Wirtschaft : Bessere Aussichten für verschuldete Firmen

MÜNCHEN (tmh).Konkursreife Unternehmen haben vom kommendem Jahr an in Deutschland eine wesentlich bessere Chance auf ihre Sanierung.Dieses Fazit ziehen Experten wie Konkursverwalter Jobst Wellensiek bei einer Beurteilung der ab 1999 hierzulande geltenden neuen Insolvenzordnung.An den Rand der Zahlungsunfähigkeit manövrierte Firmen werden demnach künftig weniger zerschlagen und hätten größere Chancen auf Sanierung.

Andererseits dürfte die Zahl der Firmenpleiten deutlich zunehmen, weil die Neufassung der über 100 Jahre alten Insolvenzordnung eine Sanierung nicht nur einfacher mache sondern sie auch zu einem früheren Zeitpunkt ermögliche.Die positiven Auswirkungen dürften aber klar überwiegen."Auch fünf Minuten nach zwölf Uhr" ist künftig noch Sanierung möglich, hofft Wellensiek.

Durch die neue Verordnung nach US-Vorbild würden Sicherungsrechte vor allem bei den Banken abgebaut, an die bislang bei Zahlungsunfähigkeit praktisch die gesamte Konkursmasse eines Unternehmens verpfändet ist.Verschuldete Unternehmen hätten damit künftig eine Chance, wieder auf die Beine zu kommen und den entstandenen Schaden zu begrenzen.Er habe aber Zweifel, ob auch unter dem neuen Recht immer genug freie Masse zur Rettung von Sanierungsfällen geschaffen wird, schränkt Konkursexperte Wellensiek ein.

Zudem dürfte das neue Recht nicht jedem schmecken und unliebsame Reaktionen provozieren.So befürchtet der Verband der Vereine Creditreform eine "sehr eingeschränkte Kreditvergabe" von Banken wegen der Schwächung ihrer Gläubigerrechte zugunsten verschuldeter Unternehmen.Es drohe auch eine Überlastung der Gerichte, fürchtet Creditreform-Sprecher Michael Bretz.

Die Segnungen des neuen Rechts könnten eher nur größere Firmen nutzen.Noch schlimmer ist allerdings die jetzige Ausgangslage.Derzeit machen ausufernde Zugriffsrechte von Gläubigern auf Firmenwerte eine Sanierung oft unmöglich, kritisieren Experten einhellig.Bei den 1997 hierzulande rund 33 000 Firmenpleiten sei es in drei Vierteln aller Fälle speziell im Mittelstand mangels vorhandener Masse gar nicht zu Sanierungsversuchen gekommen.Dadurch wurde nach Schätzungen von Fachleuten 20 Mrd.DM an Firmenwerten vernichtet.Für 1998 erwarten Experten in Deutschland rund 35 000 Firmenzusammenbrüche.

Die Chance auf Rettung eines Unternehmens und Erhaltung seiner Arbeitsplätze steige unter dem neuen Recht auch, weil Firmenschulden künftig nicht mehr zu einem Mindestsatz von 35 Prozent beglichen werden müssen, betont der Regensburger Insolvenzrechtler Jochen Druharczyk.Eine solche Quote ist heute noch eine Voraussetzung für die Eröffnung eines Konkursverfahrens.Künftig muß die Gläubigerrunde über solche Quoten selbst entscheiden.Einzelne Gläubiger, etwa die Banken, können dabei von der Mehrheit überstimmt werden.Zudem dürfen von 1999 an wacklige Firmen schon zu einem frühen Stadium ihre drohende Zahlungsunfähigkeit erklären und so ihre Sanierung schneller einleiten.Das steigere die Aussicht auf Erfolg, meint nicht nur Druharczyk.In den USA hätten auf diese Weise schon ganze Wirtschaftszweige wie etwa die Luftfahrtgesellschaften ihre Wende geschafft.

Einig sind sich Experten aber auch, daß die neue Insolvenzordnung eher Entlassungen erleichtere.Auch das sei bislang ein großes Sanierungshindernis.Manchmal müsse ein Teil der Belegschaft eben das lecke Schiff verlassen, um das Sinken zu verhindern und den anderen Teil der Belegschaft zur retten, stellen konkurserfahrene Experten nüchtern fest.

Damit muß letztlich das Personal für die Fehler des Managements bluten.Denn Auslöser für die Schieflagen von Firmen seien vor allem Mängel im Controlling, Führungsdefizite und strategische Mängel, urteilt die Beratungsgesellschaft Trebag AG, München.Die Berater haben jüngst eine Studie erstellt, die vor allem Konkurse im Mittelstand untersucht.

Für das Aus sind demnach zu vier Fünfteln interne Gründe verantwortlich und kaum externe Faktoren wie Branchen- oder Konjunkturschwächen.In 30 Prozent aller Fälle würden zu große soziale Rücksichten den Untergang beschleunigen.Ihm gehe in der Regel eine fünf- bis siebenjährige Zersetzungsphase voraus, in der der Schlendrian um sich greift.

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