Wirtschaft : Börsenfieber: Der Outsider: Wie aus einem Start-up großes Kino wurde

Christoph Amend

Freitag für Freitag schreiben abwechselnd unsere Kolumnisten über ihr Leben mit den Kursen. Der Heißsporn, der ohne die tägliche Hektik nicht leben kann. Der Outsider, der die Macht der Börse im Alltag beobachtet. Der Zauderer, der den Aktienkauf bis heute nicht wagt. Und der Abgeklärte, der sich nie aus der Ruhe bringen lässt.

Als der Gouverneur des US-Staates Arkansas, Bill Clinton, sich 1992 bemühte, Präsidentschaftskandidat seiner Partei zu werden, da meldeten sich eines Tages der Dokumentarfilmer D.A. Pennebaker und seine Frau Chris Hegedus und fragten, ob sie ihn bei der Kampagne begleiten dürften. Der Gouverneur, kein medienscheuer Mensch, sagte zu.

Dann wurde der junge Mann Präsident der USA, und das filmende Ehepaar hatte ein Dokument, das die Hintergründe einer politischen Kampagne ausleuchtete: "The War Room" wurde für den Oscar nominiert und gilt als Klassiker des Genres.

Vor zwei Jahren meldete sich Jehane Noujaim, eine Harvard-Absolventin und ehemalige Produzentin des Fernsehsenders MTV, bei Chris Hegedus und erzählte ihr eine Geschichte. In ihre WG sei gerade Tom Herman gezogen, ein Freund aus High-School-Tagen, der an der Wall Street gearbeitet hatte und nun ein Internet-Start-Up gründen wolle. Er habe noch keinen Namen für die Firma, aber immerhin, erzählte Jehane Noujaim, habe sie seine Ankunft bereits gefilmt. Die Frauen taten sich zusammen für ein Projekt, das versprach, eine ähnliche Geschichte zu erzählen wie die vom Aufstieg des Bill Clinton - nur diesmal aus der Welt der Wirtschaft. Die Arbeit am Film "Startup.com" begann.

In dieser Woche ist "Startup.com" in die US-Kinos gekommen, und die Kritik feiert ihn als brilliantes Dokument seiner Zeit. Wieder ein Film, der ein gesellschaftliches Phänomen aus der Backstage-Perspektive beleuchtet, und wie schon bei "The War Room" blickt der Zuschauer quasi durchs Schlüsseloch. Keine PR-Strategen schirmen ab, keine Marketing-Strategien werden als Nachricht verkauft. Die Euphorie und die Depression der New Economy, schreibt etwa "Entertaiment Weekly", seien noch nie derart auf den Punkt gebracht worden.

Der Film "Startup.com" erzählt die Geschichte zweier Freunde, die im Internet-Boom der späten Neunziger eine scheinbar revolutionäre Idee haben: Sie wollen den Kontakt zwischen Verwaltung und Bürgern verbessern, etwa indem Falschparker Strafzettel online bezahlen können. Das klingt heute unspektakulär, aber es zeigt, wie das Denken der Investoren vor gerade einmal zwei Jahren geprägt war: Wir haben einen riesigen Markt entdeckt (der Jahresumsatz von New York City mit Strafzetteln beträgt 500 Millionen Dollar), und wenn wir nur einen winzigen Teil davon abwickeln können, machen wir ein Geschäft. Tatsächlich sammeln die Freunde für ihr Start-up "govworks.com" 60 Millionen Dollar Kapital. Dann folgt der Absturz, einer schmeißt den anderen aus der Firma, die Freundschaft zerbricht. Am Ende ist die Blase zerplatzt. Die Zuschauer in Deutschland können hoffen, "Startup.com" bald sehen zu dürfen, und können dann feststellen, wie schnell sich die Zeiten ändern. Das Jahr 1999 scheint Ewigkeiten her zu sein.

Was aus den Start-Uppern geworden ist? Sie haben sich wieder vertragen, und arbeiten an einer neuen Idee. Ihr nächstes Projekt soll angeschlagenen Firmen helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Ausgerechnet.

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