Biometrie : Punkt für Punkt

Mit Biometrie können Behörden Gesichter erkennen. Viele weitere Anwendungen für die Personenerkennung sind denkbar. Eine Dresdner Firma hat die Software dafür entwickelt.

Christoph Giesen
Biometrie
Eingescannt: Das Gesicht wird bei dem Verfahren in einzelne Teile zerlegt. -Foto: Promo

Berlin - Die Kamera fixiert die junge Frau, auf dem Bildschirm legen sich kleine Kreuze über die Augen, das Gesicht wird grün umrahmt. Schon nach wenigen Sekunden ist die Frau erkannt, unten links auf dem Monitor erscheint ihr Archivfoto. Dort trägt sie die Haare hochgesteckt, doch das Gesicht ist ohne Frage dasselbe.

Um Gesichter anhand von biometrischen Merkmalen erkennen zu können, hat die Dresdner Firma Cognitec eine spezielle Software entwickelt. „Wir sind der einzige deutsche Anbieter auf dem Markt“, sagt Jürgen Pampus, der Vizepräsident von Cognitec, dieser Zeitung. Jedoch: „Unser größter Kunde ist die Führerscheinbehörde Floridas.“ Der amerikanische Bundesstaat verwaltet 52 Millionen Fotos in einer Datenbank. Binnen Sekunden durchkämmt die Software alle gespeicherten Bilder und meldet Übereinstimmungen. „So stellen wir sicher, dass niemand einen Führerschein doppelt beantragt“, sagt Pampus. Die Fotos seien in drei bis vier Sekunden durchsucht.

Auch für das Bundesverwaltungsamt in Köln vergleicht die Cognitec-Software neun Millionen Fotos in Visaanträgen. „Das Gesicht eines Menschen ist einzigartig und eignet sich deshalb hervorragend zur Wiedererkennung“, sagt Pampus.

Die 40 Cognitec-Mitarbeiter erwirtschaften einen Jahresumsatz von rund 3,5 Millionen Euro. International vertreten ist das Unternehmen mit Büros in den USA, Brasilien und Hongkong. „Es gab schon häufig Kaufangebote, bisher haben wir aber immer abgelehnt, denn wir haben noch eine Menge vor“, sagt Pampus.

Die Aussichten waren nicht immer so gut. 1995 baute Pampus den Geschäftsbereich Biometrie bei Siemens auf und leitete die Abteilung. Trotz erster Entwicklungserfolge zog sich der Münchener Konzern zurück. Daraufhin gründete Pampus mit Kollegen im Jahr 2002 Cognitec. „Am Anfang war es ungewohnt, in die Selbstständigkeit zu gehen, doch jetzt sind wir sehr erfolgreich.“

Geteilt wird diese Auffassung vom Bundesverband für Informationswirtschaft (Bitkom). „Die deutsche Biometriebranche genießt international einen guten Ruf und ist bei der Gesichtserkennung weltweit führend“, sagt Bitkom-Vizepräsident Jörg Menno Harms. Der Branchenverband geht davon aus, dass der Umsatz in der Biometrie von rund 120 Millionen Euro jährlich auf 300 Millionen Euro im Jahr 2010 steigen wird. Weltweit setzt die biometrische Industrie rund 1,8 Milliarden Euro um, und nach Expertenschätzungen dürfte 2010 der Umsatz bei 4,8 Milliarden Euro liegen.

„Viel zu viel“, findet Constanze Kurz vom Chaos Computer Club. „Wir haben nur ein Gesicht, und wenn das versehentlich abgespeichert wird, ist es schwer, da wieder rauszukommen. Wir wollen keine britischen Verhältnisse“, sagt sie. Großbritannien überwacht seine Bürger besonders stark. 4,2 Millionen Kameras filmen Tag und Nacht. Jeder Inselbewohner ist täglich rund 300-mal auf einem der Kontrollbildschirme zu sehen. Und jährlich werden in Großbritannien rund 660 Millionen Euro in Videotechnik gesteckt, rund dreieinhalb Mal so viel wie in der Bundesrepublik.

Aber auch in Deutschland werde kräftig in Sicherheitstechnik investiert, sagt Kurz. „Heutzutage wird doch fast jedes Einkaufszentrum überwacht.“ Der neue Reisepass sei nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zum „gläsernen Menschen“.

Auch der Bundesdatenschützer Peter Schaar mahnt: Die zunehmende Überwachung, Registrierung und Gängelung der Bürger könne auf Dauer eine Gesellschaft von Angepassten und Duckmäusern zur Folge haben.

Seit November 2005 stellt die Bundesdruckerei den neuen elektronischen Reisepass her. Bislang wurden mehr als vier Millionen Pässe gedruckt. Waren früher Halbprofilbilder gewünscht, muss nun frontal und ein wenig grimmig in die Kamera geschaut werden.

Gemeinsam mit der Linkspartei hat der Chaos Computer Club eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt. „Wir wollten wissen, wie häufig deutsche Pässe gefälscht werden“, sagt Kurz. Das Bundesinnenministerium argumentiert, dass die Pässe durch die biometrischen Daten fälschungssicherer seien. In der Stellungnahme des Ministeriums heißt es: „Im Rahmen der grenzpolizeilichen und sonstigen Kontrollmaßnahmen hat die Bundespolizei im Zeitraum 2001 bis 2006 insgesamt sechs Fälschungen und 344 Verfälschungen deutscher Pässe festgestellt.“ „Wegen sechs Fälschungen opfern wir unsere Privatsphäre?“, fragt Kurz.

Bei der Bundesdruckerei will man sich dazu nicht äußern und schaut lieber in die Zukunft. 2008 in Peking wird die Bundesdruckerei als „offizieller Sicherheitstechnologiepartner der deutschen Olympiamannschaft“ dabei sein. Hinter diesem sperrigen Titel verbirgt sich ein Einlasskontrollsystem für das Deutsche Haus, dem Treffpunkt der Athleten. „Bei den vergangenen Winterspielen in Turin haben wir die Fingerabdrücke der einzelnen Gäste genommen und so kontrolliert, wer reinkommen durfte“, sagt Iris Köpke, Sprecherin der Bundesdruckerei. „Mal sehen, welche technischen Finessen wir diesmal aufbieten werden.“

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