Callcenter : Verdi will bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen

In Brandenburger Callcentern herrscht sehr große Unzufriedenheit mit der Bezahlung und den Arbeitsbedingungen. Verdi will das ändern - unter anderem mit einem Gütesiegel.

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Berlin - „Die Arbeitsbedingungen in Callcentern sind schlecht, die Arbeitszeiten teilweise menschenunwürdig“, sagt Bernd Wolf. „Zehn Prozent aller Krankheitsfälle sind auf solche Dinge zurückzuführen.“ Wolf ist Arbeitnehmervertreter bei SNT in Potsdam, einem der größten Callcenter-Dienstleister Deutschlands. Er steht mit seiner Analyse nicht allein: Einer Umfrage der Gewerkschaft Verdi zufolge herrscht in Brandenburger Callcentern sehr große Unzufriedenheit mit der Bezahlung und den Arbeitsbedingungen. Verdi will das ändern.

Laut dem „Schwarzbuch Billiglohn“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes Berlin- Brandenburg erhalten Callcenter-Mitarbeiter im Schnitt lediglich zwischen 5,11 Euro und 6,14 Euro pro Stunde. Hinzu komme, dass viele Angestellte unter kurzfristigen Dienstplänen, schlecht klimatisierten Räumen und fehlenden Bildschirmerholungszeiten zu leiden hätten. In den 244 Callcentern in Berlin und Brandenburg arbeiten insgesamt 26 770 Beschäftigte. Allein in der Hauptstadt gibt es nach Angaben des Berliner Senats etwa 170 Unternehmen mit 22 000 Mitarbeitern. In den vergangenen 20 Jahren wurden Callcenter vor allem in den neuen Bundesländern stark gefördert.

„Wenn Millionen von Fördergeldern fließen, dann sollten die Unternehmen auch den Bedingungen entsprechen, die der Branche und den Beschäftigten zugute kommen“, meint Jörg Kiekhäfer von Verdi. „Nur mit einem Gütesiegel kann man den schlechten Arbeitsbedingungen und dem Nichteinhalten von gesetzlichen Bestimmungen Einhalt gebieten“, ist Jürgen Stahl vom Verdi-Fachbereich Besondere Dienstleistungen überzeugt. Verdi fordert, die Vergabe von Fördermitteln an die Einhaltung bestimmter Qualitätkriterien zu knüpfen. Das Gütesiegel soll die Arbeitsbedingungen, Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie den Datenschutz umfassen. Eine Arbeitsgruppe aus Mitarbeitern der größten im Land Brandenburg ansässigen Callcenter – Arvato, SNT, Telekom und Walter Telemedien – arbeitet derzeit die Kriterien aus.

„Die Vergabe von Fördermitteln an Callcenter steht unter den gleichen Bedingungen wie bei anderen Unternehmen. Und gesetzliche Bestimmungen müssen selbstverständlich eingehalten werden“, sagt dagegen Alexander Gallrein vom Wirtschaftsministerium Brandenburg zu den Vorwürfen von Verdi. Zudem gebe es eine Vereinbarung zwischen allen Ländern, einen bestimmten Mindestlohn nicht zu unterschreiten. Ein Sprecher der Zukunftsagentur Brandenburg sagte, dass auch noch nach der Auszahlung der Fördergelder die Einhaltung der Kriterien überprüft werde. Dies sei Aufgabe der Investitionsbank des Landes Brandenburg. Bei Nichteinhaltung könne es sogar zu einer Rückforderung der Gelder kommen.

Bei Arvato Services, einem der größten Callcenter-Anbieter in Brandenburg, sieht man keinen Handlungsbedarf. „Wir halten uns strikt an sämtliche Vorgaben und Normen“, versichert Firmensprecher Gernot Wolf und gibt zu Bedenken, dass es zahlreiche Normen, Zertifizierungen und Siegel sowie staatliche Vorgaben schon gebe. „Was die Arbeitsbedingungen angeht, entsprechen alle unsere Center der Arbeitsstättenverordnung und verfügen über neuestes technisches Equipment.“ Und die Mitarbeiter verdienten auch nicht unter 7,50 Euro pro Stunde.

Jens Fuderholz, Sprecher des Callcenter Forum (CCF) Deutschland, meint, dass Verdi mit der Initiative Druck erzeugen will, um einen Mindestlohn von 7,50 Euro durchzusetzen. Das CCF ist der Interessenverband der Callcenter-Branche in Deutschland und repräsentiert mit 400 Mitgliedsfirmen 35 Prozent der deutschen Callcenter-Arbeitsplätze. „Es gibt beides. Der weit überwiegende Teil der 450 000 Menschen in Deutschland, die in Callcentern arbeiten, haben vernünftige Arbeitsbedingungen“, sagt Fuderholz. „Der durchschnittliche Bruttolohn liegt bei einer 40 Stundenwoche bei 1900 Euro.“ Umgerechnet wären das mehr als elf Euro pro Stunde. Ein Gütesiegel für Callcenter fände Fuderholz aber dennoch gut. Allerdings sieht er die Schwierigkeit in der Umsetzung. Denn die staatliche Förderung sei ohnehin seit drei, vier Jahren immer weniger geworden. Zudem habe die Branche inzwischen verstanden, dass sie sich mit ihrem Preiskampf selber schadet, und versuche, Preise und Qualität wieder anzuheben. 

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