Wirtschaft : Carl Zeiss AG: Bei Zeiss tauschen Ost und West die Rollen

Vanessa Fuhrmans

Die 23-jährige Juliane Könitz mit ihrer Vorliebe für Eyeliner und Discotheken scheint nicht gerade eine Gefahr für westdeutsche Facharbeiter zu sein. Doch genau das ist sie, zumindest für die Belegschaft des Optikherstellers Carl Zeiss AG, der vom Kalten Krieg auseinandergerissen und vor neun Jahren wiedervereinigt wurde. Könitz poliert Linsen bei der ostdeutschen Tochter der Zeiss-Gruppe, der Carl Zeiss Jena GmbH. Und das sieben Tage die Woche. Dank der Überstunden hat Könitz ein höheres Einkommen, und das Werk kann rund um die Uhr produzieren. "Warum sollte mich das stören?", fragt sie. "Ich verdiene sehr viel mehr Geld. Und es ist besser als arbeitslos zu sein." Bei den Betriebsräten in der Unternehmenszentrale im baden-württembergischen Oberkochen stößt das auf wenig Gegenliebe. Sie befürchten, dass niedrig bezahlte, hart arbeitende ostdeutsche Angestellte wie Könitz ihre Verhandlungsmacht und den sozialen Schutz der Arbeiter aushöhlen. "Vieles, was in Jena geschieht, lässt sich einfach nicht auf Oberkochen übertragen", sagt Willy Theilacker, der Zeiss-Betriebsratsvorsitzende für ganz Deutschland.

Die beiden Unternehmensteile von Carl Zeiss haben ihre Rollen vertauscht. Der Standort in Jena, der 45 Jahre lang ein sozialistisches Kombinat mit bekanntlich kurzen Arbeitswochen war, ist zu einer Insel der Flexibilität geworden. Und der Unternehmensteil, der den Kalten Krieg im kapitalistischen Westen überlebte, leistet heftigen Widerstand. Mit Erfolg: Der Vorstandschef trat im Dezember zurück - vor allem wegen seiner forschen, aber erfolglosen Bemühungen, die Beziehungen zwischen Unternehmensführung und Angestellten bei Zeiss West umzukrempeln.

In den neuen Bundesländern war das Aufbrechen sozialistischer Strukturen unabwendbar. Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Arbeitslosenrate mit 17 Prozent doppelt so hoch wie in Westdeutschland und werden Ostdeutsche noch von westdeutschen Steuerzahlern unterstützt. Doch an einigen Orten, darunter Jena, wurde die Wirtschaft beispielhaft flexibilisiert. "In Ostdeutschland gab es einen Crashkurs in Sachen freier Marktwirtschaft, weil es keine Alternative gab", sagt Lothar Späth, Vorstandschef der Jenoptik AG. Dieser Kulturunterschied tritt in den beiden Unternehmensteilen von Carl Zeiss deutlich zum Vorschein. Im westdeutschen Zeiss-Werk gibt es eine 35-Stunden-Woche. In Jena umfasst die übliche Arbeitswoche dagegen 38 Stunden - und viele Angestellte arbeiten 60 Stunden und mehr. Die Arbeiter willigten außerdem ein, dass das Gehalt ein Jahr lang eingefroren wurde und verzichteten fünf Jahre lang auf Weihnachts- und Urlaubsgeld, um Carl Zeiss in Jena aus den roten Zahlen zu helfen. Als die Nachfrage im Geschäftsbereich Halbleiter-Optik im vergangenen Jahr stark anstieg, stimmten Unternehmensführung, Arbeitnehmervertreter und die Landesregierung zu, dass rund um die Uhr produziert wurde. Für die meisten Arbeiter bedeutete das viele Überstunden.

Die unterschiedlichen Arbeitszeiten belasteten die Beziehungen zwischen der Zeiss-Belegschaft in den alten und neuen Bundesländern. Als die Beschäftigten in Jena vor zwei Jahren einwilligten, Extraschichten zu machen, forderten Arbeitnehmervertreter aus Oberkochen sie auf, einen Rückzieher machten. "Jeder befürchtete, die Unternehmensführung würde das ausnutzen und Angestellte aus Oberkochen und Jena gegeneinander ausspielen", sagt Jürgen Doemel Betriebsratsvorsitzender in Jena.

