Brexit : Wer schweigt verliert

Der Brexit ist auch die Folge einer schwachen Kommunikation der Vernünftigen, denn die richtigen Argumente wurden nicht energisch genug vertreten. Unternehmen müssen wieder zu politischen Akteuren werden. Ein Gastkommentar.

Lutz Meyer
Manche Häuser in Großbritannien haben ihre Schilder für einen Brexit noch vor der Tür hängen.
Manche Häuser in Großbritannien haben ihre Schilder für einen Brexit noch vor der Tür hängen.Foto: AFP

Der Brexit ist auch das Ergebnis einer allzuschüchternen Kommunikation der Vernünftigen. Wenn die richtigen Argumente und Ideen wenig kraftvoll und energisch vertreten werden, setzen sich eben die falschen durch. Hinterher ärgern wir uns, aber hätten es doch besser wissen können. Vor allem einige müssen mehr tun, weil sie es können: Die Manager und Unternehmer.

Wo sind die Unternehmen, die mit eigenem Aufwand die Idee eines einigen Europas, einer aufgeklärten Demokratie und die Grundsätze der Marktwirtschaft verteidigen und für sie werben? Es ist ein fataler Fehler, dass viele Vorstandsetagen glauben, dass Freiheit und Wohlstand sich irgendwie von allein ergeben und nicht beschützt werden müssen.

Das große Schweigen

Bis auf sehr wenige sind sie jedoch alle still und investieren viel in Produkte für ihre Märkte, aber wenig bis Null in das Umfeld dieser Märkte: Ein demokratisches, aufgeklärtes, balanciert politisches System, das auf der Kraft der Vernunft, auf Werten und der Idee eines einigen Europas beruht. Einzig die Metall- und Elektroindustrie engagiert sich seit Jahren für den Standort Deutschland und die Soziale Marktwirtschaft. Der Rest: Schweigt und wundert sich.

Es ist eine Gefahr für unser Land, wenn Unternehmen und Verbände den Kampf für das Richtige allein den Parteien und der Regierung überlassen. Politik, vor allem die Regierungspolitik, muss immer die Mitte der gesellschaftlichen Kräfte finden und ist deshalb darauf angewiesen, dass die Angstmacher- und Ressentimentkampagnen auch ordentlich Gegenwind bekommen. Und zwar ebenso laut und kreativ wie der Gegner.

In Großbritannien haben sich die Unternehmen vornehm zurück gehalten und dürfen sich jetzt die Frage stellen, warum sie geglaubt haben, von einem europäischen Markt profitieren zu können, ohne etwas dafür zu tun. Sie werden sich fortan mehr einmischen, das ist sicher.

"Die Kompetenz fehlt, es fehlt das Personal und es fehlt der Wille dazu"

Ein Blick auf die deutsche Unternehmens- und Verbändelandschaft zeigt, dass die Organisationen in politischen Fragen oft nur aus mittelmäßigen Abwehrformationen bestehen. Heerschaaren von klugen Köpfen sind damit beschäftigt Vermerke zu schreiben, Bedenken anmelden und irgendwelche Regulierung abwehren.

Aber wo ist die Offensive, wo ist die Strategie, wo ist der Wille nach vorne zu spielen, wo ist der Wunsch, einen wirklichen Beitrag zum Gelingen des Ganzen zu leisten? Diese Kompetenz fehlt, es fehlt das Personal und es fehlt der Wille dazu. Das bestätigen selbst mächtige Verbandschefs, wenngleich nicht öffentlich. Die vielen Unternehmensstiftungen fangen diesen Mangel nicht auf, weil sie meist eher weitschweifig über das Gute in der Welt verhandeln.

Die deutschen Unternehmen müssen Umdenken und wieder selbst zu politischen Akteuren werden, die im Interesse ihrer Mitarbeiter für Freiheit und Toleranz, für die europäische Idee und die soziale Marktwirtschaft streiten. Mit klarer Meinung für Demokratie und Kompromisfähigkeit werben, Unsinn und Ressentiments als solche bezeichnen, gern auch in Reden vor der Belegschaft, Offenheit und Vielfalt im Unternehmen vorleben mit den Mitteln der Personalpolitik.

Kurzum: Haltung zeigen. Wenn sich Unternehmen allein auf ihren Profit konzentrieren, verraten sie die Interessen ihrer Mitarbeiter, Anteilseigner und Kunden. Von der Zukunft unseres Landes ganz zu schweigen.

Lutz Meyer ist geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur Blumberry.

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