gerne gehabt hätte".

Im vergangenen Jahr hat Middelhoff Bertelsmann umstrukturiert, eine neue E-Commerce Group (BECG) geschaffen, die zuständig ist für den Online-Verkauf von Musik und Büchern. Bei BMG und anderen Musikkonzernen bemüht man sich seit den frühen 90er-Jahren, Alben durch Herunterladen zu verkaufen. Man musste Systeme erdenken, wie man die Nutzer daran hindern konnte, die heruntergeladene Musik zu vervielfältigen und an andere zu senden und Zahlungsmodalitäten entwickeln. Allein dafür brauchte BMG Monate. Bislang erweisen sich seine Vertriebsbemühungen als Blindgänger. Das System soll schwer benutzbar sein. Der Drang, die Urheberrechte zu schützen, habe in ein System gemündet, das den Kunden verwehrt, was sie wollen. So kam es zu dem Zusammenschluss mit Napster, dem Hauptfeind der Musikindustrie.

Napster hatte es mit seiner kostenlosen Musiktauschbörse geschafft, Millionen regelmäßige Nutzer zu gewinnen. Prompt verklagte die Musikindustrie Napster im Dezember 1999 wegen Verletzung der Urheberrechte. Unter den Klägern war auch die BMG. Fünf Monate später beraubte ein Bundesrichter in San Francisco Napster seiner Hauptverteidigungsstrategien.

Der neue oberste Unternehmensleiter von Napster, Hank Barry, machte seine Runde durch die Plattenfirmen. Er schlug vor, den Nutzern seiner Tauschbörse eine monatliche Gebühr für das Herunterladen von Musiktiteln abzukassieren. Im Gegenzug für die Erteilung von Lizenzen, sollten die Musikkonzerne an den Gebühren beteiligt werden. Barry erreichte jedoch wenig. Aber Middelhoff war zunehmend von der Popularität Napsters eingenommen und arrangierte bald ein Treffen mit Barry. In den kommenden Wochen erarbeiteten beiden Seiten durch die BECG einen Deal. Bertelsmann würde Napster Geld leihen, um einen Online-Dienst zu entwickeln. Sobald dieser geschaffen sei, würde BMG Musiklizenzen an ihn vergeben. Ursprünglich war auch vorgesehen, dass BMG seine Klage gegen Napster zurücknehme, was in der Führungsriege von BMG aber auf Widerstand stieß.

Die Einstellung der Musikbranche gegenüber Bertelsmanns Allianz mit Napster erhärtete sich, nachdem ein Berufungsgericht im Februar entschieden hatte, dass Napster die Raubkopien aus seiner Tauschbörse nehmen müsse. Wenige Tage später unterbreiteten Bertelsmann und Barry den Labels eine neue Version ihres Vorschlages. Sie boten der Musikindustrie für die Verwendung ihrer Musik statt einer prozentualen Beteiligung nunmehr eine garantierte Mindestgebühr von 200 Millionen Dollar im Jahr an. Sony, Universal und AOL Time Warner lehnten schnell ab.

"Es ist für jeden, der sich im Musikgeschäft auskennt, offensichtlich, dass die von Napster vorgeschlagenen Zahlen in einem 40 Milliarden Dollar-Markt keinen Sinn machen", hieß es bei Sony. Die Plattenfirmen wollen außerdem selbst das Internet für Abonnenten zugänglich machen. Statt einzelne Musiktitel oder Alben dadurch zu verkaufen, dass die Kunden sich diese auf ihren PC herunterladen, wollen sie den Kunden die Möglichkeit geben, gegen eine monatliche Gebühr von zehn oder 15 Dollar soviel Musik wie möglich herunterladen - allerdings lediglich zum Anhören. Im vergangenen Jahr haben AOL und ein gemeinsames Unternehmen von Vivendi und Sony ihre Pläne für einen solchen Online-Dienst bekanntgegeben. Unklar blieben allerdings die Höhe der Gebühr und der Umfang des Angebotes.

Die große Frage ist, ob diese Dienste auch neue Musiktitel direkt nach ihrem Erscheinen anbieten. Man ist besorgt, dass dann keine Alben mehr gekauft werden. Um den Kritikern zu zeigen, dass sie das Internet nicht ignorieren, haben Vivendi und Sony in der vorletzten Woche eine Allianz mit Yahoo! geschlossen, um ihre Musik über das Internet für Abonnenten leichter zugänglich zu machen. Durch den Zusammenschluss von Real Networks mit AOL, EMI und Bertelsmann zu dem Unternehmen Music-Net wird die Musik aller drei Musikkonzerne für Abonnenten erhältlich.

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