Wirtschaft : Carl Zeiss Jena: Die vergessenen Erben

Bas Kast

Am 3. Oktober jährt sich zum zehnten Mal der Tag der Einheit. An zehn Sonnabenden beschreiben Wirtschaftsredakteure des Tagesspiegel deutsche Orte, die Geschichte geschrieben haben. Nächste Woche: Luxus aus Glashütte - Uhren für die High Society.



Schon am frühen Morgen drängeln sich dutzende Menschen durch die verwinkelten Einkaufspassagen. Wohin man blickt, frisch renovierte Fassaden. Im Zentrum der Thüringer Stadt mit den knapp 100 000 Einwohnern der historische Holzmarkt: ein staubiger Platz mit Bauzäunen, Baggern, einem kleinen Kran. Die Straßenbahn kommt vorbei, Studenten, die hinaus und hinein huschen. Jena zehn Jahre nach der Wende: Von der Katastrophenstimmung, die sich wenige Jahre nach der Vereinigung breit machte, ist kaum mehr was zu spüren. Damals, als sich plötzlich 20 000 Menschen ohne Arbeit sahen. Als keiner wusste, was aus Jena und dem ehrwürdigen Carl-Zeiss-Werk werden würde.

Wo die Not groß ist, wächst das Rettende auch. Der Retter von Jena kam aus Baden-Württemberg, hatte sich gerade aus dem Politikgeschäft katapultiert und hieß Lothar Späth. Der Rest der Jenoptik-Geschichte ist bekannt: Späth verwandelte die Trümmer des zerbrochenen Carl-Zeiss-Kombinates in eine "blühende Landschaft" - Jena lebte wieder durch Jenoptik. Doch nur ein paar hundert Meter Luftlinie von der Jenoptik-Zentrale entfernt, wo Lothar Späth sein Büro hat, lässt sich, vor der Öffentlichkeit weitgehend verborgen, noch eine andere, leisere Geschichte von Carl Zeiss lokalisieren. Hier, auf einem Hügel am Rande der Stadt, befindet sich das eigentliche Erbe der Carl-Zeiss-Werke: Die Carl Zeiss Jena GmbH.

Zeiss, Abbe, Schott

Diese Geschichte beginnt 1846. Der damals 30-jährige Feinmechaniker Carl Zeiss richtet für die Friedrich-Schiller-Universität eine kleine mechanisch-optische Werkstatt ein. 20 Jahre später stößt ein Physiker namens Ernst Abbe dazu - die Theorie der Optik, die er in der Folgezeit entwickelt, revolutioniert die Herstellung von Linsen und Mikroskopen. 1884, Zeiss geht inzwischen auf die 70 zu, gründet Abbe mit dem Glaschemiker Otto Schott das Glaswerk Schott & Genossen. Kurz danach stirbt Zeiss - das moderne Zeitalter der Mikroskopie aber ist längst geboren. Und Jena ist ihr Mittelpunkt.

Dann, rund 100 Jahre später, der Schock: Die Mauer fällt, und auch das Kombinat VEB Carl Zeiss Jena sieht sich über Nacht von der Plan- in die Marktwirtschaft geworfen. Es kommt zu den dramatischsten Veränderungen der Firmengeschichte. 1990 wird aus dem ehemaligen VEB die Jenoptik Carl Zeiss Jena GmbH mit rund 30 000 Mitarbeitern. Wenig später entsteht daraus auf der einen Seite Jenoptik mit rund 7000 Mitarbeitern. Andererseits bildet sich die Carl Zeiss Jena GmbH mit damals 3000 Beschäftigten. 1470 Mitarbeiter zählt Carl Zeiss Jena heute und damit immerhin mehr als die Jenoptik mit rund 1000 Beschäftigten in Jena. Mehr als das: Carl Zeiss Jena bekam von Anfang an das traditionelle Kerngeschäft der Firma. Jenoptik hingegen macht seinen größten Umsatz weder in Jena noch mit Optik.

"Die Wende", sagt Manfred Fritsch, einer der Geschäftsführer von Carl Zeiss Jena, "traf uns in doppelter Hinsicht". Nicht nur, dass sich die Firma plötzlich mit einer ganz neuen Dimension der Konkurrenz konfrontiert sah, sie hatte zudem ihre Produkte immer in den Osten geliefert. "Es war uns allen deutlich, dass dieser Absatzmarkt nicht mehr besonders kaufkräftig war." Das war noch nicht alles. Die Firma traf eine weitere Besonderheit: Der große Bruder aus dem baden-württembergischen Oberkochen. Bis zum zweiten Weltkrieg war Jena immer Zentrum von Zeiss gewesen. Dann kam der Krieg und etwas Dramatisches geschah: 1945 trafen zunächst die Amerikaner in Thüringen und Jena ein, doch die Alliierten hatten bereits beschlossen, Thüringen gehöre zur sowjetischen Zone. Und was machten da die Amerikaner? Sie zogen ab - aber nicht ohne vier Geschäftsführer von Zeiss und 80 weitere Spitzenmitarbeiter mitzunehmen. Die Zeiss-Werke wurden geköpft. Das Hirn der Firma verschwand in den Westen.

