Biosprit E10 : Aufstand der Verbraucher

Es ist ein Aufstand, ein gewaltiger Käuferstreik. Deutschlands Autofahrer wollen den neuen Biosprit einfach nicht tanken. Umweltschutz per Dekret funktioniert nicht gut.

Jens Koenen,Regine Palm
E10 in Berlin. Das Thema steht ganz oben auf der Tagesordnung.
E10 in Berlin. Das Thema steht ganz oben auf der Tagesordnung.Foto: Thilo Rückeis

Es ist ein Aufstand, ein gewaltiger Käuferstreik. Deutschlands Autofahrer wollen den neuen Biosprit einfach nicht tanken. Zu groß sei die Verunsicherung, ob das eigene Auto den „Biosprit“ überhaupt verträgt, mutmaßt die Mineralölindustrie. Eine fragwürdige Vermutung. Seit Monaten ist im Internet zu lesen, welches Auto das neue E10 verträgt und welches nicht. Die Informationen sind also da, ein für die Politik schlimmer Verdacht macht sich breit: Ist die vermeintliche Verunsicherung am Ende ein gezielter Boykott?

Der mündige Verbraucher schlägt immer häufiger zurück. Fragwürdiger Umweltaktionismus wird in Zeiten des fast unbegrenzten Zugangs zu Informationen gnadenlos enttarnt und bestraft. Zehn Prozent Biosprit aus nachwachsenden Rohstoffen, das klingt zunächst überzeugend. Doch die Herstellung des Biosprits ist aufwendig, er liefert weniger Energie, das Auto verbraucht mehr Liter – eine in der Summe wenig gelungene Ökobilanz, nachzulesen im Internet.

E10 ist nicht der erste staatlich verordnete Umweltschutz, der vor massiven Problemen steht. Seit dem vergangenen Jahr wird per Gesetz versucht, die klassische Glühbirne aus den Regalen und den privaten Haushalten zu verbannen. 2003 gerieten die handlichen Getränkedosen ins politische Visier. Das Dosenpfand sollte ihnen den Garaus bereiten. In beiden Fällen ist die Bilanz ernüchternd. Das „Wegwerf-Gebinde“ feiert in der Getränkeindustrie ein eindrucksvolles Comeback. Die vermeintlich umweltfreundlicheren Mehrweg-Verpackungen schafften es nach Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe in der Getränkeindustrie im vergangenen Jahr gerade noch auf einen Anteil von 31,1 Prozent, 2005 lag er bei knapp 50.

Nicht besser sieht es bei den Glühbirnen aus. Nach Angaben von Michael Bross von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) wurden im vergangenen Jahr 66 Millionen Glühlampen verkauft, aber nur 16 Millionen Energiesparlampen. Energiesparlampen mögen sich zwar dämpfend auf die Stromrechnung auswirken. Doch jeder kann im Internet die Studien lesen, die zeigen, dass ihre Herstellung teuer, die Entsorgung quecksilberhaltiger Leuchtmittel ein Problem und die Brenndauer nicht so lang wie versprochen ist.

Nun hat es auch die Tankstellen erwischt. Bis zu 70 Prozent der Autofahrer greifen statt zum E10 zur ursprünglich als „Schutzsorte“ für nicht geeignete Autos gedachten Super Plus 98. Und das, obwohl E10 fünf bis acht Cent weniger kostet als Super Plus.

Ein Aufpreis, der den Schmerz der Mineralölkonzerne über den Boykott freilich ordentlich mildern dürfte. „Der Aufschlag fließt zu einem guten Teil in die Kasse der Mineralölgesellschaften“, sagt Jürgen Albrecht, Kraftstoffmarktexperte beim Automobilclub ADAC. Normalerweise wechselten die Autofahrer schon wegen Preisunterschieden von einem Cent die Tankstelle. Diesmal sei es völlig anders. „Das Auslegen von Faltblättern im Kassenraum reicht eben nicht aus“, sagt Albrecht.

„Alle Beteiligten müssen jetzt gemeinsam daran arbeiten, die Verbraucher so schnell wie möglich umfassend über den neuen Kraftstoff zu informieren“, fordert Lutz Guderjahn vom Vorstand des Bioethanolherstellers Cropenergies AG. „Alle müssen an einem Strang ziehen“, heißt es auch bei Aral.

Während die Mineralölwirtschaft noch auf das Prinzip Hoffnung setzt, arbeiten die Beamten in Brüssel bereits am nächsten Projekt. Ihr neues Ziel ist das Wasser. Weil das wertvolle Nass in EU- Ländern wie Spanien regelmäßig knapp wird, soll europaweit Abhilfe geschaffen werden. Eine Idee: in allen Duschköpfen einen Durchflussbegrenzer zur Pflicht machen.

Bei vielen deutschen Verbrauchern dürfte der neue Duschstrahl auf wenig Akzeptanz stoßen. Schließlich gelten sie bereits jetzt als Weltmeister im Wassersparen. So sehr, dass die Versorger immer mehr Geld für zusätzliche Pflege des Leitungsnetzes ausgeben müssen, weil das Wasser mittlerweile viel zu langsam fließt und die Leitungen verkeimen und vergammeln. Aber das interessiert in Brüssel kaum jemanden.

Jens Koenen, Regine Palm (HB)

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