Wirtschaft : Börsenfieber: Der Abgeklärte: Späte Rache an Infineon

Thomas Pohlig

Freitag für Freitag schreiben abwechselnd unsere Kolumnisten über ihr Leben mit den Kursen. Der Heißsporn, der ohne die tägliche Hektik nicht leben kann. Der Outsider, der die Macht der Börse im Alltag beobachtet. Der Zauderer, der den Aktienkauf bis heute nicht wagt. Und der Abgeklärte, der sich nie aus der Ruhe bringen lässt.

Siemens hat den Börsianern im vergangenen Jahr mehr als sechs Milliarden Mark geschenkt. Jedenfalls denjenigen von ihnen, die seinerzeit Losglück bei der Infineon-Zuteilung hatten. Dieser Betrag errechnet sich aus dem damaligen Emissionspreis beim Börsengang der Siemenstochter und dem ersten Börsenkurs. Dieses Geschenk wurde heftig kritisiert und als Beweis dafür angesehen, dass der Ausgabepreis zu niedrig war. Die Infineon-Aktie war 33fach überzeichnet und wurde deshalb nach einem ausgeklügelten Verfahren zugeteilt.

Nicht nur der Ausgabekurs, auch das Verfahren selbst wurde kritisiert, weil es intransparent gewesen sei. Die heftigsten Kritiker zum Wohle der Anleger war die Schutzgemeinschaft für Kleinaktionäre (SdK) und die Deutsche Gesellschaft für Wertpapierbesitz (DSW). Stellvertretend für viele beschwerten sie sich beim Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe). Sie erregten sich darüber, daß ihren Mitgliedern keine oder nicht genug Aktien zugeteilt worden waren und ihnen deshalb hohe Zeichnungsgewinne entgangen seien. Auch Hans Eichel hörte davon und setzte die Börsensachverständigenkommission (BSK) ein. Diese hatte Grundsätze für die Zuteilungsverfahren künftiger Börsenaspiranten zu erarbeiten. Als "Verhaltensempfehlung" wurden solche den deutschen Emissionshäusern an die Hand gegeben.

Völlig ohne derartiges Regelwerk kam noch Ron Sommer aus, als er für die gewinnhungrigen Anleger die Telekom-Tochter T-Online an den Markt brachte. Er versprach ihnen von Beginn an faire und transparente Zuteilung. Nutzer von T-Online sollten bevorzugt werden, und hatten einen entsprechenden Fragebogen auszufüllen. Circa 700 000 Menschen verschickten ihre Bögen. Auch das wurde kritisiert. Es wurde befürchtet, erwachsene Menschen würden durch diese Maßnahme dazu verleitet, T-Online Kunden zu werden, um die Rabatte zu erhalten.

Beispiele für derart vermeintlich berechtigte Kritik gibt es etliche, wenn auch viele Gesellschaften nicht so im Rampenlicht der Öffentlichkeit standen wie die bereits genannten. Schon in den ersten Wochen des vergangenen Jahres wagten 24 Unternehmen den Gang an den Neuen Markt. Sie hatten zusammen ein Emissionsvolumen von 1,5 Milliarden Mark. Mitte März 2000 wurden sie schon mit 3,3 Milliarden Mark bewertet, die Aktienkurse explodierten immer in den ersten Tagen. Und immer wieder wurden die gleichen Vorwürfe laut. Der Grund für die Anleger, sich an einer Emission zu beteiligen waren nicht mehr die Zukunftsaussichten sondern nur noch möglichst hohe Zeichnungsgewinne.

Wegen der schlechten Stimmung an den Märkten gibt es in diesem Jahr insgesamt keine 24 Neuemissionen. So sind denn auch die Kritiker der Zuteilungspraktiken verstummt, zumal in diesen schlechten Tagen nicht mehr zugeteilt werden muß. Fischrestaurant- und Friseuraktien konnte man haben, so viel wie man wollte. Das wollten dann aber die Emittenten und Banken nicht und haben den Börsengang auf unbestimmte Zeit verschoben.

Deshalb fordern jetzt die gleichen Mahner immer lauter, einige Aktien sollen vom Kurszettel wieder verschwinden. Der Markt müsse bereinigt werden, das Zauberwort heißt "delisting". Einige wohlklingende Aktien, um die sich vor Jahresfrist noch zu absurden Kursen gerissen wurde, will niemand mehr haben.

Der wahre Grund für das Delisting-Begehren und den fortdauernden Käuferstreik ist Rache wegen der damals nicht erfolgten Zuteilung. Noch soll die magische Grenze für das Delisting bei einem Euro liegen. Das reicht für die Genugtuung bei über 20 Unternehmen. Erhöht man die Grenze auf 10 Euro, müßte schon T-Online dran glauben und bei nur 25 Euro wäre sogar Infineon gesühnt.

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