Zurück zur Wendezeit. "Trotz aller Schwierigkeiten gab es damals so etwas wie ein Gefühl der Euphorie", so Fritsch. Auch hier reflektiert die Firma ein Stück deutscher Geschichte: Was zusammengehörte, sollte zusammenwachsen. "Bald begannen die ersten Verhandlungen mit Oberkochen. Natürlich war die schwierigste Frage: Wer kriegt was?" Trotz der Trennung hatten sich West- und Ost-Zeiss auf eine ähnliche Produktpalette konzentriert. "Bei jeder Fusion kommt es zu Überschneidungen - bei zwei Unternehmen mit so ähnlichen Produktlinien zu besonders großen. Es war klar: Hier müssten massiv Menschen entlassen werden", erzählt Fritsch. Der Geschäftsführer sollte recht behalten: Von den ursprünglich 30 000 Mitarbeitern des VEBs blieben in den Nachfolgebetrieben 10 000 übrig, "hochqualifizierte Leute", wie Fritsch sagt. Lag die Arbeitslosenquote im Arbeitsamtbezirk Jena 1990 noch unter fünf Prozent, schnellte sie zwei Jahre danach auf über 13 Prozent.

Untergangsstimmung in der Stadt an der Saale. Im ersten Geschäftsjahr war der Verlust von Carl Zeiss Jena anderthalb mal so groß wie der Umsatz. Anfang der 90er Jahre gab es jährliche Verluste in Höhe von weit über 100 Millionen Mark. Es musste gehandelt werden - schnell und radikal. 1995 wurde endlich die Wende eingeleitet. Eine Unternehmensberatung kam ins Haus, und die Geschäftsführung beschloss, sich noch stärker aufs Kerngeschäft zu konzentrieren. Prompt folgten weitere 600 Entlassungen. "Es war schmerzlich", sagt Fritsch. "Aber was hätten wir machen sollen? Wir standen vor der Alternative: Weiter entlassen oder geradewegs in den Konkurs gehen?" Eine Strategie für die Zukunft wurde entworfen, neue Produktlinien entwickelt. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung stiegen auf 16 Prozent des Umsatzes. Diese Quote, die weit über dem Branchendurchschnitt von acht bis zehn Prozent liegt, hat das Unternehmen bis heute beibehalten. 20 Prozent aller Mitarbeiter waren fortan Wissenschaftler, Ingenieure, Software-Entwickler. Als Folge der verstärkten Forschung verfügt die Firma inzwischen über eine Palette neuartiger Produkte: Untersuchungsapparate für die Pharmaindustrie, Projektionsdisplays für Beamer, Geräte für den Augenarzt, Laserscanmikroskope - "diese wirklich neuen Produkte", sagt Lothar Janiak, Pressechef von Carl Zeiss Jena, "machen inzwischen drei Viertel des Umsatzes aus."

Das Ergebnis der Umstrukturierung kann sich sehen lassen: "In den letzten drei Jahren haben wir für neue Produktlinien 300 Mitarbeiter eingestellt", sagt Fritsch. "Und das nächste Geschäftsjahr werden wir weitere 150 Arbeitsplätze schaffen." Zum ersten Mal zeigt sich der Anflug eines Lächelns auf dem Gesicht des Geschäftsführers. Das Betriebsergebnis lag noch im letzten Geschäftsjahr bei minus zehn Millionen Mark, jetzt liegt es bei plus zehn Millionen Mark. Und noch eine Erfolgszahl: Der Umsatz wird im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent auf 450 Millionen Mark wachsen. Für die ganze Region gibt es Grund zum Optimismus: Die Arbeitlosigkeit im Bezirk Jena geht zurück. 1998 lag die Quote bei knapp 17 Prozent, 1999 unter 15 Prozent, Tendenz sinkend.

Wenn man mit dem Außenlift in die siebte Etage steigt, dorthin, wo die Geschäftsführung von Carl Zeiss Jena sitzt, tut sich nach und nach das Jena-Tal unter den Füßen auf. "Dort im Zentrum - sehen Sie? Das ist die Jenoptik-Zentrale", sagt Janiak. Neben dem großen Turm sieht das Gebäude mit den Spiegel-Fassaden eher unscheinbar aus. Und das Technologie-Zentrum von Jenoptik - wo befindet sich das eigentlich? "Ach so", sagt Janiak und lächelt verschmitzt, "das liegt irgendwo außerhalb. Das können Sie von hier aus gar nicht sehen."

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