Wirtschaft : Börse: Die Kandidaten scheuen das Parkett

mm/pot/scc

An Börsenkandidaten herrscht kein Mangel. Jede Menge kleine und einige große Unternehmen stehen in den Startlöchern oder haben zumindest mit den Vorbereitungen für die Platzierung ihrer Aktien begonnen. Doch im Moment geht in Sachen Börsengänge gar nichts. "Wir werden eine lange Winterzeit überstehen müssen", sagt Jochen Großmann von der Commerzbank. Gegenwärtig gebe es nicht die geringste Chance, neue Aktien am Markt unterzubringen, und das werde auch noch eine ganze Weile so bleiben. Sein Kollege Roland Welzbacher von Concord Effekten hält wegen der vielen Unsicherheitsfaktoren auch das kommende Jahr "für derzeit eigentlich nicht prognostizierbar". Doch gerade auf 2002 setzen viele Banker ihre Hoffnungen. In Deutschland hegt immerhin eine Hand voll größerer Unternehmen die feste Absicht, im kommenden Jahr an die Börse zu gehen.

EnBW-Börsengang steht fest

Ein Kandidat, der sich quasi verpflichtet hat, den Weg an den Aktienmarkt zu suchen, ist der Stromkonzern Energie Baden-Württemberg (EnBW). Der Versorger hat bereits eine spezielle Wandelanleihe, einen so genannten IPO-Bond, begeben und sich damit auf einen Börsengang 2002 festgelegt. EnBW geht von einem Emissionssvolumen von etwa 1,5 Milliarden Euro aus. Gegen Ende des ersten Halbjahres 2002 könnten die Versorger-Aktien an den Markt kommen. Ein deutlich höheres Emissionsvolumen erwartet sich die Deutsche Telekom vom Börsengang der Mobilfunktochter T-Mobile. Konzernchef Ron Sommer will Aktien im Wert von rund zehn Milliarden Euro an den Mann bringen, um den horrenden Schuldenberg der Telekom zu verringern. Mit dem ebenfalls für 2002 geplanten Börsengang von Mannesmann Arcor steht eine weitere Emission im Milliardenbereich auf dem Programm.

Darüber hinaus hoffen viele kleinere Unternehmen auf bessere Börsenzeiten. "Etwa ein halber Jahrgang steht in der Warteschleife", erläutert der Königsteiner Emissionsberater Andreas Löhr. Bei insgesamt rund 200 Börsengängen im vergangenen Jahr wären es also 100 Unternehmen, die den Aktienmarkt anpeilen. Auf Bankenseite hält man sich mit solchen Schätzungen bedeckter. "Es mögen vielleicht viele über einen Börsengang nachdenken, doch die Aussagen der meisten Firmen bleiben vage", relativiert Emissionsspezialist Großmann von der Commerzbank. Zunächst müsse der Markt über einen längeren Abschnitt eine gewisse Stabilität zeigen. Die ersten Kandidaten müssen nach Großmanns Ansicht ein klares Anforderungsprofil erfüllen: lange Jahre erfolgreich an Markt sein, stets solide Gewinne erwirtschaftet haben, dazu ein konservatives Geschäftsmodell und ein erfahrenes Management.

Vor den verheerenden Attentaten in den Vereinigten Staaten hatten viele Banken gehofft, das eine oder andere Unternehmen noch bis Ende 2001 an den Markt bringen zu können. Schließlich war es in den vergangenen beiden Jahren in den Monaten Oktober und November zu einer wahren Emissionsflut gekommen. Teilweise bis zu einem Dutzend Firmen strebten in dieser Zeit wöchentlich an die deutschen Börsen. Doch 2001 ist alles anders. Seit mehr als zwei Monaten gab es zum Beispiel keine Emission am Neuen Markt. Der letzte Neuzugang auf dem Kurszettel des Wachstumssegments war die Karlsruher Init AG am 24. Juli.

Wie stark der Emissionsmarkt auch international eingebrochen ist, zeigt eine Studie des Datenanbieters Dealogic. Demnach ging das Geschäft mit Börsengängen in den ersten neun Monaten 2001 im Vergleich zum Vorjahr um rund 60 Prozent zurück. Weltweit gab es lediglich 545 Platzierungen - im vergangenen Jahr waren es noch 1285. Parallel schrumpfte das Emissionsvolumen von 157 auf nur noch 60 Milliarden Dollar. Vor allem kleinere Unternehmen hätten an den Aktienmärkten derzeit kaum eine Chance, heißt es in der Studie. Der Terror in den USA brachte den schwer angeschlagenen Markt dann vollends zum Erliegen. Seit den Attacken am 11. September wurden weltweit Aktienemissionen im Wert von knapp sechs Milliarden Dollar abgesagt. Betroffen sind Unternehmen rund um den Globus: Der italienische Luxuskonzern Prada hat seine Platzierung genauso verschoben wie das japanische Nomura Research Institute oder die australische Bergbaugesellschaft Enex.

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