Biohacker bei MediaMarkt : Der digitale Schlüssel unter der Haut

Viele Menschen pflanzen sich Chips ein. Damit öffnen sie Türen, checken im Flugzeug ein und in Schweden ersetzen die Implantate jetzt auch Bahntickets.

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„Hat ordentlich gezwickt.“ Der Technikchef von MediaMarkt-Saturn, Jens-Peter Labus, hat sich einen Chip einsetzen lassen. Foto: promo Promo
„Hat ordentlich gezwickt.“ Der Technikchef von MediaMarkt-Saturn, Jens-Peter Labus, hat sich einen Chip einsetzen lassen. Foto:...Promo

Um bombastische Titel waren Konzerne noch nie verlegen, am Donnerstag ist noch ein ganz besonderer hinzugekommen: Chief Cyborg Officer nennt sich Jens-Peter Labus, dem Chef der IT-Tochter von MediaMarkt-Saturn wurde ein kleiner Chip unter die Haut gesetzt. „Es hat ordentlich gezwickt, aber nach fünf Sekunden war es vorbei“, sagt Labus. Noch kann man die Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand sehen, wo der Chip von der Größe eine Reiskorns mit einer Spritze implantiert wurde. Nun kann Labus beispielsweise Türen öffnen, indem er einfach die Hand davor hält. Zumindest theoretisch jedenfalls.

MediaMarkt-Saturn hat Deutschlands ersten Chief Cyborg Officer

Denn so richtig beeindruckend ist das Leistungsvermögen von Deutschlands erstem Chief Cyborg Officer noch nicht. Er trägt nun zwar einen Chip unter der Haut, doch damit sind noch keine Funktionen verknüpft. „Ich teste gerade, ob es eine Möglichkeit gibt, die Daten meiner Zugangskarte auf den Chip zu bringen“, sagt Labus. „Dann müsste ich eine Plastikkarte weniger mit mir herumtragen.“

Die Schweden sind da schon weiter. Seit gestern können Kunden der Staatsbahn SJ statt ein Ticket vorzuzeigen einfach ihr Implantat an das Lesegerät der Kontrolleure halten. „Es gibt in Schweden schätzungsweise 1500 bis 2000 Menschen mit einem Mikrochip“, sagt ein SJ-Sprecher. Einige hundert davon arbeiten im Epicenter, einem Start-up-Zentrum in Stockholm, wo sie mit den Chips unter der Haut schon seit zwei Jahren Türen öffnen oder die Kopierer starten können. Einige hätten immer wieder bei der Bahn gefragt, ob sie nicht ihre digitalen Tickets ebenfalls auf die Implantate spielen können.

Implantate ersetzen Bordkarten, Bahntickets und Hotelschlüssel

Andreas Sjostrom trägt ebenfalls schon seit einiger Zeit einen Chip in der Hand. Der IT-Spezialist benutzt ihn vor allem als Bordkarte. Vor anderthalb Jahren checkte er zum ersten Mal bei einem Flug von Stockholm nach Paris damit ein. Denn die schwedische Fluglinie SAS nutzt schon seit einiger Zeit die Funktechnik NFC, die auch zum kontaktlosen Bezahlen zum Einsatz kommt. Vorher mussten Vielflieger dafür einen Aufkleber mit NFC-Chip auf ihr Smartphone kleben. „Ich trage den stattdessen in der Hand“, sagt Sjostrom.

Denn die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Kürzlich war er in Belgien auf Geschäftsreise und probierte seinen Chip im Hotel. An der Rezeption legte er seine Hand auf das Lesegerät und bat, den Zugangscode für sein Zimmer auf seinen Chip zu schreiben, statt wie üblich auf eine Plastikkarte. „Es hat funktioniert“, sagt Sjostrom, der als Technikchef bei einer Tochter der IT-Beratung Capgemini arbeitet.

Experte rät von Chips unter der Haut ab

Aus Interesse für die technischen Möglichkeiten und für seine Kunden probiert er solche Szenarien aus. Trotzdem glaubt der Experte nicht, dass Chips unter der Haut im großen Stil Tickets, Zugangskarten oder Schlüssel ersetzen. „NFC-Chips zur Identifikation einzusetzen ist eine schlechte Idee“, sagt Sjostrom. Er rät daher auch Unternehmen davon ab, solche Systeme in großem Stil einzuführen.

Denn die Technologie sei noch nicht soweit. Das Problem liegt darin, dass Chips meist nicht mehrere Anwendungen parallel ausführen können. Nachdem er ihn als Hoteltürschlüssel genutzt hatte, funktionierte beispielsweise der Boardingpass nicht mehr. Die entsprechenden Daten musste er erst einmal wieder mit dem Smartphone auf den Chip schreiben. Doch dann könnte er auch gleich sein Telefon nutzen. „Die Vorteile überwiegen noch nicht den Aufwand“, sagt Sjostrom. Denn die Implantate lassen sich auch nur auf sehr kurze Entfernung auslesen. Teilweise müsse er am Flughafen auf dem Lesegerät mit der Hand drücken und reiben bis sie erkannt werden. Besonders hygienisch findet er das nicht.

„Ich vergleiche die heutige Generation an Implantaten mit den ersten Apple-Computern aus Holz“, sagt Patrick Kramer. Der Chef des Hamburger Unternehmens Digiwell ist einer der Pioniere für die Technologie in Deutschland. Bei ihm gibt es die Chips im Set mit Spritze schon ab 49 Euro. Wie viele er schon verkauft hat, will Kramer nicht verraten. Doch die Zahl dürfte noch überschaubar sein. "Weltweit tragen schätzungsweise 50.000 Menschen ein Implantat", sagt Kramer.

„Wenn Technologie die Haut durchdringt, verschiebt sich eine Grenze“

Auch der Chip von MediaMarkt-Manager Labus stammt von Kramer. „Es ist schwer vorherzusehen, ob und wann sich solche Implantate durchsetzen“, sagt auch Labus. Doch er war über das Interesse erstaunt. Gleich 30 Mitarbeiter taten es ihm nach und ließen sich auch einen Chip einpflanzen. Es hätten sogar noch mehr sein können, doch Digiwell hatte nicht mit solch einem Ansturm gerechnet. Denn auch Labus weiß genau, dass die Technik auch Ängste hervorruft. „Wenn eine Technologie die Haut durchdringt, verschiebt sich eine Grenze“, sagt der 56-Jährige. Während bislang die Medizin vor allem genutzt wird, um körperliche Defekte zu beheben, träumen die Biohacker davon, ihren Körper technisch aufzurüsten.

Kritiker warnen jedoch vor der nächsten Stufe der Überwachung, auch wenn die derzeitigen Chips in der Regel nicht geortet werden können. Auch komplett sicher sind sie nicht, es gelang Hackern bereits, Daten der Chips im Vorbeigehen auszulesen. Doch die Implantat-Fans setzen große Erwartungen in die kommenden Generationen von Chips. So schwärmt Kramer von einem Chip namens VivoKey: „Der erlaubt es seinem Benutzer, kryptographische Schlüssel im eigenen Körpern zu tragen“. Identitätsdiebstahl und Datenklau sollen damit der Vergangenheit angehören.

Zudem könnten künftig die Implantate auch Blutzucker und andere Werte im Körper messen und beispielsweise vor Schlaganfällen warnen. Auch Labus sagt, es brauche eine „Killer-App“, damit sich wirklich genug Leute einen Chip einpflanzen lassen. Seine Visitenkarten lässt der Chief Cyborg Officer daher auch erstmal nicht ändern. Das sei eher ein Ehrentitel.

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