Wirtschaft : Blutbäder und Rabattschlachten

Die großen Autohersteller kämpfen um Marktanteile – und werden aggressiv.

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Fiat-Chef Sergio Marchionne hat den Streit losgetreten. Foto: dapd Foto: dapd
Fiat-Chef Sergio Marchionne hat den Streit losgetreten. Foto: dapdFoto: dapd

Berlin - Es kracht an der Spitze der Automobilindustrie. Weil der Wettbewerb auf dem schrumpfenden europäischen Markt immer härter wird und der Kampf um Platz eins in der Welt offen ist, werden die Großen der Branche aggressiv.

Volkswagen forderte am Freitag Fiat- Chef Sergio Marchionne auf, als Vorsitzender des europäischen Herstellerverbandes Acea zurückzutreten. Marchionne hatte VW vorgeworfen, in der Rabattschlacht um Kunden ein „Blutbad“ bei den Preisen und Margen anzurichten. VW profitiere im Klein- und Kompaktwagensegment – die Domäne der Italiener und Franzosen – nur, weil die Wolfsburger massiv Rabatte gewährten.

„Sergio Marchionne ist als Präsident des europäischen Herstellerverbandes untragbar und soll gehen“, sagte VW- Kommunikationschef Stephan Grühsem. „Angesichts der Äußerungen ist auch ein Acea-Austritt für VW eine Option“, sagte er. Während der VW-Konzern am Donnerstag einen Quartalsgewinn von 8,8 Milliarden Euro präsentiert hatte, leidet Fiat unter Überkapazitäten und Absatzproblemen. Die Italiener legen am Dienstag ihre Quartalszahlen vor.

Hintergrund für den Schlagabtausch ist die im Zuge der europäischen Schuldenkrise entstandene Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Branche. Während VW, BMW und Daimler bei Vollauslastung ihrer Werke vor allem in China und den USA gute Geschäfte machen, sind Fiat, PSA Peugeot Citroën, Renault (siehe Kasten) oder Opel auf den schwachen europäischen Markt angewiesen. „Wenn sich die wirtschaftliche Lage wendet, versuchen alle Hersteller, mit aggressiven Preisen Kunden zu gewinnen“, sagte ein Sprecher des Verbands der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK), in dem die 35 größten Importeure auf dem deutschen Markt organisiert sind, unter anderem auch Fiat. Der VDIK erwartet in den kommenden Monaten auch auf dem deutschen Markt sinkende Preise: „Hersteller, die ihre Produktion in Südeuropa nicht loswerden, werden ihre Bestände auf andere Länder verteilen müssen.“

Das CAR-Institut der Universität Duisburg-Essen hatte unlängst schon ein Rekordniveau bei den Autorabatten festgestellt. „Auch VW befeuert den Preiskampf“, hieß es. So böten etwa große Händler den VW Up mit Rabatten von bis zu 29 Prozent an. Auch der auslaufende Golf VI ist aktuell im Internet mit hohem Nachlass zu bekommen.

Während die Kleinwagenhersteller die ohnehin kleinen Gewinnspannen bis zur Schmerzgrenze ausreizen müssen, ziehen Mehrmarkenkonzerne wie Volkswagen mit Gewinnen aus dem Premiumgeschäft in die Rabattschlacht. So profitiert auch Porsche – inzwischen Teil des VW-Konzerns – vom ungebrochenen Ansturm auf Luxusautos in den USA und in China. Porsche teilte am Freitag mit, der Umsatz sei im zweiten Quartal um 29,3 Prozent auf rund 6,76 Milliarden Euro gestiegen. Das operative Ergebnis legte um 20,6 Prozent auf 1,26 Milliarden Euro zu.

Auf dem Weg an die Weltspitze muss Volkswagen aber trotz glänzender Zahlen einen Rückschlag hinnehmen. Eigentlich wollte der Konzern bis spätestens 2018 die Nummer eins sein. Dorthin hat es zuletzt aber wieder Toyota geschafft. Mit 4,97 Millionen verkauften Fahrzeugen im ersten Halbjahr schoben sich die Japaner vor General Motors (4,67 Millionen). Volkswagen folgt erst auf Rang drei mit 4,45 Millionen Pkw. Henrik Mortsiefer

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