Bertelsmann Stiftung : „Wir brauchen eine Ausbildungsgarantie“

Zu Beginn des Ausbildungsjahres häufen sich wieder die Hiobsbotschaften. Die Bertelsmann Stiftung fordert eine staatliche Ausbildungsgarantie.

Jörg Dräger
Jörg Dräger ist Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung.
Jörg Dräger ist Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung.Foto: Arne Weychardt

Jetzt im August, zu Beginn des Ausbildungsjahres, häufen sich die Hiobsbotschaften: Die Unternehmen klagen über einen Bewerbermangel, gleichzeitig finden viele Jugendliche keine Stelle. Dabei sinkt die Ausbildungsbeteiligung der Unternehmen trotz boomender Beschäftigung: Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung stieg in den letzten fünfzehn Jahren zwar die Beschäftigung deutlich, gleichzeitig sank aber die Zahl der Lehrlinge. Arbeit und Ausbildung entkoppeln sich, die Folge ist der bereits heute sichtbare Fachkräftemangel.

Die Probleme des Ausbildungssystems sind offensichtlich: Die Schwachen kommen nicht mehr hinein und die Guten studieren lieber. Für schwächere Schulabsolventen wird es immer schwerer, eine Lehrstelle zu ergattern, denn die Anforderungen der Unternehmen steigen. Zudem ist die Ausbildungsbeteiligung gerade bei kleineren Betrieben rückläufig. In der Konsequenz heißt das: Zuletzt blieben rund 80 000 Bewerber unversorgt und 300 000 junge Menschen befanden sich in Maßnahmen des sogenannten Übergangssystems – das alles bei 40 000 unbesetzten Lehrstellen.

Eine Frage der Gerechtigkeit

Betriebliches Engagement allein wird nicht genügen, um dieses Ungleichgewicht wieder ins Lot zu bringen. Wir brauchen eine staatliche Ausfallbürgschaft für diejenigen, die trotz aller Unterstützung auf dem regulären Ausbildungsmarkt leer ausgehen. Wer das Abitur macht, hat in Deutschland faktisch eine Studiengarantie, die die staatlich finanzierten Hochschulen einlösen. Den viel jüngeren und hilfebedürftigeren Jugendlichen mit schwachen Schulleistungen müssen wir eine ebenbürtige Sicherheit bieten. Eine staatliche Ausbildungsgarantie ist eine Frage der Gerechtigkeit.

Doch auch das allein reicht nicht: Damit unser Ausbildungssystem leistungsfähig bleibt, muss der Spagat gelingen, nicht nur die Schwachen besser zu integrieren, sondern das System auch für die Leistungsstarken attraktiv zu gestalten. Denn ohne die duale Ausbildung zu modernisieren und aufzuwerten, werden sich auch zukünftig immer mehr junge Menschen für die Hochschule entscheiden.

Seit 2013 übersteigt die Zahl der Erstsemesterstudenten Jahr für Jahr die der dualen Ausbildungsanfänger. Und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Zwar reden manche vom Akademisierungswahn oder spotten über Philosophen, die Taxi fahren. Aber die meisten, die sich mehr junge Menschen in der Ausbildung wünschen, haben selbst studiert und empfehlen zumindest den eigenen Kindern Abitur und Studium. Dabei geht es um höhere Einkommen und seltenere Arbeitslosigkeit; die vielen Uniabsolventen verdrängen häufig Menschen mit Ausbildung von ihren angestammten Arbeitsplätzen.

Weder Sackgasse noch Umweg

Es geht aber auch um bessere Arbeitsbedingungen und ein vermeintlich höheres gesellschaftliches Prestige. Volkswirtschaftlich betrachtet, sind mehr Auszubildende sicher geboten. Doch was abstrakt richtig erscheint, wird immer häufiger als unpassend für den eigenen Lebensweg empfunden. Ausbildung tut zwar Not, so mag man meinen, aber sie ist eher etwas für die anderen. Deshalb brauchen wir mehr Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung: Das Studium soll der Lehre im Ansehen und Namen der Abschlüsse nicht weiter den Rang ablaufen. Dazu müssen Übergänge zwischen beruflicher und akademischer Bildung klar geregelt sein und erbrachte Leistungen dort, wo es inhaltlich sinnvoll ist, wechselseitig anerkannt werden.

Der ausgebildete Kaufmann sollte nicht bei null anfangen müssen, wenn er ein betriebswirtschaftliches Studium anfängt. Berufliche Bildung ist weder Sackgasse noch Umweg: Wir müssen weg vom „entweder oder“ der beruflichen und akademischen Bildung und hin zu einem „sowohl als auch“. Dass dieser Weg richtig ist, zeigt der Erfolg der dualen Hochschulen.

Für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands ist es wichtig, das Schwarze-Peter-Spiel zu beenden. Nicht die Unternehmen oder die Schulen oder die Politiker tragen die alleinige Verantwortung für zu wenige oder zu schlechte Bewerber. Nur mit einem offeneren und gleichwertigeren Ausbildungssystem werden wir der heutigen gesellschaftlichen Realität gerecht und machen den Teil unseres Bildungssystems zukunftsfähig, um den uns der Rest der Welt zu Recht beneidet.

Der Autor ist Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung

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