Wirtschaft : „Bio-Produkte gibt es bald auch bei Aldi und Lidl“

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Herr Hürter, Plus hat als einziger Einzelhändler seine Bio-Eier nicht aus den Regalen geräumt. Wollen Sie Ihre Kunden vergiften?

Als die Meldung über die Nitrofen-Belastung kam, haben wir sofort sämtliche Lieferungen untersucht und festgestellt, dass wir nicht betroffen sind. Darum können wir unsere Bio-Eier nach wie vor verkaufen. Unsere Bio-Eier sind nicht belastet.

Glauben Ihre Kunden das auch?

Unsere Kunden haben so gut wie gar nicht auf den neuen Lebensmittelskandal reagiert. Unsere Call-Center haben zum Thema Nitrofen kaum Anrufe bekommen, und der Absatz ist auch nicht zurückgegangen.

Vielleicht haben Ihre Kunden noch gar nicht mitbekommen, dass es einen Nitrofen-Skandal gibt?

Das will ich nicht ganz ausschließen.

Das klingt nicht so, als würden bei Ihnen dieselben ökologisch bewussten Menschen einkaufen wie im Bioladen.

Viele Verbraucher sind inzwischen abgestumpft und verfolgen nicht mehr so genau, was passiert. Außerdem geht es hier um Stoffe, die niemand kennt. Was Nitrofen ist, weiß doch kaum jemand.

Wie viele Bio-Produkte haben Sie im Regal?

Insgesamt 24 verschiedene Artikel bei einem Gesamtsortiment von etwa 1900 Produkten. Das ist noch nicht so viel, aber wir haben auch erst im Frühjahr angefangen. Wir wollen unser „BioBio“-Sortiment auf jeden Fall ausweiten.

Wie?

Wir wollen vor allem bei Milchprodukten wachsen. Den Rohstoff Bio-Milch gibt es in Hülle und Fülle. Anders sieht es beim Fleisch aus. Hier ist das Angebot noch zu klein, um den Bedarf bundesweit befriedigen zu können. Außerdem bin ich nicht sicher, ob man Fleisch als Bio-Ware über die Discount-Schiene vertreiben sollte.

Warum nicht?

Wir wollen unsere Bio-Ware in Deutschland einkaufen. Aber der deutsche Markt deckt derzeit nur ein Zehntel der Menge ab, die wir für unsere 2700 Filialen bräuchten. Bis dieser Engpass beseitigt ist, können noch Jahre vergehen.

Warum kaufen Sie nicht in Österreich oder anderen Ländern ein, wo der Anteil der Bio-Produkte schon viel höher liegt als in Deutschland?

Das ist unsere Firmenphilosophie. Für eine ökologische Marke kann man nicht guten Gewissens werben, wenn man die Produkte aus Fernost importiert. Wir haben zwar auch einzelne Artikel aus Österreich, und unsere Nudeln kommen aus Italien, weil wir nur dort die nötige Menge an Hartweizenprodukten bekommen. Aber grundsätzlich wollen wir nur in Deutschland einkaufen.

Kurz nachdem Sie Ihre Marke BioBio eingeführt haben, kam der Nitrofen-Skandal. Schlechtes Timing?

Nein, selbst wenn wir vorher gewusst hätten, dass der Nitrofen-Skandal kommt, hätten wir diesen Schritt gewagt. Der Einstieg in den Biomarkt ist für uns ein langfristiges Investment, das wir uns gut überlegt haben. Wir werden an dem Bio-Segment in jedem Fall festhalten, mindestens für die nächsten fünf Jahre.

Wird der Nitrofen-Skandal ähnliche Kreise ziehen wie die BSE-Krise?

Nein. Bei BSE handelt es sich um eine übertragbare Krankheit, die lange verleugnet wurde - ein Langzeitproblem. Der Nitrofen-Skandal hat dagegen mit kriminellen Machenschaften zu tun und wird bald aufgeklärt und erledigt sein.

Können solche Skandale durch strengere Kontrollen verhindert werden?

Es gibt überall Menschen, die mit krimineller Energie vorgehen. Das können auch die strengen Kontrollen nicht verhindern, die es bei den Bio-Produkten schon heute gibt. Banküberfälle gibt es ja auch immer wieder - trotz der Polizei. Auch Lebensmittelskandale werden immer wieder passieren.

Sie rechnen also mit weiteren Skandalen?

Ich bin überrascht und auch schockiert von dem, was passiert ist. Aber ich gehe wirklich davon aus, dass es sich bei dem Nitrofen-Skandal um einen kriminellen Akt handelt. Ich rechne nicht damit, dass noch viel mehr nachkommt.

Warum nicht?

Weil die Zertifizierung der Öko-Betriebe mit dem Bio-Siegel sehr gründlich und schwierig ist. Die ökologische Landwirtschaft ist wirklich ein sicherer Kreislauf. Wenn es viele Risiken gäbe, hätten wir die BioBio-Marke nicht eingeführt, das können Sie mir glauben.

