Bewerbung : Anonyme Kandidaten

Hochschulabsolventen müssen nicht mehr selbst Jobs suchen. Sie können sich von Personalern auf Onlineportalen finden lassen. Was möglich ist – und was sinnvoll.

Jürgen Hoffmann
Bewerber inkognito. Das Rätsel löst sich für die Arbeitgeber erst, wenn die Kandidaten zustimmen, dass ihre Kontakte an ein Unternehmen weitergegeben werden.
Bewerber inkognito. Das Rätsel löst sich für die Arbeitgeber erst, wenn die Kandidaten zustimmen, dass ihre Kontakte an ein...Foto: macrovector Fotolia

Bewerbung einmal umgekehrt: Maximilian Möhrle hat an der Freien Universität Berlin Betriebswirtschaft studiert. Im Oktober erhielt er seinen Bachelor, er wollte aber nicht gleich einen Master-Studiengang anhängen. Im Studium war er auf das Portal Talerio.de gestoßen, über das Arbeitgeber passende Uni-Absolventen entdecken und ansprechen. Er entschied sich dafür, das einmal auszuprobieren.

Er gab seinen Lebenslauf in das Portal ein. Dann klickte sich der 23-Jährige durch einen Online-Test, der fünf Bereiche abdeckte: Fachwissen, Sorgfalt, Kognitive Reflexion, Sprachgefühl und Streetsmart, was so viel heißt wie Cleverness.

Bei diesem Test kommt es laut Anbieter weniger auf richtige Antworten an, sondern vielmehr darauf, wie ein Kandidat Fragen beantwortet. Das Ergebnis werde potenziellen Arbeitgebern angezeigt, aber der Kandidat bleibe anonym – bis er entscheide, seine Daten für das Unternehmen freizugeben.

Neben Talerio bieten inzwischen einige Internetportale Jobvermittlungen oder andere Dienstleistungen für Arbeit suchende Hochschulabsolventen an, darunter etwa Absolventa.de und 4scotty.com. Die Job-Portale, die in Sachen Bewerbung den Spieß umgedreht haben, bei denen die Absolventen entscheiden können, mit welchem Arbeitgeber sie sprechen möchten, verlangen von Unternehmen Geld, die Kandidaten nutzen es kostenlos (siehe Kasten).

Zwölf Anfragen: Er hatte die Wahl

Bei Maximilian hatte die noch recht ungewöhnliche Art, sich Arbeitgebern zu präsentieren, schnell Erfolg. Er erhielt innerhalb weniger Tage rund zwei Dutzend Anfragen von Unternehmen: „Ich konnte auswählen, ohne 100 Bewerbungen schreiben zu müssen.“ Er entschied sich für das Start-up Grünerheld, eine Plattform für Gartenprodukte, stellte sich bei den Gründern vor und trat noch im November die Stelle an. „Das war easy“, resümiert er das Vermittlungsverfahren.

Auch bei Sina Hoffmann hat die Vermittlung über Talerio geklappt. Sie hat am 1. Juni als Junior-Beraterin bei der Kommunikationsagentur Sen-ses am Kurfürstendamm angefangen. Auch ihre künftige Chefin Semra Sen war über das Portal auf die Marketingstudentin der Business School Berlin aufmerksam geworden. „Dort nach geeigneten Kandidaten zu suchen, ist für uns günstiger als eine Stellenanzeige beispielsweise bei Monster.de, auf die wir als noch unbekannte Agentur kaum Resonanz exzellenter Leute bekommen“, sagt sie. 249 Euro hat Semra Sen bezahlt, um sich Studierenden als Arbeitgeberin vorstellen zu können. „Wir haben uns 50 anonymisierte Profile von Kandidaten angesehen, die Talerio über ein Selektionsverfahren gefiltert hatte, und fünf Absolventen angeschrieben“, berichtet die Agenturchefin vom Ablauf ihrer „Bewerbung“. Sina gehörte dazu, antwortete auf die Anfrage, stellte sich bei der Agentur vor und – bekam die Stelle.

