Wirtschaft : Charlotte Hildebrandt

(Geb. 1909)||Auf ihrem Grundstück! Eine Mauer! Warum schritt da niemand ein?

Claudia Keller

Auf ihrem Grundstück! Eine Mauer! Warum schritt da niemand ein? Hätte sie sich für ein Lieblingstier entscheiden müssen, Papagei oder Chamäleon, Charlotte Hildebrandt hätte den Papagei gewählt. Für eine Überlebensstrategie, die darin besteht, sich unsichtbar zu machen, hatte sie nicht viel übrig. Es passte ihr einfach zu vieles nicht, und sie versuchte es zu ändern. Ob sie sich dabei mit einem Schuldirektor oder mit einem Bundeskanzler anlegen musste, machte keinen Unterschied.

War ja auch nicht einzusehen, warum das Kaiserin-Auguste-Viktoria-Lyzeum auf einmal Friedrich-Ebert-Schule heißen sollte, nur weil sich die Staatsform geändert hatte. Hatte die Kaiserin nicht Gutes getan? Charlotte, damals noch Büttner mit Nachnamen, jedenfalls erschien zur Umbenennungsfeier im Turnanzug und fragte den Schuldirektor vor allen Leuten, was das eigentlich sollte. Akte des Widerstands wie dieser waren in Elbing, einem schmucken Städtchen in der Nähe der Danziger Bucht, in den zwanziger Jahren nicht üblich. „War alles ein bisschen spießig da“, sagte Charlotte später. Deshalb ging sie mit 17 nach Berlin, wohnte zur Untermiete und ließ sich zur medizinisch-technischen Assistentin ausbilden. Der Vater hätte sie lieber reich verheiratet, schließlich war sie hübsch, die Mutter warnte vor dem „Sündenpfuhl“.

Charlotte, 1,70 Meter groß, blond, charakterfest, sah jeden Morgen an ihrem Arbeitsplatz, was mit denen passierte, die nicht so prinzipienstark wie sie waren: Vor der Frauenklinik der Charité in der Schumannstraße standen sie Schlange, die Hausmädchen, Künstlerinnen und gefallenen Mädchen und warteten auf das Ergebnis ihres Schwangerschaftstests. Charlotte musste es ihnen sagen, sie war die Assistentin jenes Professors, der das neue Verfahren entwickelt hatte.

Hier, in der Charité lernte sie auch, dass man nicht viel geben muss auf das Gehabe der Männer. Wie die sich schon mit den Laborratten anstellten! Sie griff einmal in den Käfig, packte ein Tier, gab die Spritze, fertig.

Von Gerhard Hermann Hildebrandt, charmant, geistreich, Bauunternehmer, ließ sie sich aber doch beeindrucken. Um ihr zu beweisen, dass es bergauf ging, kaufte er noch vor der Hochzeit 1937 ein Grundstück in Treptow. Dort wollte er eine Wohnanlage bauen. Bevor der Boden ausgehoben war, kassierten die Nazis Arbeiter und Baumaterialien ein. Den Krieg vorzubereiten, war jetzt wichtiger, als Häuser zu bauen.

Gebaut wurde auf dem Grundstück schließlich doch. Am 13. August 1961. Charlotte Hildebrandt, ihr Mann und ihr Sohn saßen in Wien am Radio. Auf ihrem Grundstück! Eine Mauer! Warum schritt da niemand ein? Die Berliner! Die Alliierten! Als sie die Mauer ein Jahr später mit eigenen Augen sah, weinte sie. Alles war verloren, die Eltern, die Heimat, und nun schwand auch noch die Hoffnung. Die Familie war 1945 nach Wien geflohen, nachdem ihre Habe in Berlin nur noch ein Trümmerhaufen war.

„Ich bin maßlos erbittert und enttäuscht, mit welcher Rücksichtslosigkeit die Kohl-Regierung sich über die Vereinbarung der Vier Mächte hinweggesetzt hat, um die Staatskasse mit unrechtmäßig erworbenem Eigentum zu füllen“, schrieb Charlotte Hildebrandt 1998 an Bundeskanzler Gerhard Schröder. „Wo bleibt da der deutsche Rechtsstaat, an den ich immer geglaubt habe?“ Die Mauer war gefallen, das Grundstück in Treptow gehörte jetzt dem Bund. Sie könne es zurückkaufen, hieß es.

Charlotte war jetzt 89 Jahre alt, saß im Rollstuhl. Und sie kämpfte. Es ging nicht so sehr ums Geld, es ging ums Prinzip. Mit anderen Mauergrundstücksbesitzern gründete sie eine Interessengemeinschaft und klagte vor Gericht. Sie schrieb Eingaben, gab Interviews und demonstrierte, auch bei Minusgraden. In Lichtenberg hatte sie eine kleine Wohnung gemietet. Der Berliner Himmel, den sie vom Balkon im achten Stock sehen konnte, hatte es ihr angetan. Er war eine Anzahlung sozusagen aufs große Glück, auf den großen Umzug, zurück nach Berlin.

Nun ist sie in die ganz alte Heimat zurückgekehrt. Der Sohn hat für sie die Familienkrypta in der Nähe von Elbing herrichten lassen. Am Tag, bevor sie gestorben ist, musste er ihr versprechen, dass er den Kampf ums Grundstück nicht aufgeben wird.

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