Börse in Frankfurt : Abschied vom Parkett

In Frankfurt am Main werden Aktien und Devisen künftig nur noch elektronisch gehandelt.

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Tradition verpflichtet. Leer wird es im Frankfurter Börsensaal auch in Zukunft nicht. Für die künftigen Spezialisten im Xetra-Computerhandel gilt dort weiterhin eine Präsenzpflicht. Foto: dapd
Tradition verpflichtet. Leer wird es im Frankfurter Börsensaal auch in Zukunft nicht. Für die künftigen Spezialisten im...Foto: dapd

Berlin - Wenn sich Anja Kohl oder Michael Best kurz vor der „Tagesschau“ aus dem Frankfurter Börsensaal melden, ist es auf dem Parkett ziemlich leer. Das liegt nicht am frühen Feierabend der Händler. 93 Prozent der Aktien, Fonds und Anleihen werden in Frankfurt auch tagsüber nicht mehr im Präsenzhandel, also auf dem Parkett, umgeschlagen – sondern per Computer. Doch Traditionen verpflichten, und das Fernsehen braucht Kulissen. Deshalb sagen Kohl und Best ihren Börsenbericht immer noch dort auf, wo die Kurse der Dax-Aktien übers schwarz- weiße Kurstableau huschen.

Vom 23. Mai 2011 an wird auch der letzte Rest Marktrealität TV-Fassade sein. Der Börsenrat der Frankfurter Wertpapierbörse (FWB) entschied am Mittwoch, dass der klassische, maklergestützte Parketthandel mit diesem Datum vollständig endet – früher als erwartet. „Der Börsenrat begrüßt die einvernehmliche Bereitschaft der Skontroführer, den Präsenzhandel bereits vor Ablauf der vorgesehenen Übergangsfrist zu beenden“, erklärte Börsenrats-Chef Lutz Raettig. Skontroführer sind jene Makler, die für die Feststellung der Börsenpreise im Parketthandel zuständig sind. Als spätestes Datum für die Einstellung des Parketthandels war ursprünglich der 28. März 2012 anvisiert worden, allerdings war bereits eine Abkürzung der Frist in Aussicht gestellt worden.

Aktien und Anleihen werden künftig also komplett über das vollelektronische System Xetra gehandelt, wie es bereits bei den strukturierten Produkten (etwa Zertifikaten) auf der Spezialbörse Scoach und im Fondshandel angewandt wird. Auch die Berliner Börse zum Beispiel hat nur noch einen Computerhandel. Hier treffen Angebot und Nachfrage elektronisch aufeinander und der Computer errechnet – manchmal in Millisekundenschnelle – daraus einen Kurs der Wertpapiere. Das Bild von den wild gestikulierenden und lautstark handelnden Maklern ist selten geworden. Zu finden ist es noch in den USA, an der New Yorker Stock Exchange oder der Chicagoer Warenterminbörse.

Auch in Frankfurt standen sich früher die Aktienhändler der Banken und die so genannten Kursmakler persönlich gegenüber. Letztere stellten die amtlichen Kurse für Aktien oder Devisen fest. Für die im Dax enthaltenen Aktien, mit denen die FWB das größte Geschäft macht, werden die Kurse längst im Xetra-Handel bestimmt. Im Frankfurter Börsensaal halten sich nur noch jene Makler auf, die für kleinere, seltener gehandelte Werte die Kurse feststellen.

Die bisherigen Skontroführer, die Geld- und Briefkurse für von ihnen betreute Wertpapiere stellen, fungieren künftig als Spezialisten im Xetra-Aktienhandel. Leer wird es im Frankfurter Handelssaal dennoch nicht, denn auch für die künftigen Xetra-Spezialisten gelte dort Präsenzpflicht. Der Blick von der Galerie des Börsensaales auf die Tische der Skontroführer, auch Schranken genannt, mit der Dax-Tafel im Hintergrund wird also auch in Zukunft nicht ins Leere gehen. Nur die großen Geschäfte, die laufen hinter den Kulissen. Henrik Mortsiefer

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