Auch für die Vergabe von Studentenjobs nutzt Semra Sen ausschließlich das Netz: Über das Portal Mylittlejob.de rekrutiert die Unternehmerin angehende Rechtswissenschaftler für Recherche- und Textarbeiten: „Die studentischen Mitarbeiter finanzieren sich so ihr Studium und ich kann schon mal sondieren, wer möglicherweise längerfristig zu uns passt, sagt sie.“

Nicht immer klappt der Übergang so reibungslos

Unabhängig davon, ob ein Absolvent ein Vermittlungsportal nutzt oder auf die konventionelle Bewerbung setzt: Längst nicht jeder Kandidat hat gleich nach der Uni einen Arbeitsvertrag in der Tasche. Sabine Dietzsch, Beraterin für akademische Berufe bei der Agentur für Arbeit Berlin-Süd, rät deshalb jedem Studierenden, noch während er immatrikuliert ist, die Hochschulberater der Arbeitsagenturen zu kontaktieren, die zum Teil auch an den Unis ein Büro haben. „Sie unterstützen die Studenten beim Übergang von der Hochschule in den Beruf“, sagt Dietzsch. Sie informieren und beraten, organisieren Veranstaltungen, in denen Einblicke in verschiedene Tätigkeitsfelder gewährt werden, und vermitteln Kontakte.

Hilfreich für die Berufsorientierung sei es auch, schon parallel zum Studium Praxiserfahrung zu sammeln. An der Freien Universität Berlin beispielsweise können Studenten sich dazu auch an die Mitarbeiter des Career Service wenden. Das macht Sinn. Karriere-Coach und Personalberaterin Dietz sagt: „Praktika in verschiedenen Betrieben, möglichst unterschiedlicher Branchen, helfen, festzustellen, was einem liegt und was nicht.“ Mit praxisorientierten Bachelor- oder Masterarbeiten könne man schon als Studierender Unternehmen auf sich aufmerksam machen.

Bei der Jobsuche reicht es meist auch nicht aus, irgendwo im Internet, bei einer Stellenbörse, auf Vermittlungsportalen oder bei der Arbeitsagentur sein Profil einzustellen – und darauf zu warten, dass im Mailfach eine Kontaktanfrage landet.

Es helfe, zu netzwerken, online über Xing oder LinkedIn, offline über Berufs- oder Bundesverbände, auf Messen und Kongressen, rät Dietz: „Gerade am Rande von fachspezifischen Vorträgen lassen sich gute, neue Kontakte knüpfen.“

Auch privatwirtschaftliche Berater können helfen, wenn Studenten oder Absolventen nicht wissen, wie es nach dem Studium weitergehen soll. Gegen gutes Geld. So verlangen die Berliner Berufs- und Karriereberater der Agentur planZ von Absolventen 1 600 Euro, bieten aber auch ein ganzes Paket an Hilfen. Darin enthalten sind ein eignungsdiagnostischer Test, ein ganztägiges Beratungsgespräch, Empfehlungshinweise und Kontaktadressen. „Wir begleiten den Absolventen Schritt für Schritt. Er kann zu uns kommen solange er will“, sagt Beraterin Petra Ruthven-Murray. Im Schnitt dauere es sechs Monate bis ein Kandidat „anfängt zu fliegen“, bis er also sicher ist, welchen Weg er beruflich einschlagen will.

Ein Beispiel: Aaron Lanz hatte 2013 zwar den Abschluss Bachelor of Laws in der Tasche, entschied sich aber nach Beratungen durch planZ, in Richtung Werbung zu gehen: „Die Berater haben mir bei der Neujustierung sehr geholfen“, sagt er. Nach einem Praktikum bei Daimler im Bereich Marketing holte die Hamburger Werbeagentur Serviceplan den Berliner an die Elbe. Parallel studiert Lanz jetzt an der Steinbeis-Hochschule-Berlin Digital Media Management. Ein Fehlstart verpatzt längst noch keine Karriere.

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