Zur Aufspaltung des von Carl Friedrich Zeiss gegründeten Unternehmens war es nach dem Zweiten Weltkrieg gekommen, als amerikanische Soldaten Jena evakuierten und 126 der führenden Zeiss-Wissenschaftler und -Manager nach Westdeutschland mitnahmen. In dem kleinen Ort Oberkochen in den schwäbischen Hügeln entstand eines der strahlendsten westdeutschen Unternehmen. Zwischenzeitlich wurde das ostdeutsche Unternehmen Carl Zeiss zu einem Juwel in der ostdeutschen Planwirtschaft. Erich Honecker bezeichnete das Unternehmen als Modell-Kombinat. Als jedoch Zeiss das Kombinat nach dem Mauerfall übernahm, stießen die westdeutschen Manager auf einen gewaltigen Verwaltungsapparat und nicht-wettbewerbsfähige Produkte. Von den damals 30 000 Angestellten behielt Carl Zeiss nur 3000; eine ebenso große Zahl wechselte zu Jenoptik. Vor dem Abbau weiterer Stellen und der Schließung von Geschäftsbereichen schreckte das Unternehmen zurück. Doch als Jena 1995 vier Jahre in Folge Verluste von mehr als 100 Millionen Mark geschrieben hatte und die Verluste das gesamte Unternehmen in den roten Bereich brachten, drängte die Unternehmensberatung Boston Consulting Group auf die Aufgabe des Standortes Jena. Damals war weniger klar, dass auch der westliche Unternehmensteil von Carl Zeiss in Schwierigkeiten war. Pensionsrückstellungen belasteten die Bilanz. Sogar ohne Jena schrieb Oberkochen Verluste. Daher machte die Carl-Zeiss-Stiftung den früheren Siemens-Vorstand Peter Grassmann zum Vorstandssprecher und beauftragte ihn mit der Sanierung des Unternehmens - im Westen und im Osten. Jena trug die Hauptlast der Generalüberholung. Der neue Chef stampfte die 2200 starke Belegschaft auf 1400 zusammen - und rettete dem Unternehmen das Leben.

Im vergangenen Jahr hat Carl Zeiss in Jena zum ersten Mal seit dem Zusammenschluss der beiden Unternehmen schwarze Zahlen geschrieben. Jena ist nun auch für seine eigenen Produkte verantwortlich. Heute machen die neuen Produktlinien 75 Prozent von Jenas Umsatz aus und knapp 20 Prozent des Jahresumsatz der Gruppe. Dass dies möglich wurde, ist zum großen Teil den flexiblen Arbeitszeiten zuzuschreiben. Zurück in Oberkochen richtete Grassmann seine Aufmerksamkeit darauf, auch dort flexiblere Arbeitszeiten einzuführen. Doch er stieß bald an Grenzen. Als er 1998 versuchte, Nicht-Gewerkschaftsmitglieder in den Zeiss-Betriebsrat zu bringen, stieß er auf Widerstand beim westdeutschen Betriebsratschef Theilacker. Der harte Stil von Grassmann verbesserte die Lage nicht. Mit der Aufgabe von 19 Geschäftsbereichen brachte er viele Angestellte gegen sich auf. Für Aufregung sorgte etwa seine Kritik an der Zeiss-Tradition, das Wohlergehen der Arbeiter über die Ertragslage zu stellen. Seine schlechten Beziehungen zu den Arbeitervertretern führten auch zum Zusammenstoß mit dem Vorstand der Stiftung, Heinz Dürr, dem früheren Bahn-Chef. Das Ergebnis: Obwohl er das Unternehmen in die Gewinnzone brachte, wurde Grassmanns Vertrag im Dezember nicht erneuert. Sein Nachfolger wurde das Technik-Vorstandsmitglied Dieter Kurz, der sich der Unternehmenskultur mehr verpflichtet fühlt.

In Jena ist die Stimmung entschieden besser. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahr 160 Arbeiter eingestellt. "Eines Tages werden die Arbeiter in Jena zu den gleichen Konditionen wie ihre westlichen Kollegen arbeiten", sagt Betriebsratschef Doemel. "Natürlich ist es nicht ideal, rund um die Uhr zu arbeiten", sagt er. "Aber wir wissen, was nötig ist, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben und Arbeitsplätze erhalten wollen."

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