Wirtschaft : Besuch beim Hausarzt spart Praxisgebühr

AOK Sachsen-Anhalt bietet als erste Kasse das neue Modell an, alle anderen wollen folgen

Heike Jahberg

Berlin – Kassenpatienten, die sich verpflichten, zuerst zum Hausarzt zu gehen, können schon bald auf finanzielle Erleichterungen hoffen. Nach einer Umfrage des Tagesspiegels planen fast alle großen Krankenkassen, ihren Mitgliedern bis zum Jahresende so genannte Hausarztmodelle anzubieten. „Wir sind schon sehr weit“, sagte die Sprecherin der Barmer Ersatzkasse, Susanne Rüsberg-Uhrig. „Es kann sein, dass wir im September starten, vielleicht wird es aber auch Oktober.“ Zwar werde noch über Feinheiten verhandelt, klar sei aber, dass die Mitglieder, die sich für das Hausarztmodell einschreiben, finanziell belohnt werden: „Der Bonus bewegt sich wahrscheinlich in Höhe der Praxisgebühr“, so Rüsberg-Uhrig. Auch die Techniker Krankenkasse (TK) will ihren Versicherten bis zum Herbst ein bundesweites Hausarztmodell anbieten. Gemeinsam mit der TK will die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) zudem bereits im Oktober regional begrenzte Modelle einführen – in Hessen und in Baden-Württemberg. Bundesweit will die DAK bis Ende 2005 so weit sein. Dann dürfte die AOK Berlin mit ihrem Hausarztmodell bereits am Start sein. AOK-Sprecherin Gabriele Rähse rechnet mit einem Angebot „frühestens im Herbst“.

Eine andere AOK ist bereits weiter. Die AOK Sachsen-Anhalt ist die erste deutsche Krankenkasse, deren Hausarztmodell bereits unter Dach und Fach ist. Seit vergangenem Donnerstag können sich AOK-Kunden landesweit anmelden. Dabei verpflichten sie sich, bei Erkrankungen zunächst den Hausarzt aufzusuchen. Dieser überweist die Patienten dann gebenenfalls weiter. Als Belohnung sparen die AOK-Versicherten die halbe Praxisgebühr. Wer dem Hausarzt zu Beginn des Jahres 20 Euro zahlt, braucht im restlichen Jahr keine Praxisgebühr zu entrichten. Außerdem sollen Patienten, die das Hausarztmodell wählen, in der Arztpraxis nicht länger als 30 Minuten warten müssen. Hausarztmodelle werden zwischen den Kassen, dem Hausärzteverband und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung beziehungsweise den Kassenärztlichen Vereinigungen geschlossen. Dreh- und Angelpunkt ist die Frage, welche Qualifikationskriterien die beteiligten Hausärzte erfüllen müssen.

Die Ausgestaltung der Hausarztmodelle sollte man den Kassen selbst überlassen, sagte der Gesundheitsexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Gert Wagner. Ziel müsse es sein, die Versorgungsqualität zu verbessern. Dabei sei es nicht ausgeschlossen, dass auf die Krankenkassen wegen des erhöhten Verwaltungsaufwands zunächst höhere Kosten zukämen.

„Mittelfristig bis langfristig werden die Hausarztmodelle Kosten sparen“, sagt Christine Richter vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen, „aber nicht sofort“. Tatsächlich dürften die neuen Modelle den Kassen anfangs sogar Mehrausgaben bescheren – durch erhöhte Verwaltungskosten und eine größere Zahl von Arztbesuchen. Zugleich sinken die Einnahmen aus der Praxisgebühr.

Nach Einschätzung des Bundesgesundheitsministeriums werden die Kassen jedoch schnell von den Hausarztmodellen profitieren. Unterm Strich werde es Einsparungen geben, weil nicht nötige und nicht sinnvolle Facharztbesuche genauso vermieden werden könnten wie die unkoordinierte Verschreibung von Medikamenten, sagte eine Sprecherin. „Wenn das Hausarztmodell gut gemacht wird, gibt es durchaus Einsparpotenzial“, glaubt auch Barmer-Sprecherin Rüsberg-Uhrig. „Man kann teure Doppeluntersuchungen vermeiden“. Sicherheitshalber will die Barmer aber in zwei oder drei Jahren die finanziellen Auswirkungen überprüfen.

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