Wirtschaft : Börse wettet auf die MAN-Zerschlagung

Aktie gewinnt nach Gerüchten über Kauf der Lkw-Sparte durch VW/ Einstieg könnte drei Milliarden Euro kosten

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München (nad). Die Börse hat am Montag auf eine mögliche Übernahme der Nutzfahrzeugsparte von MAN durch Europas größten Autokonzern Volkswagen spekuliert. Die MANAktie legte bis zum Handelsschluss um 4,8 Prozent auf 16,50 Euro zu. Auch die Papiere der MAN-Anteilseigner Allianz, Münchener Rück und Commerzbank profitierten von der Aussicht auf mögliche Verkaufserlöse. VW-Aktien reagierten dagegen kaum. Analysten beurteilen einen möglichen Einstieg von VW bei MAN zwiespältig.

Wie Branchenkreise am Montag bestätigten, sondiert VW Möglichkeiten zum Einstieg bei der Nutzfahrzeugsparte des Mischkonzerns MAN. Im Gespräch ist demnach die Übernahme des 27-prozentigen MAN-Anteils der zur Allianz gehörenden Regina Holding durch VW. „Die Konzerne reden miteinander, aber es ist noch nichts festgezurrt“, sagte ein Branchenkenner. Statt einer kompletten Übernahme sei jedoch auch eine Kooperation vorstellbar, hieß es. MAN-Chef Rudolf Rupprecht hatte mehrfach betont, er setze in der Nutzfahrzeugsparte eher auf Kooperationen als auf Zusammenschlüsse. MAN, VW und die Allianz wollten am Montag keinen Kommentar zu den jüngsten Spekulationen abgeben.

Gerüchte um einen Einstieg von VW bei MAN Nutzfahrzeuge gibt es seit Jahren. Mit einer schnellen Entscheidung wird auch diesmal nicht gerechnet. Erschwert würde eine Übernahme vor allem dadurch, dass der börsennotierte MAN-Konzern aus mehreren Sparten besteht (Lkw, Druckmaschinen, Technologie), Automobilhersteller aber nur an der Nutzfahrzeugsparte interessiert sind. MAN müsste für eine Übernahme zerschlagen werden. Zudem sind 51 Prozent der MAN-Aktien im Streubesitz, so dass VW den freien Aktionären ein Übernahmeangebot machen müsste. Generell rechnen Branchenexperten wegen der anhaltenden Absatzkrise jedoch mit einer baldigen Konsolidierung auf dem Lkw-Markt.

Hinter der Regina Holding, die 27 Prozent der MAN-Anteile hält, verbergen sich Allianz, Münchener Rück und Commerzbank. „Das sind alles Unternehmen, die dringend Geld brauchen“, sagte Hypo-Vereinsbank-Analyst Albrecht Denninghoff dem Tagesspiegel. Aus deren Sicht sei ein Verkauf des Regina-Pakets daher sinnvoll. Auch aus der Sicht von VW wäre der Kauf Denninghoffs Ansicht nach plausibel. „Momentan ist der Konjunkturzyklus bei den Nutzfahrzeugen noch im Abwind, so dass ein relativ günstiger Einstieg möglich wäre“, sagte er. Er wies zudem darauf hin, dass VW schon öfter habe durchblicken lassen, seine Produktion leichter Nutzfahrzeuge durch schwere Lkw ergänzen zu wollen.

VW-Chef Bernd Pischetsrieder hat bereits erklärt, die Sparte Nutzfahrzeuge bis Ende 2004 neu zu ordnen. Bisher stellt VW Campingfahrzeuge und Transporter unter 7,5 Tonnen her. Schwere Lkw baut VW bisher nur in Brasilien; sie werden aber ausschließlich auf dem südamerikanischen Markt verkauft. Einen Fuß im Markt für schwere Lkw hat VW dennoch: Der Konzern hält 18 Prozent der Anteile und 34 Prozent der Stimmrechte am schwedischen Lkw-Hersteller Scania. Der Kauf der MAN-Nutzfahrzeugsparte würde VW auf einen Schlag zum drittgrößten Vollsortimenter nach Daimler-Chrysler und Volvo machen. Der Daimler-Chrysler-Konzern, der sein Lkw-Geschäft gerade strategisch neu ausgerichtet hat, setzte im vergangenen Jahr 222000 schwere Lkw ab; Volvo kam auf 153400 Stück. VW, MAN und Scania zusammen erreichten 2002 eine Stückzahl von 112800 Schwerlastern.

Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler sieht eine Übernahme durch VW jedoch kritisch. „Eine solche Investition wäre für VW finanziell nicht zu machen“, sagte er. Er verwies auf die hohen Entwicklungskosten für die neuen VW-Modelle und die Ausdehnung des Geschäfts in China. Pieper zufolge müsste VW für die Nutzfahrzeugsparte 2,5 bis drei Milliarden Euro bezahlen – mehr als der gesamte Börsenwert von MAN, der bei 2,3 Milliarden Euro liegt. Pieper hält es für wahrscheinlicher, dass VW seine Scania-Anteile aufstockt. Die Chance dazu hätte VW in nächster Zeit: Bis April 2004 muss Konkurrent Volvo seinen 43-prozentigen Anteil an Scania wegen Kartellauflagen abgeben.

MAN würde mit der Herauslösung der Nutzfahrzeugesparte sein wichtigstes und umsatzstärkstes Geschäft verlieren. Die Sparte bringt rund 40 Prozent des Konzernumsatzes von 16 Milliarden Euro ein und gleicht in der Konjunkturflaute vor allem Defizite bei der Druckmaschinen-Sparte MAN Roland oder im Luft- und Raumfahrtbereich aus. Die Nutzfahrzeugsparte erwirtschaftete zuletzt einen Jahresumsatz von 6,56 Milliarden Euro. Allerdings ist das Zugpferd von MAN durch das defizitäre Busgeschäft geschwächt. Den Kauf des Busherstellers Neoplan hat MAN noch nicht verdaut; zudem drücken die Bilanzfälschungen bei der britischen Bustochter ERF die Rentabilität.

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