Business20 : Was Wirtschaftslenker vom G-20-Gipfel fordern

Nachhaltige Weltwirtschaft braucht klare Vorgaben für Globalisierung und Umweltschutz. Dass sich die G20 auf konkrete Lösungen einigen, halten Experten allerdings für utopisch.

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Edmund Phelps (Columbia University), Victor Kuan (Citibank), Anna Sauerbrey (Tagesspiegel), Harald Kayser (PwC), Swee Cheang Lim (NUS) v.l.n.r. bei der "Global Solutions"-Konferenz in Berlin.
Edmund Phelps (Columbia University), Victor Kuan (Citibank), Anna Sauerbrey (Tagesspiegel), Harald Kayser (PwC), Swee Cheang Lim...Foto: Thomas Ecke

Freihandel, statt nationale Alleingänge und ein klares Bekenntnis zu Nachhaltigkeit und zum Klimaschutz. So lautet zusammengefasst das Ergebnis des G-20-Wirtschaftdialogs, der Business 20, B20 abgekürzt wurde. Rund zehn Monate lang haben sie diesen Gipfel vorbereitet: Führende Vertreter von Unternehmen, Wirtschaftsverbänden und Finanzinstitutionen der 19 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer sowie der EU feilten in zahlreichen Sitzungen an gemeinsamen Empfehlungen. Zwanzig Kernbotschaften geben sie den G20 mit auf den Weg, die auf drei Leitmotiven basieren: Stabilität sichern, Zukunftsfähigkeit verbessern, Verantwortung übernehmen.

Profitieren sollen nicht nur die großen Konzerne

Erarbeitet wurden sie von den mehr als 700 Mitgliedern der B20 Germany. Unterstützt wird das Gremium von internationalen Organisationen wie der Weltbank, der OECD oder der Welthandelsorganisation (WTO). Digitalisierung, stabile Finanzmärkte, Cybersicherheit, Energiewende: Ganz gleich welcher Aspekt bei den Empfehlungen im Vordergrund steht, die Forderung nach Öffnung und Kooperation zieht sich wie ein roter Faden durch das Positionspapier. „Die Wirtschaftsvertreter der G20-Staaten fordern die G20 auf, mehr Mut zu haben, die Globalisierung aktiv zu gestalten“, erklärte der Präsident des Wirtschaftsdialogs, Jürgen Heraeus, nach dem B20-Gipfel Anfang Mai in Berlin. Globale Herausforderungen benötigten globale Antworten.

Die B20-Präsidentschaft hat sich das Motto „Resilience, Responsibility, Responsiveness – Towards a Future-oriented, Sustainable World Economy“ gegeben. Es soll um die Widerstandsfähigkeit der globalen Wirtschaft, um Verantwortung und eine nachhaltige Weltwirtschaft gehen. Profitieren sollen nicht nur die großen Konzerne. Vor allem sowie zur Finanz- und Digitalinfrastruktur, forderte etwa der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Eric Schweitzer. Dadurch erhöhe man ihre Erfolgschancen im globalen Wettbewerb. Schweitzer ist gemeinsam mit Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, und Arbeitgeberpräsident, Ingo Kramer, Mitglied im deutschen B20-Exekutivausschuss.

"Mit dem Afrika-Schwerpunkt wird ein langfristiger Prozess angestoßen"

Die Weltwirtschaft wächst langsamer als erwartet. Die bisherigen Handelsbeziehungen werden in Frage gestellt – allen voran durch die US-Administration unter Donald Trump. „Gerade in Krisenzeiten spielen die G20 eine wichtige Rolle“, sagt Marcel Fratscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW). Die Weltfinanzkrise 2007 und 2008 hätte dies eindrücklich gezeigt. Sie sind weniger ein Gremium, das verbindliche Entscheidungen trifft, sondern ein Forum für Netzwerke und Austausch.

Auf der Agenda der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer stehen traditionell Finanzstabilität, der globale Handel, Währungsfragen. Im Jahr ihrer G-20-Präsidentschaft hat die Bundesregierung Afrika in den Mittelpunkt gerückt. Ökonom Fratzscher hält das für richtig. „Dieses Thema hatten die Staaten bisher nicht auf dem Radar. Mit dem Afrika-Schwerpunkt wird ein langfristiger Prozess angestoßen.“

Vertreter großer Unternehmen, mächtiger Wirtschaftsverbände und Institutionen haben sich in den B20 zusammengeschlossen. „Hier wird über Branchen hinweg gemeinsam über die Weltwirtschaftslage diskutiert“, sagt Fratzscher. Die Wirtschaftslenker fordern ein klares Zeichen für die Globalisierung. Aber auch den Klimaschutz und mehr Nachhaltigkeit in der Geschäftspraxis führen die B20 in ihren Empfehlungen auf.

„Das Thema beinhaltet wichtige Chancen – und auch Risiken“, sagt Fratzscher. „Problematisch ist, dass die Entscheidungen immer noch sehr stark auf nationaler Ebene getroffen werden.“ Die Ankündigungen des US-Präsidenten Donald Trump aus dem Weltklimaabkommen von Paris auszusteigen und die Kohle- und Ölindustrie in den USA zu stärken sind ein Beispiel. Aber auch Staaten wie Saudi-Arabien, die vom Ölhandel leben und für die Umweltschutz kaum ein Thema ist, sind für mehr Nachhaltigkeit nur schwer zu begeistern.

Die Stoßrichtung werde von den USA und zunehmend China vorgegeben

Trotz dieser Vorzeichen und Haltungen konnten sich die Vertreter der Unternehmen, der B20, gemeinsam mit Gewerkschaften, Vorreitern aus der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft der 20 größten Volkswirtschaften auf eine gemeinsame Position einigen. „Wir alle wollen klare Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Paris und notwendige Instrumente“, sagt Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch. Bals begrüßt ausdrücklich, dass auch die B20 sich zu diesem Schritt durchringen konnten. „Zentral ist nun aber, dass die Wirtschaftsverbände auch zu Hause – also etwa in Deutschland und der EU – die notwendige Transformation tatkräftig unterstützen und nicht blockieren“, sagt Bals.

Auch künftig setzt der Umweltexperte auf eine enge Kooperation. „Wenn es darum geht, die Ziele von Paris und die globalen Nachhaltigkeitsziele wirkungsvoll und gerecht umzusetzen, dann arbeiten wir gerne mit Unternehmen und Gewerkschaften zusammen“, sagt Bals. „Diese können zum ’wie’ auf dem Weg zur treibhausgasneutralen Gesellschaft bis Mitte des Jahrhunderts viel beitragen – solange sie das ’ob’ nicht blockieren.“

Der DIW-Präsident Fratzscher ist skeptisch, welche Wirkung eine Zusammenarbeit der G20 tatsächlich hat. Generell sei es utopisch bei so vielen unterschiedlichen Interessen einen gemeinsamen Nenner zu finden, sagt er. Die Stoßrichtung werde von den USA und zunehmend China vorgegeben. Die Europäische Union verschaffe sich zu wenig Gehör und scheitere oft an sich selbst. „Wenn Europa nicht mit einer Stimme spricht, dann schwächen sich die Europäer selbst,“ glaubt der Ökonom.

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