Berthold Huber im Interview : „Die IG Metall steht bestens da“

Der scheidende IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber über die Erfolge des deutschen Tarifsystems, den Wert der Arbeit  und sein Verhältnis zu Angela Merkel

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Der Wert der Arbeit ist für Berthold Huber „die zentrale gesellschaftliche Frage“. Foto: dpa
Der Wert der Arbeit ist für Berthold Huber „die zentrale gesellschaftliche Frage“. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Herr Huber, Gesamtmetallpräsident Dulger würdigt Sie zum Abschied als einen „ganz Großen der Arbeiterbewegung“. Offenbar funktioniert die Sozialpartnerschaft in der Metallindustrie prächtig.

Ich glaube, für die Metall- und Elektroindustrie und den Zusammenhalt der Tarifparteien konnte ich durchaus etwas erreichen. Dabei ging es immer um die Frage, wie wir gute Arbeit in dieser für Deutschland so entscheidenden Industrie organisieren und zukunftsfähig machen.

Der Industrie geht es gut?

Ja, wir haben heute mehr Beschäftigte als vor der Krise. Auch deshalb, weil wir die Krise so herausragend bewältigt haben.

War das Ihre größte Tat als IG-Metall-Vorsitzender?

Ende 2008 gab es schon eine zugespitzte Situation. Damals haben wir das Ziel ausgegeben, auf Entlassungen zu verzichten. Denn es war klar, dass wir die Leute nach der Krise wieder brauchen werden. Das haben wir geschafft. Und dann sind wir Anfang 2010 zum ersten Mal ohne eine Tarifforderung angetreten, weil kein Mensch sehen konnte, wann wir aus dem tiefen Loch rauskommen. Wir haben in der Tarifrunde nur eine Einmalzahlung vereinbart und so auch zur Bewältigung der Krise beigetragen.

Wie wichtig war bei der Krisenpolitik Ihr guter Draht zur Bundeskanzlerin?

Den hatte ich damals noch nicht. Es war auch nicht so einfach bei der entscheidenden Sitzung am 14. Dezember 2008 im Kanzleramt. Der damalige Bundesbankpräsident meinte zum Beispiel, eine Abwrackprämie wäre völlig überflüssig. Der hat über die Autoindustrie geredet, als wäre es eine Hähnchenbraterei. Wir haben uns aber nicht nur dafür eingesetzt, sondern auch für eine Ausweitung des Kurzarbeitergeldes, um massenhaften Stellenabbau zu verhindern. In einer dramatischen Situation haben wir also die richtigen Instrumente eingesetzt.

Stand es so schlecht?

Aber wie! Mein Lieblingsbeispiel ist Daimler in Wörth, mit 15 000 Leuten das größte Lkw-Werk Europas. Da wurden jeden Tag 400 Fahrzeuge gebaut. Aber plötzlich wurden nur noch 40 Einheiten gemacht – in der ganzen Woche. So war die Situation in der Industrie. Und anders als andere, Wirtschaftsforscher zum Beispiel, haben wir die Situation gesehen. Die Krise war sicher die größte Herausforderung in den vergangenen Jahrzehnten, aber auch mit den Erfahrungen aus den 90er Jahren haben wir das bewältigt.

Welche Erfahrungen meinen Sie?

1993/1994 haben wir in der Rezession etwa eine Million Arbeitsplätze verloren. Drei Jahre später klagten die Arbeitgeber: Wir haben nicht genügend Fachkräfte. Auch vor diesem Hintergrund wollten wir 2008/2009 unbedingt einen massenhaften Arbeitsplatzabbau verhindern, denn damit geht immer auch Qualifikation verloren. Und das können wir uns heute noch weniger erlauben als früher.

Was hat sich denn verändert?

Nehmen wir als Beispiel Siemens: 1995 hatten wir noch 70 Prozent Blue-Collar- Worker, platt gesagt Beschäftigte im Blaumann; zehn Jahre später waren es 70 Prozent White-Collar-Worker. Daran sieht man, welche Bedeutung Qualifizierung hat: Das Industrieland Deutschland hat nur Zukunft, wenn wir voll auf Qualifizierung setzen. Billigstrategien landen in der Sackgasse, wir brauchen Bildung und nochmals Bildung.

Ihr Lieblingsthema.

Eigentlich ist der Wert von Arbeit für mich die zentrale gesellschaftliche Frage, wobei dieser Wert eng mit Bildung zusammenhängt. Wir haben nur eine gute Zukunft, wenn der Wert von Arbeit akzeptiert wird und Arbeit einen anerkannten Status in der Gesellschaft hat. Das muss sich auch in der Bezahlung zeigen.

