Wirtschaft : Business Class nicht um jeden Preis

Immer mehr Geschäftsreisende sind bereit, bei Kurzstreckenflügen auf Privilegien zu verzichten

Rainer W. During

Rund 12,8 Milliarden Euro haben deutsche Manager im Jahr 2004 für Flugtickets ausgegeben. Mit 29 Prozent macht das den weitaus größten Anteil des Gesamtvolumens von 44 Milliarden Euro aus, die 7,4 Millionen Geschäftsleute für 146 Millionen Reisen ausgaben. Die Zahlen ermittelte der Verband Deutsches Reisemanagement (VDR) für seine jährliche Geschäftsreiseanalyse. Dabei sitzt auch dem Business-Traveller die Kreditkarte nicht mehr so locker wie einst, wird auch in den Firmen zunehmend auf die Kosten geachtet. Die zunehmende Nutzung von Online-Buchungen, Billig-Airlines, Rabatten und Sondertarifen ließ bei nahezu unveränderter Reisezahl die Ausgaben um rund zehn Milliarden Euro sinken.

Obwohl gespart wird, nimmt die Häufigkeit der Flüge zu. Die Hälfte der Reisestellenleiter und ein Drittel der mobilen Manager in Europa gab bei einer Befragung durch den Geschäftsreise-Spezialisten Carlson Wagonlit Travel (CWT) an, in diesem Jahr mehr Trips zu planen. „Die Geschäftsreisen nehmen zu, das spiegelt das starke Wirtschaftswachstum in der Welt sowie die Globalisierung von Wirtschaft und Firmen wieder“, sagte CWT-Präsident Hubert Joly bei der Präsentation der Ergebnisse im Januar. Dabei spielt allerdings auch das Zielgebiet eine Rolle. 74 Prozent der Umfrageteilnehmer hätten Bedenken bei einer Reise in den Nahen Osten und gut die Hälfte würde auch einem Trip nach Afrika mit gemischten Gefühlen entgegensehen.

Gerade im Deutschland- und Europaverkehr haben sich die Ansprüche der Geschäftsreisenden drastisch verändert. Immer weniger Geschäftsleute sind bereit, sich bei einem oft nur ein- bis zweistündigen Flug in einem häufig noch nicht einmal bequemeren Sitz das Privileg einer besseren Bordverpflegung mit einem Vielfachen des günstigsten Tarifes zu erkaufen. Auch das Argument der nur bei teuren Tickets gewährleisteten Flexibilität gerät zunehmend ins Hintertreffen, seit die meisten Low-Cost-Carrier für einen Zuschlag ebenfalls Umbuchungen ermöglichen. So halten sich hier längst Rucksacktouristen in Jeans sowie Manager im Nadelstreifenanzug mit Aktenkoffer die Waage. Zwei Drittel der befragten Geschäftsleute gaben an, zumindest gelegentlich die Billigflieger zu nutzen.

Kein Wunder also, dass Low-Cost-Vertreter wie Easyjet-Deutschlanddirektor John Kohlsaat davon ausgehen, dass die klassischen Airlines in ein paar Jahren aus diesem Markt verschwunden sein werden. Gesellschaften wie Lufthansa, Air France oder British Airways, so die Prognose, werden sich dann wohl bei der Kurzstrecke, wenn überhaupt, auf Zubringerdienste zu ihren Interkontinental-Drehkreuzen beschränken. Wer einmal zwölf Stunden und länger in der Holzklasse nach Fernost oder an die US-Westküste gedüst ist, weiß die Vorzüge bequemer Schlafsessel zu schätzen.

Bisher hat sich kein Billigflieger im Interkontinentalverkehr etabliert, weil sich das bewährte Low-Cost-Modell nicht auf die Langstrecke übertragen lässt. Dagegen wetteifern die etablierten Netzwerk-Airlines mit immer wieder verbesserten High-Tech-Liegesitzen und neuen Service-Kreationen um die Gunst der Passagiere, denen die entspannte Ankunft am Zielort den (Auf)Preis wert ist.

Damit nicht genug. Bereits seit 2002 lässt die Lufthansa Luxusjets der Schweizer PrivatAir mit reiner Business- Class-Bestuhlung von Düsseldorf nach New York und Chicago sowie von München nach New York starten. Gerade wurde das Angebot der ab Bayern eingesetzten Boeing 737-700 noch einmal verbessert: 44 neue HighTech-Sitze bieten eine fast horizontale Liegefläche von zwei Metern Länge. Im Herbst letzten Jahres hat die niederländische KLM nachgezogen. Sie lässt jetzt ebenfalls PrivatAir die Route Amsterdam – Houston bedienen.

Flugverspätungen und lange Warteschlangen vor den Sicherheitskontrollen bereiten den Geschäftsreisenden den größten Horror, ergab die CWT-Umfrage. Airlines und Flughäfen versuchen, dem mit separaten Kontrollspuren für First- und Business-Class-Passagiere und der Einführung biometrischer Kontrollmethoden entgegenzuwirken. Selbst in den strengen USA zeichnet sich ein Lichtblick ab. Die Transportation Security Administration (TSA) plant eine Vielflieger-Identifizierungskarte für Reisende, die bereit sind, unter anderem ihre Fingerabdrücke speichern zu lassen.

Auch die Warteschlangen beim Check-in sollen weiter abgebaut werden. Nach getrennten Schaltern je nach Flugklasse bieten immer mehr Airlines Check-in-Automaten für Passagiere mit Handgepäck. Inzwischen sind auch schon die ersten „kofferschluckenden"“ Modelle auf dem Markt. Und die neueste Innovation ist die bereits von einigen Luftverkehrsgesellschaften gebotene Möglichkeit, sich die Bordkarte vor der Fahrt zum Airport per Computer auszudrucken. Auch bei der Reservierung bekommt das Internet immer größere Bedeutung, wobei die Zurückhaltung bei den europäischen Geschäftsleuten aber noch am größten ist. Denn fast ein Drittel bucht Flüge nie online, doch 87 Prozent der Reisestellenleiter gehen davon aus, dass es dazu in spätestens fünf Jahren keine Alternative mehr geben wird.

Insgesamt erscheint das Ruhebedürfnis größer als der Arbeitseifer. Während die Industrie intensiv die Zulassung von Mobiltelefonen während des Fluges vorbereitet und sich ein Millionengeschäft verspricht, lehnten 61 Prozent der Befragten das Handy an Bord ab. Den stärksten Widerstand gab es mit 71 Prozent bei den Europäern. Ohnehin erscheinen Geschäftsreisende als wenig kommunikativ. An Konversation sind die wenigsten interessiert, ergab in den USA eine Studie von Harris Interactive für Delta Air Lines. 67 Prozent reden nur dann mit anderen Passagieren, wenn sie angesprochen werden, elf Prozent lehnen ein Gespräch grundsätzlich ab.

Auch die Zahl der Workaholics, die nichts Eiligeres zu tun haben, als den Laptop mit dem inzwischen zum Airline-Standard gehörenden Internetanschluss zu koppeln, ist offenbar begrenzt. Nur fünf Prozent wollen während des gesamten Fluges arbeiten, so die Delta-Studie. Ein Drittel der Business-Traveller nutzt die Reisezeit ausschließlich zur Entspannung. Und als liebste Beschäftigung an Bord erwies sich der Blick aus dem Fenster. Dagegen haben die Mahlzeiten für Geschäftsreisende mehr Bedeutung als allgemein vermutet, so Harris Interactive. 89 Prozent der Befragten genießen die Bordverpflegung. Jeder Zweite möchte lieber geweckt werden, als darauf zu verzichten.

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