Wirtschaft : Brasilien: Das Land bleibt von der Argentinien-Krise nicht verschont

Rolf Obertreis

Brasilien steht vor einer schwierigen Zeit. Nicht nur Hans Reich, Vorstandssprecher der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) lässt in diesen Tagen bei seinem Besuch in Brasilien Vorsicht erkennen: "Wir werden unsere Risiken künftig auf mehr Schultern verteilen", sagt er. Und auch Ben van Schaik, Chef von DaimlerChrysler do Brasil, ist skeptischer als noch vor wenigen Wochen. Die schwere Finanzkrise, die derzeit Argentinien erschüttert, strahlt auf das Nachbarland aus. "Wir unterschätzen die Entwicklung in Argentinien nicht", versichert Finanzminister Pedro Sampaio Malan im Gespräch mit deutschen Journalisten.

Gleichwohl sieht KfW-Chef Reich weiter große Chancen für deutsche Firmen. Sie sollen mehr investieren. "Die Gewinn- und Verlust-Rechnung Brasiliens weist zwar nur eine schwache schwarze Null auf. Aber das Land hat eine Menge stiller Reserven."

Brasilianische Unternehmer wollen von der Krise nichts wissen. Sie beschwichtigen, sprechen davon, dass das kleine Argentinien dem großen, "sehr stabilen" Brasilien kaum schaden können. "Die haben Panik", bringt ein deutscher Experte jedoch solche Äußerungen auf den Punkt. Denn klar ist, dass Brasilien über den Wirtschafstsverbund Mercosur, mit den Märkten in Argentinien, Uruguay und Paraguay verbunden ist und sehr wohl die Krisen im Nachbarland zu spüren bekommt. Der Satz "wenn Argentinien Erkältung hat, bekommt Brasilien Husten" - dieser Satz bewahrheitet sich in diesen Tagen einmal mehr.

Finanzminister Malan weist zwar darauf hin, dass die Inflation mittlerweile auf sechs Prozent gesenkt werden konnte. Er weiß aber auch genau, dass die Geldpolitik die Dinge allein nicht richten kann. Die jüngste Erhöhung des Leitzinses von 18,25 auf 19 Prozent hat dem Real nur kurz geholfen. Seit Jahresanfang hat er 30 Prozent seines Wertes verloren. Er klagt, dass die Devisenmärkte den Real und damit Brasilien zu unrecht abstrafen, aber er weiß auch, dass nur ein konzertiertes Vorgehen von Finanz-, Haushalts- und Geldpolitik den mittlerweile schon schweren Husten in Brasilien abstellen wird. Daimler-Manager van Schaik und KfW-Chef Reich lassen denn auch Skepsis erkennen, zumal Brasilien dieses Jahr von mehreren Krisen gebeutelt wird. Die Konjunkturflaute in den USA und in Europa schlägt durch. Wurde Anfang des Jahres noch ein Wachstum von 5,5 Prozent angepeilt, wird jetzt für 2001 nur noch ein Plus von 2,5 Prozent erwartet. Dazu wird Brasilien auf Grund viel zu geringer Regenfälle - das Land setzt zu 90 Prozent auf Wasserkraft - von einer schweren Energiekrise gebeutelt. Vermutlich noch bis November müssen Haushalte im Vergleich zum Vorjahresmonat 20 Prozent des Stroms einsparen, ansonsten wird der Strom abgeschaltet.

Jetzt sollen rasch neue Kraftwerke gebaut und vor allem das Energieverteilungsnetz modernisiert werden. Überhaupt hegt die Regierung, wie KfW-Chef Reich in der vergangenen Woche in Brasilia erfuhr, ehrgeizige Pläne für Investitionen in Infrastruktur, Bildungswesen, Umweltschutz und Arbeitsprogramme. Schließlich leben immer noch 50 von 166 Millionen Brasilianer von der Hand in den Mund. Bis 2007 will die Regierung 228 Milliarden Dollar investieren. Doch allein werden sie es nicht schaffen. Sie ist auf ausländische Investoren angewiesen.

Umso mehr sind die Brasilianer gefordert, ihre Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen und damit ihrer Währung mehr Stabilität zu verschaffen. Nicht nur der brasilianische Daimler-Chef van Schaik ist alles andere als glücklich über den schwachen Real. Schließlich werden damit wichtige Importprodukte erheblich teurer. "Brasilien hat in den letzten Jahren viel erreicht", sagt KfW-Chef Reich. "Aber die Widerstandskraft des Landes gegen ungünstige Einflüsse von außen ist noch nicht groß genug." Reich muss es wissen, schließlich unterstützt die KfW brasilianische Unternehmen und deutsche Firmen bei ihren Geschäfte in Brasilien seit mittlerweile 40 Jahren.

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