Die ist nicht so schlecht in der Industrie.

Ja. Aber wie ist denn der Wert der Arbeit einer Krankenschwester? Es ist doch bescheiden, um es zurückhaltend zu formulieren, wie wir die Krankenschwestern bezahlen. Der Wert dieser Arbeit und vieler anderer Tätigkeiten und Berufe wird in unserer Gesellschaft nicht adäquat anerkannt.

Die Politik scheint das verstanden zu haben, die große Koalition wird einen Mindestlohn einführen.

Ja, weil die Tarifparteien in vielen Dienstleistungsbereichen so schwach vertreten sind, dass es keine anständigen Löhne gibt. Die Gesellschaft insgesamt braucht aber eine Vorstellung davon, was gute Arbeit und gutes Leben ausmacht. Dazu brauchen wir ein erstklassiges Bildungssystem: Schulbildung, handwerkliche Bildung, universitäre Bildung. Wir haben auch deshalb eine starke Wirtschaft, weil wir eine gute handwerkliche Ausbildung haben. Überall in Südeuropa fragt man uns nach dem deutschen System der dualen Ausbildung.

Also stehen wir gut da?

Im Vergleich zu anderen ja. Ich halte es allerdings für einen großen Fehler, dass nach der Wende die polytechnische Ausbildung in der DDR abgeschafft wurde. Heute schreit jeder, dass die jungen Leute in naturwissenschaftlichen Fächern so schwach sind.

Es war also nicht alles schlecht. Aber Sie haben einmal gesagt, Sie seien nicht nur ein 68er sondern auch ein 89er. Was hat die Wende mit Ihnen gemacht?

Die Realität in Ostdeutschland war 1990 erschütternd. Viele Menschen haben sich betrogen gefühlt, und das konnte ich nachvollziehen. Damals habe ich mir gesagt, dass es mit einem rein akademischen Linkssein nicht mehr getan ist, und bin Mitglied der SPD geworden. Weil ich mich verhalten wollte. Ich finde, wer etwas zu sagen hat, der sollte sich auch eindeutig verhalten. Farbe bekennen.

Hat es sich gelohnt?

Ich habe viele Freunde darüber verloren, logisch.

Haben Sie Ihren Frieden mit der Agenda 2010 gemacht?

Nein. Es hätte auch andere Wege gegeben, um die sozialen Systeme zu stabilisieren. Wobei ich nicht verkennen will, dass 2003 – als die Agenda verabschiedet wurde – eine andere Zeit war. Auch für die IG Metall. Wir haben damals den Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland verloren. Ein Jahr später haben wir dann den Tarifvertrag von Pforzheim gemacht und damit einen Sprung in die Zukunft getan.

Inwiefern?

Die Ausschläge in den Branchen und Betrieben der Metall- und Elektroindustrie wurden immer größer. Nach oben wie nach unten und das zur gleichen Zeit. Wir mussten darauf reagieren und haben mit Pforzheim den Betrieben nach festgelegten Bedingungen Atmungsmöglichkeiten innerhalb des Flächentarifsystems geboten und dabei die Arbeitsplätze gesichert. Das war nicht einfach, mindestens zwei Jahre bin ich dafür angefeindet worden. Um den neuen Tarif anzuwenden, beziehen wir übrigens die IG-Metall-Mitglieder in den betroffenen Betrieben ein.

Ist die IG Metall demokratischer geworden?

Pforzheim hat den Apparat gezwungen, mit den Leuten zu reden. Wir fragen unsere Mitglieder, und das hat uns nicht geschadet.

Wie endet denn Ihr letztes Jahr, gibt es ein Mitgliederplus?

Wir sind bisher zufrieden. Und immerhin haben wir in den vergangenen drei Jahren mehr Mitglieder gewinnen können. Die IG Metall ist die Gewerkschaft in Europa, die am besten dasteht: was die Mitglieder angeht, die Finanzlage und die Streikfähigkeit. In kenne keine Großorganisation, die besser dasteht.

Gut für Ihre Nachfolger. Was haben die vor sich?

Die Themen sind schon da: Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wie verhindern wir Altersarmut – allein mit der gesetzlichen Rente wird das immer schwieriger. Können wir die Menschen, die 40 Jahre hart an der Linie gearbeitet haben, auch vorzeitig so in Rente gehen lassen, dass sie noch ordentlich leben können? Und wie sorgen wir dafür, dass junge Leute eine feste Beschäftigung bekommen? Der wichtigste Punkt: Ein guter und sicherer Arbeitsplatz für so viele Menschen wie möglich. In einem der reichsten Länder der Welt muss das möglich sein.

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