Wirtschaft : Börsen wetten auf das Ende der Rezession

mot/os

Ungeachtet der düsteren Aussichten für die Weltwirtschaft wächst an den Börsen die Zuversicht. Zwar gingen die Aktien am Dienstag auf Zickzack-Kurs, die wichtigsten Indizes verbuchen aber seit den Terroranschlägen in den USA immer noch kräftige Gewinne. Als Gründe für die Kauflaune der Anleger nannten Marktbeobachter die hohe Liquidität, niedrige Zinsen sowie die mittelfristig wieder besseren Perspektiven für die Konjunktur. Der Markt, so hieß es, habe die Talsohle hinter sich.

"Die Baisse ist beendet", sagte Achim Matzke, Leiter des europäischen Index-Research bei der Commerzbank. Während sich die schlechten Unternehmens- und Konjunkturnachrichten weiter häuften und sich die Weltwirtschaft nach Einschätzung der OECD erstmals seit 20 Jahren in einer Rezession befinde, verarbeite die Börse schon die Aussichten für die zweite Jahreshälfte 2002 und das Jahr 2003. Und die, so Matzke, seien deutlich günstiger. "Nach den Hiobsbotschaften kann es nur besser werden."

Abzulesen ist der Optimismus der Anleger an den Kursgewinnen in den vergangenen Wochen. Der Dax hat seit seinem Tiefststand am 21. September um 35 Prozent zugelegt, der Nemax 50 konnte sich mit einem Plus von 93 Prozent fast verdoppeln. Am Dienstag gab der Dax auf 5093 Punkte nach, der Nemax 50 sank auf 1307 Zähler. Ein fehlerhaftes Optionsgeschäft hatte die Indizes am Morgen durcheinander gebracht. Der Dax-Future mit Verfall im Dezember war wegen einer falschen Ordereingabe kurz nach Handelsbeginn abgestürzt und notierte um rund 800 Punkte tiefer bei 4348 Punkten. Nachdem der Irrtum entdeckt wurde, erholten sich die Kurse.

Angesichts des hohen Kapitalzuflusses an die Börsen wird derzeit von einer Liquiditätshausse gesprochen. Sie wird im Konjunkturabschwung ausgelöst, wenn bei niedrigen Zinsen die Nachfrage nach dem günstigem Geld nicht aus der Realwirtschaft stammt, also den Unternehmen, sondern von den Investoren am Kapitalmarkt. Während die Skeptiker in diesem Fall vor Spekulationsblasen warnen, verweisen die Optimisten auf die Weitsicht der Börse. Auch in Liquiditätshaussen während der Konjunkturkrisen 1982/83 und 1992/93 sei die Rechnung des Kapitalmarktes aufgegangen: "Wie damals wird die Weltwirtschaft auf den Wachstumspfad zurückkehren", glaubt Achim Matzke. "Die Kurse laufen dieser Entwicklung voraus." Auch die Investmentbank Morgan Stanley sieht aktuell keine Gefahren für spekulative Übertreibungen. Die zuletzt stark gestiegenen Technologiewerte lägen im Schnitt immer noch um 70 Prozent unter ihren Höchstständen. "Was für uns jetzt zählt, ist die faire Bewertung der Aktien nach dem jüngsten Aufschwung." Hier zeige sich, dass die Unternehmen mit ihren Prognosen zu pessimistisch gewesen seien. "Einen Aufschwung können Unternehmen besser prognostizieren als einen Abschwung", so Richard Davidson von Morgan Stanley. Die Folge: Die Stimmung ist schlechter als die Lage. Die Commerzbank hält Aktien sogar im Schnitt für um 15 Prozent unterbewertet. Anderer Meinung ist Goldman Sachs. Das US-Investmenthaus schätzt, die Prognosen der Unternehmen für 2002 seien um 50 Prozent zu hoch, die Kurs-Gewinn-Verhältnisse also unrealistisch.

Chart-Technik vor dem Wendepunkt

Einen positiven Ausblick für die kommenden Tage geben die Charttechniker. Sie sind sich darin einig, dass sich die Aktienmärkte derzeit in einem deutlichen, aber kurzfristigen Aufwärtstrend - freilich innerhalb eines mittelfristigen Abwärtstrends - befinden. Man nennt dies auch eine "Bärenmarkt Rallye". Seit dem 21. September steigen die Kurse im Zickzack an einer Linie nach oben, die die untere Begrenzung des Aufwärtstrends zeigt (siehe Grafik). Solange diese Linie nicht deutlich nach unten durchbrochen wird, ist der kurzfristige Aufwärtstrend intakt. Nach einhelliger Meinung der Charttechniker ist allerdings noch in dieser Woche eine "technische Korrektur" wahrscheinlich - beim Dax spätestens bei 5300 Punkten. Erst danach sollte sich der Aufwärtstrend kurzfristig wieder fortsetzen.

Den Wendepunkt für einen langfristigen Aufwärtstrend im Dax sehen die Techniker bei etwa 5600 Punkten. Dort schneidet der Index den mittelfristigen Abwärtstrend seit März 2000. Prallen die Kurse an dieser Wegmarke ab, geht es erst einmal steil abwärts. Denkbar ist aber auch, dass die Abwärtslinie durchbrochen wird. In diesem Fall, den die Analysten bis Jahresende für unwahrscheinlich halten, würden die Kurse in einen Aufwärtstrend münden. Für Anleger hieße das: Bei Aktien einsteigen.

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