Bierabsatz : Auszapft is’

Berlin galt einmal als Bier-Hauptstadt. Heute dominiert ein Großkonzern den Markt. Aber Mini-Brauereien bewahren das Erbe.

Kevin P. Hoffmann,Moritz Honert
Bierabsatz
Bierabsatz -Grafik: TSP/Pieper-Meyer

Berlin - Spötter mögen behaupten, dass Bier immer noch der Stoff ist, der diese Stadt antreibt. Es gab aber eine Zeit, da war Bier mehr als nur Suff im Straßenbild, Bier war ein Wirtschaftsfaktor: Arbeit und Kultur. Vieles spielte sich um die Brauereien herum ab: 1919 tagte der Revolutionsausschuss unter Leitung Karl Liebknechts nicht in einem Kongresshotel, sondern im Gartenlokal der Bötzowbrauerei in Prenzlauer Berg. Dort fließt heute kein Tropfen mehr. 128 Brauereien wies eine amtliche Statistik für das Jahr 1905 im heutigen Stadtgebiet aus, von Bärenquell bis Engelhardt. Gut einhundert Jahre später gibt es in Berlin praktisch nur noch eine unabhängige Großbrauerei.

Vergangenen Mittwoch im Bezirk Lichtenberg: Jens Caßens strahlt. Der gemütliche Mann in Nadelstreifenanzug mit Einstecktuch und dem Siegelring am Finger steht neben seiner neuesten Anschaffung, einer Hightech-Abfüllanlage, 20 mal zwölf mal sechs Meter Aluminium, Kunststoff und Plexiglas. 2,5 Millionen Euro hat die Maschine die Berliner-KindlSchultheiss-Brauerei gekostet. Dann drückt der Geschäftsführer zusammen mit Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) auf einen roten Knopf, es pfeift, die Maschine läuft an.

Eine solche Investition mitten in der Krise? Die Anschaffung war offenbar überfällig. Die bisherige Abfüllanlage, die auch schon am geschlossenen Standort in Kreuzberg arbeitete, war altersschwach. Die Neue spare gehörig Geld, sagt Caßens: „Bis zu 25 Prozent lässt sich damit der Wasser- und Energieverbrauch senken.“ Ein silberglänzendes Fass rollt hinter ihm vorbei. 350 Fässer kann die Maschine pro Stunde spülen, auffüllen, versiegeln, trocknen, föhnen, datieren und verladen.

Jetzt kann Caßens auch andere Biere abfüllen lassen, alle Marken aus dem Radeberger-Reich, zu dem sein Unternehmen gehört. Die Radeberger-Gruppe ist mit 14 Brau-Standorten in Europa und 1,25 Milliarden Euro Umsatz (2007) eine Sparte des Oetker-Konzerns. Die einst rivalisierenden Berliner Marken Kindl, Schultheiss und Berliner Pilsner kommen alle aus dem Werk in Lichtenberg. Mehr als die Hälfte aller Biere, die durch Berliner und Brandenburger Kehlen fließen, stammen von dort. Der Marktanteil des Konzerns ist also groß, doch der Markt schrumpft. Caßens umschreibt die Lage der deutschen Bierbranche so: „Der kürzeste Witz einer Brauerei?“, fragt er während der Feierstunde in die Runde. „Wachstum.“

Etwa 680 Liter Flüssigkeit trinkt jeder Bundesbürger im Jahr, am meisten Wasser, dann Kaffee, dann Bier. Rund 150 Liter Bier waren es in den 70er Jahren. Jetzt sind es noch 111, wie aus Zahlen hervorgeht, die das Statistische Bundesamt am Donnerstag vorgelegt hat. Mit 49,3 Millionen Hektolitern verkauften die Brauereien und Importeure zuletzt so wenig, wie seit Beginn der gesamtdeutschen Statistik 1991 nicht. Die Absätze brachen im ersten Halbjahr 2009 gegenüber dem Vorjahreszeitraum bundesweit erneut um 2,3 Millionen Hektoliter oder 4,5 Prozent ein. Und Besserung ist nicht in Sicht: Die Verkaufszahlen bei Biermischungen mit Cola oder Limonade, mit denen die Brauer zuletzt mehr Frauen als Kunden gewinnen wollten, brach noch stärker, um 7,4 Prozent, ein. Der Absatz von Fassbier ging sogar um ein Viertel zurück. Das begründen die Statistiker vor allem mit den Rauchverboten in Kneipen. Ansonsten schiebt Peter Hahn, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes, den Einbruch auch aufs schlechte Wetter und die demografische Entwicklung: „Wir haben eine alternde Gesellschaft. Die älteren Menschen trinken weniger, und die jüngeren können das nicht ausgleichen“, sagt er.

Doch es gibt sie noch, die Bierfreunde. Immer mehr gehen in eine der etwa zehn Berliner Gasthausbrauereien, wie der Microbrauerei Barkowsky, dem sogenannten „Marcus-Bräu“, in der Münzstraße am Alexanderplatz. Inhaber Marcus Barkowsky vergleicht sein helles, trübes Pils, das er ausschließlich für das eigene Lokal braut, mit Frischmilch gegenüber H-Milch. Vier Wochen dauert es, bis er ein Fass über die Herstellung der Würze und Gärung einlagern kann. Danach bleibt es nur haltbar, wenn es gekühlt bleibt. Supermarkt-Bier dagegen wird binnen zwei Wochen hergestellt, auf 78 Grad erhitzt und so – wie H-Milch – über Monate haltbar gemacht. „Das sind Biere, die sollen allen schmecken und allen immer gleich“, sagt Barkowsky. Das findet er nicht schlimm, betont aber: „Wir machen was anderes“.

Regelmäßig kommen Engländer, Dänen und Japaner mit einem Bier-Führer in der Hand ins Marcus-Bräu oder ins Friedrichshainer Hops & Barley auf ihrer Tour durch Berlins Gasthausbrauereien. Deren Zahl steigt seit den 90er Jahren langsam, aber beständig. Die meisten davon versuchen Nischen zu besetzen, die die Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei nicht füllen kann oder will.

Das versucht auch die Familie Häring aus der Oberpfalz. Vor Jahren hat sie die Bürgerbräu-Brauerei in Berlin-Friedrichshagen am Müggelsee übernommen, deren Ursprünge auf das Jahr 1759 zurückgehen. Es ist die letzte unabhängige Industriebrauerei Berlins. Oft wurde das mittelständische Unternehmen schon totgesagt. Geschäftsführer Paul M. Häring räumt ein, dass sein Pils-Absatz rückläufig ist. Dafür setzt er zunehmend auf Spezialitäten: Bio-Bier, Schwarzbier, Berliner Weiße mit Schuss. „Die Lebensmittelhändler sind froh, dass es uns noch gibt, sonst könnten unsere großen Wettbewerber die Preise ganz allein diktieren.“

Am kommenden Freitag beginnt das 13. Internationale Bierfestival. Auf der 2,2 Kilometer langen Meile zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor bieten 300 Brauereien aus 86 Ländern 2000 Biersorten an. 800 000 Besucher werden erwartet. Dann wird Berlin, zumindest drei Tage lang, wieder Bierhauptstadt sein.

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