Bisher galten hohe Preise in Öko-Läden als Zeichen besonders hoher Qualität. Sie dagegen verramschen Ihre Bio-Produkte zu Discount-Preisen. Setzen Sie damit nicht die Glaubwürdigkeit der Bio-Lebensmittel aufs Spiel?

Das haben uns die Bioverbände auch vorgeworfen. Aber zu Unrecht. Sie begreifen nicht, wie niedrig die Kosten eines Discounters sind. Unsere Bio-Milch ist die gleiche, die es beim Bio-Markt um die Ecke gibt. Und wir zahlen den Bauern dieselben Preise, wie die Öko-Läden. Wir akzeptieren, dass der ökologische Landbau höhere Kosten hat als die konventionelle Landwirtschaft. Aber wir als Discounter haben völlig andere Kostenstrukturen. Unsere Personalkosten sind niedriger als die eines Bioladens, unsere Mieten sind niedriger, unsere Werbekosten pro Filiale auch. Außerdem arbeiten wir deutlich produktiver. Die Kostenvorteile, die ein Discounter gegenüber dem Öko-Laden hat, geben wir an unsere Kunden weiter. Nur dadurch können wir 40 bis 60 Prozent billiger sein als ein Öko-Supermarkt.

Nehmen Sie den Öko-Supermärkten Kunden weg?

Ja. Aber gleichzeitig wächst der Öko-Markt auch. Wir bieten heute 24 Produkte an, ein Öko-Supermarkt dagegen 2000 bis 3000 Artikel, der klassiche Bio-Laden sogar bis zu 5000 Produkte. Das können wir gar nicht bieten. Darum konzentrieren wir uns auf die so genannten schnell drehenden Produkte – wie Bio-Milch oder -Brot. Hier wollen wir uns einen Teil aus dem Umsatzkuchen herausschneiden. Daneben bleibt aber auch für den Öko-Fachmarkt noch genug Raum.

Glauben Sie, dass auch Aldi, Lidl und Co bald Bio-Produkte anbieten?

Wir sind unter den Discountern die ersten nationalen Vermarkter von Öko-Waren. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Wettbewerber irgendwann nachziehen.

Müssen Sie sich um die Rohstoffe prügeln?

Wenn Aldi und Lidl ebenfalls mitmischen, würde das natürlich neuen Druck auf die Rohstoffmärkte machen. Allerdings versuchen wir, mit den Ökobetrieben langfristige Absprachen zu treffen. Da wir die üblichen Preisaufschläge bezahlen, glauben wir, dass wir auch in Zukunft gut bedient werden. Und unter den Discountern haben wir den Vorteil, die Ersten zu sein.

Werden Bio-Lebensmittel immer teurer sein als herkömmliche Produkte?

Ja. Der Einkaufspreis ist und bleibt höher. Wir werden keinen Preiskampf im Bio-Bereich machen. Sonst werden wir unglaubwürdig. Die Produktion von ökologisch hergestellten, zertifizierten Produkten ist von Natur aus teurer, deshalb sind die Einstandspreise höher. Aber ich glaube, dass das jeder Verbraucher weiß und auch mitträgt.

Hätte es BioBio auch ohne die von Verbraucherschutzministerin Künast propagierte Agrar-Wende gegeben?

Wir haben „BioBio“ schon vor 23 Monaten als Wellnessmarke eintragen lassen. Aber Renate Künast hat es uns einfacher gemacht. Jetzt gibt es ein einheitliches Bio-Siegel, das ist für den Kunden viel einfacher zu verstehen, als vier oder fünf verschiedene Gütesiegel, die von den einzelnen Verbänden vergeben werden.

Verdienen Sie mit den Bio-Produkten Geld oder ist das ein Zuschussgeschäft?

Keine Sorgen, wir verdienen auch bei unseren Öko-Artikeln.

Weil Sie die Euro-Einführung genutzt haben, um die Preise für Ihr sonstiges Sortiment zu erhöhen?

Nein, im Gegenteil. Wir haben den größten Teil der Waren im Preis gesenkt und bis heute keinen einzigen Preis erhöht. Außerdem haben wir die Preissenkungen bis heute durchgehalten.

Ärgert Sie die Teuro-Debatte?

Ganz im Gegenteil: Der restliche Einzelhandel jammert, wir wachsen. Viele Kunden kaufen jetzt bei Discountern ein, weil wir billiger sind als andere Anbieter.

Es geht Ihnen gut, weil es den Menschen schlecht geht?

Sagen wir mal so: Wir profitieren davon, dass die Menschen derzeit mehr auf Euro und Cent achten.

Warum sind Lebensmittel in Deutschland immer noch so billig wie in keinem anderen EU-Land?

Weil es in Deutschland schon viel länger Discounter gibt als in anderen Ländern. Die deutschen Verbraucher wissen, dass man gute Lebensmittel auch günstig anbieten kann.

Das Interview führten Maren Peters und Heike Jahberg.

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