Wirtschaft : Cargolifter strapaziert Geduld der Aktionäre

Dieter Fockenbrock

Carl-Heinrich Freiherr von Gablenz hat eine ungewöhnliche Gabe: Der gelernte Jurist ist Menschenfänger. 65 000 Männer und Frauen hat er schon in seinen Bann gezogen, 300 Millionen Euro hat er ihnen abgenommen. Mit einer Vision, die 260 Meter lang ist, 65 Meter im Durchmesser misst, neudeutsch Cargolifter heißt und "eine leeren Jumbojet mühelos heben könnte". Solche Vergleiche liebt Carl von Gablenz. Denn er weiß: nicht kühle Zahlen überzeugen. Er muss die Fantasie der Financiers beflügeln, damit sein Traum vom Bau des größten Luftschiffs der Welt Realität wird.

Am Sonnabend sind die Künste des Freiherrn wieder einmal gefordert: Tausende seiner Aktionäre kommen zur Cargolifter-Werft im brandenburgischen Örtchen Brand zur Hauptversammlung. Der Vorstandschef hat Erklärungsnot: Die Millionen sind inzwischen (fast) verbraucht, die Aktionäre sollen erneut zur Kasse gebeten werden.

Erklären muss von Gablenz auch, warum er ausgerechnet jetzt, sechs Jahre nach Firmengründung und zwei Jahre nach dem Börsengang Hilfe vom Staat einfordert. Das nährt Zweifel, dass der Cargolifter nicht wie geplant an den Start gehen kann. Reichen die 290 Millionen Euro wirklich, die jetzt offiziell noch fehlen, damit in zwei, drei Jahren der Prototyp endlich abheben kann?

Oder wartet auf die Aktionäre eine böse überraschung? Rechnet man nämlich alle geplanten Kapitalmaßnahmen und die avisierte Staatshilfe zusammen, kommt schnell die stolze Summe von weiteren 620 Millionen Euro zusammen: Das Volumen der Wandelanleihe wird auf 200 Millionen Euro aufgestockt, 300 Millionen will von Gablenz beim Bund beantragen und die Kapitalerhöhung bringt weitere 120 Millionen Euro frisches Geld. Vorausgesetzt, die Aktionäre der Cargolifter AG und Wirtschaftsminister Werner Müller spielen mit.

Von Gablenz wird seine Talente auf der Hauptversammlung zur Klärung dieser Zahlenakrobatik verwenden müssen. Die Euphorie der Gründerjahre ist längst verflogen, als dass ihm seine Aktionäre blind folgen würden. Und die technischen Probleme bei der Realisierung des Megaprojekts türmen sich auf. Fliegt der Cargolifter wirklich super-schwere Lasten, kann er die Alpen überqueren und was macht die Riesenzigarre eigentlich bei Sturm?

Fragen über die Fragen, die von Gablenz in seiner eloquenten Art mühelos vom Tisch wischt. Dabei blickt er von seiner Firmenzentrale, hoch oben im elften Stock über dem Potsdamer Platz in Berlin, auf das weite Zeltdach des Sony-Centers. Das, stellt der Visionär dann fest und beobachtet die Wirkung seiner Worte, "passt mühelos in unsere Montagehalle." Er kennt sie, diese Neider, Zauderer und Berufsskeptiker. Doch je länger das Projekt Cargolifter sich hinzieht, desto mehr werden es. Die Boomjahre sind vorbei, als Technologieprojekte wie Cargolifter noch mühelos privates Geld in Millionenhöhe einsammeln konnten.

Immerhin hat von Gablenz es geschafft, sich vor dem Börsengang schon 140 Millionen Euro zu sichern. Mit der Notierung am Aktienmarkt Ende Mai 2000 kamen 120 Millionen Euro dazu. Und im Herbst letzten Jahres hat Cargolifter 34 Millionen Euro kassiert. Aber: Diese Kapitalerhöhung lief schon nicht mehr reibungslos. Nicht alle Aktien fanden Käufer. Von Gablenz ist unerschütterlich: "Der typische Cargolifter-Aktionär ist engagierter Bürger bei einem innovativen Projekt." Rendite sei ihm nicht alles.

Carl von Gablenz spaltet: Die einen halten ihn für einen bewundernswerten Visionär, andere für einen großartigen Blender. Wer das Luftschiff-Projekt für machbar hält, sieht in ihm den mutigen Unternehmer, der allen Widrigkeiten zum Trotz sein Ziel beharrlich verfolgt. Für die Skeptiker ist er ein Träumer, der keinen blassen Schimmer von Zahlen hat und verantwortungslos das Geld fremder Leute verbrennt.

Dabei ist seine Idee so schlicht wie bahnbrechend: Statt große und gewichtige Lasten zu zerlegen, um sie mühsam mit Bahn, Flugzeug oder Lastwagen zu transportieren, sollen bis zu 160 Tonnen schwere und 50 Meter lange Teile unter ein gigantisches Luftschiff gehängt werden. Mit 550 000 Kubikmetern Helium gefüllt, schweben die Lasten dann fast schwerelos mit bis zu 90 Stundenkilometern von Ort zu Ort. Wenn Cargolifter bis dahin nicht die - finanzielle - Luft ausgeht. Aber auch solche Zweifel kontert Firmenchef von Gablenz in gewohnter Manier: "Alles, was wir bis heute haben, ist von den meisten anfangs für unmöglich gehalten worden."

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