Wirtschaft : Berufsunfähigkeitsrenten sind häufig sehr gering

MÜNCHEN (tmh). Berufsunfähigkeit ist eins der größten Risiken für Erwerbstätige. Fast ein Viertel aller Erwerbstätigen scheidet wegen Berufsunfähigkeit aus dem Berufsleben aus. Doch die Absicherung gegen dieses Risiko ist denkbar schlecht. Die bisher dafür zuständigen staatlichen Versicherungssysteme sind Gegenstand politischer Reformpläne. Die Bürger sollten sich auf eingeschränkte staatliche Leistungen einstellen, warnte Rainer Helbig von der Berliner Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) bei einer Fachtagung in der vergangenen Woche in München.Wer eine Erwerbsminderungsrente - früher war die gesetzliche Berufsunfähigkeitsversicherung - künftig in Anspruch nimmt, müsse mit einem knapp elfprozentigen Abschlag auf seine Altersrente rechnen, sagte Helbig. Zudem dürfte der Berufsschutz wegfallen. Bisher durften Betroffenen nur bestimmte Ersatzjobs zugemutet werden. Nun würden die Kriterien so verschärft, daß nur noch diejenigen, die für keinerlei Tätigkeit mehr mindestens drei Stunden täglich einsetzbar sind, in absehbarer Zeit noch mit Geld rechnen können.Schon jetzt sind die staatlichen Leistungen bei Berufsunfähigkeit mager, rechnete Horst Wittlieb von der Stuttgarter Allianz Lebensversicherungs-AG vor. Im Schnitt erhalte ein berufsunfähiger Westdeutscher nur 1130 DM Berufsunfähigkeitsrente. Frauen bekommen durchschnittlich nur 730 DM.In der Bevölkerung werde der Umfang der Zuwendungen im Schadensfall allgemein stark überschätzt, assistierte Bernhard Keller vom Forschungsinstitut Emnid. Deutsche rechnen bei Berufsunfähigkeit allgemein mit einer Rentenzahlung von etwa der Hälfte des letzten Bruttoeinkommens, haben die Forscher in einer Studie ermittelt. Tatsächlich betrage der Rentensatz im Schnitt nur wenig mehr als ein Viertel. Das Risiko selbst dagegen hätten die Befragten sehr realistisch eingeschätzt. Fast ein Viertel aller Deutschen wird vor Erreichen des Rentenalters berufsunfähig. Ein Gespür hat die Bevölkerung offenbar auch für die Richtung der Bonner Reformpläne: 78 Prozent aller Deutschen glaubt laut Emnid, daß eine zusätzliche private Absicherung gegen die finanziellen Folgen von Berufsunfähigkeit nötig ist.Nur 40 Prozent aller Familien hätten in Deutschland aber eine solche Police abgeschlossen. Als Hauptgrund für das Fehlen einer entsprechenden Versicherung nannten die Befragten Geldmangel. Dennoch sieht BfA-Fachmann Helbig ein weites Betätigungsfeld für Versicherer. Ein besonderes Risiko tragen zudem von der gesetzlichen Versorgung weitgehend ausgeschlossene Selbständige und Berufsanfänger, die wegen geringer Beitragszahlungen nur sehr wenig Berufsunfähigkeitsrente in Anspruch nehmen können, betonte Allianz-Manager Wittlieb.Die Versicherungen wollen nun ihre eigenen Angebote kundennäher gestalten. Die private Berufsunfähigkeitsversicherung, deren Marktvolumen auf 48 Mrd. DM geschätzt wird, wird umgebaut. Die Allianz will künftig im Fall von Berufsunfähigkeit auf den Nachweis von Job-Alternativen verzichten. An einer Gesundheitsprüfung und einer möglichen Befragung des Hausarztes bei Abschluß der Versicherung führe aber kein Weg vorbei. Wird dabei eine Vorerkrankung festgestellt, sind höhere Beiträge fällig. Davon betroffen sind nach Auskunft der Allianz etwa ein Fünftel aller Fälle.

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