Wirtschaft : Castros Enkel

Venezuela erlebt ein Wirtschaftswunder und sucht Verbündete in Nicaragua und Bolivien

Philipp Lichterbeck

Ein altes Gespenst geht um in Lateinamerika – das Gespenst des Kommunismus. Es scheint lebendiger denn je. Denn gleich acht sozialistische und sozialdemokratische Präsidenten sind in den vergangenen Jahren und Monaten auf dem Kontinent an die Macht gekommen.

In Ecuador wurde im November der Sozialist Rafael Correa gewählt. In Nicaragua erlebt der Sandinistenführer Daniel Ortega seinen zweiten politischen Frühling. Im Dezember bestätigten die Venezolaner den Linksnationalisten Hugo Chávez mit überwältigender Mehrheit bis zum Jahr 2013 im Amt. Zum Antritt versprach er ihnen die Einführung des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Er kündigte die Verstaatlichung der Stromversorgung, der Telekommunikation sowie sämtlicher Gas- und Ölprojekte an. „Alles, absolut alles“ werde privaten Investoren weggenommen, sagte Chávez. Dann reiste er zur Amtseinführung von Correa und Ortega. Das war vor elf Tagen.

Die Linken wollen gemeinsame Sache machen. Ortega verkündete, schon bald in das von Chávez gegründete Handelsbündnis Alba einzutreten, eine Alternative zur US-Idee einer Freihandelszone. In Nicaragua traf Chávez seinen Freund, den linksnationalistischen Präsidenten Boliviens, Evo Morales. Dieser hatte im vergangenen Jahr die Öl- und Gasressourcen nationalisiert. Beim Aufbau einer eigenen Energieindustrie will Chávez ihn mit 1,5 Milliarden Dollar unterstützen.

Diese Politik stößt mittlerweile bei den moderat linken Präsidenten Lateinamerikas auf Widerstand. Auf dem Gipfeltreffen des Gemeinsamen Südamerikanischen Marktes (Mercosur) am Freitag in Rio de Janeiro flogen die Fetzen. Während Chiles Präsidentin Michelle Bachelet die Vorteile des Freihandels mit den USA pries und Brasilien und Argentinien sich besorgt um ihre Investitionen in Venezuela zeigten, erklärte Chávez: „Der Markt ist tot, es lebe die Politik.“

Für konservative Beobachter ist längst ausgemacht, dass Venezuela eine rote Diktatur ist und Chávez seine Revolution in den ärmeren Ländern verbreitet. Dazu dienten ihm die Einnahmen aus dem Ölgeschäft – zuletzt 42 Milliarden Euro im Jahr.

Doch das Beispiel Venezuela zeigt: Im Latino-Sozialismus kann es auch der Wirtschaft durchaus gut gehen. Venezuela legte 2006 um zehn Prozent zu. Damit ist es das Boomland Lateinamerikas. Das liegt am hohen Ölpreis. Auch auf Druck von Chávez ist er in den letzten neun Jahren von rund 10 Dollar pro Barrel auf derzeit 52 Dollar gestiegen. Venezuela fördert drei Millionen Fass täglich.

Und am Orinoco-Fluss vermutet man die größten Ölreserven der Welt. Chávez steckt die Milliarden in Sozialprogramme und in die Infrastruktur. Von diesem revolutionären Bauboom profitieren verstärkt auch deutsche Unternehmen. „Sie können hervorragende Geschäfte in Venezuela machen“, bestätigt Peter Rösler, Chef der Hamburger Wirtschaftsvereinigung Ibero-Amerika Verein (IAV). Er hält die Volkswirtschaften Lateinamerikas heute für „resistent gegenüber innenpolitischen Problemen“.

Aus der Deutsch-Venezolanischen Industrie- und Handelskammer (Cavenal) in Caracas hört man, dass das Land „ein Riesenpotenzial“ hat. In den Städten Maracaibo und Valencia entwickelt Siemens derzeit neue Stadtbahnen. Das deutsche Stahlunternehmen Ferrostaal baut unter anderem ein Ammoniumwerk und eine Methanolfabrik.

Dass das Land solch ein Riesengeschäft ist, hat auch mit dem hohen Durchschnittseinkommen der Venezolaner zu tun, das zu den höchsten Lateinamerikas zählt. Der Konsum läuft heiß. Chávez’ Kritiker vermuten, dass das mit dem geringen Vertrauen in das sozialistische Wirtschaftswunder zu tun habe. Klar ist: Die Venezolaner kaufen Autos, am liebsten Geländewagen, der Liter Sprit kostet drei Cent. Die Neuzulassungen haben im vergangenen Jahr um 80 Prozent zugelegt. „Es lebt sich sehr gut in Venezuela“, heißt es bei Cavenal. „Die politische Situation ist angespannt, aber die bürgerlichen Zeitungen schreiben, was sie wollen. Wirtschaftlich ist Venezuela das spannendste Land Lateinamerikas.“ Unsicherheit herrsche aber, weil man nicht wisse, was Chávez eigentlich meine, wenn er die „permanente Revolution“ ankündigt.

Auf dem Treffen der südamerikanischen Präsidenten in Rio stellte Chávez zumindest klar: „Nur die ausbeuterischen US-Investoren werden enteignet.“

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