Chef von Agora Energiewende : Erst ab 2020 wird es mit der Stromversorgung knapp

Die großen Stromerzeuger verdienen heute kaum noch Geld mit ihren fossilen Kraftwerken. Patrick Graichen, Chef der einflussreichen Denkfabrik Agora, versteht ihren Kummer. Ihre Warnungen, wonach tatsächlich bald die Lichter ausgehen, hält er für deutlich übertrieben.

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Sorgendkind Kohlekraft: Die Betreiber fossiler Anlagen bekommen ein problem. Das Foto zeigt Kraftwerk Mehrum in Hohenhameln im Landkreis Peine (Niedersachsen) Ende Oktober 2014.
Sorgendkind Kohlekraft: Die Betreiber fossiler Anlagen bekommen ein problem. Das Foto zeigt Kraftwerk Mehrum in Hohenhameln im...Foto: dpa-Bildfunk

Wo steht die Energiewende gerade?

Wir haben den ersten Schritt erfolgreich bewältigt, ein Viertel erneuerbare Energien in unser Stromsystem einzuführen. Jetzt kommt der zweite Schritt auf 50 Prozent. In diesem Moment werden die erneuerbaren Energien die Leittechnologie im Energiesystem. Das verändert alles.


Ist unser Energiesystem vorbereitet?
Ja und nein. Ja insofern, als wir feststellen, dass wir schon jetzt einen hochflexiblen Gas- und Steinkohlekraftwerkspark haben, der im Prinzip eine gute Ergänzung ist zu den erneuerbaren Energien. Nein, weil unsere Regularien nicht so sind, dass sie die erneuerbaren Energien in den Mittelpunkt stellen. Das fängt bei Systemdienstleistungen an, die nicht auf erneuerbare Energien ausgerichtet sind. Das heißt, Strommengen, die für die Stabilität des Stromnetzes benötigt werden, werden bisher kaum von Wind-, Solarparks oder Biomasse-Kraftwerken geliefert. Und es geht bis zu der Frage, welche Leitungen braucht ein solches System?

In der öffentlichen Debatte überlagern sich viele Themen: Es gibt Speicher-Lobbyisten. Andere stellen sich einen konventionellen Kraftwerkspark vor, so groß wie die erneuerbare Erzeugungsleistung. In Bayern gibt es Leute, die halten Höchstspannungsleitungen für weniger nötig. Wie definieren Sie im Meinungs-Dschungel Prioritäten?
Jetzt nehmen wir den Schritt auf 50 bis 60 Prozent erneuerbare Energien in Angriff. Da wissen wir ziemlich genau, was der kosteneffiziente Pfad dahin ist: Der Ausbau erneuerbarer Energien sollte zunächst auf den Ausbau von Wind an Land und Fotovoltaik konzentriert werden. Bei den konventionellen Kraftwerken sollten die Gas- und Steinkohlekraftwerke, die wir haben, weiter genutzt werden, allerdings flexibler und mit geringerer Auslastung. Und es bedeutet, einige Stromtrassen nach Süddeutschland auch zu bauen. Denn wir werden viel Windstrom im Norden haben und weiterhin einen hohen Verbrauch im Süden. Alternativen, wie ein großer Speicherzubau, würden das System deutlich teuer machen.

Patrick Graichen, Chef der Agora-Energiewende, in seinem Büro in Berlin-Mitte.
Patrick Graichen, Chef der Agora-Energiewende, in seinem Büro in Berlin-Mitte.Foto: Doros Spiekermann-Klaas


Wie erklären Sie sich, dass es so viele engagierte Verfechter großer Speicherlösungen gibt? Wie erklären Sie sich, dass es so viele engagierte Verfechter großer Speicherlösungen gibt?
Speicher werden in einer von erneuerbaren Energien bestimmten Energiewelt ihre Berechtigung haben. Die Frage ist, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist. Da ist es aus einer Gesamtkostensicht jetzt noch zu früh. Wer aber am Start ist, hat natürlich ein berechtigtes Interesse, seine Produkte zu verkaufen.

Werden nach Ihrer Einschätzung Speicher, Nachfragesteuerung oder andere Flexibilitätsangebote – wenn beispielsweise ein Kunde dann viel Strom kauft, wenn viel Strom in den Leitungen ist, und darauf verzichtet, wenn es einen Strommangel gibt – in einem reformierten Strommarkt in irgendeiner Weise bezahlt werden?
Wir werden jetzt etwa ein Jahr lang über den Strommarkt der Zukunft diskutieren. Dabei geht es auch um Kapazitätsmärkte oder andere Instrumente, die das Vorhalten von flexiblen Leistungen belohnen. Ich glaube, dass es da viele Lösungen geben wird – sowohl Backup-Kraftwerke als auch Nachfragemanagement. Zudem werden auch Speicher, die womöglich auch noch andere Aufgaben erfüllen, eine Rolle in diesem Markt spielen.
Damit meinen Sie Wärmespeicher, die mit Überschussstrom aufgeheizt werden?

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08.04.2014 11:42


Ich meine damit Wärmespeicher aber auch Stromspeicher, die gleichzeitig eine andere Funktion haben, etwa Batterien für Elektroautos. Solche Speicher können aus dem Stromsystem einen Zusatzerlös holen, aber sie müssen sich nicht vollständig daraus finanzieren. Die Herausforderung ist, einen Markt zu schaffen, der diesen verschiedenen Technologien gleiche Wettbewerbschancen bietet, damit die Techniken miteinander konkurrieren können und sich am Ende die kostengünstigsten durchsetzen können oder jene, welche die Aufgabe am besten erfüllen können.
Wozu würden Sie nach Ihrem heutigen Kenntnisstand in der Diskussion um den künftigen Strommarkt raten?
Eines können und sollten wir auf jeden Fall tun: den jetzigen Strommarkt flexibler und schneller machen. Das läuft unter dem Stichwort Energy-Only-Markt 2.0. Bisher ist der Energy-Only-Markt ein Marktplatz für Strom, bei dem die Energie zu Preisen gehandelt wird, die lediglich die Betriebskosten der Kraftwerke abbilden. Die Investitionskosten der Kraftwerke – sie sind je nach Kraftwerkstyp der gewichtigste Brocken – werden systematisch ausgeblendet. Würde der Energy-Only-Markt jedoch derart verändert, dass es regelmäßige Hochpreisphasen gäbe, könnten diese das Signal sein, in Nachfragemanagement, Speicher oder neue Kraftwerke zu investieren. Solche Neuinvestitionen – insbesondere in flexible Kraftwerke – sind langfristig wichtig, um die Versorgungssicherheit in allen Stunden des Jahres zu gewährleisten. Ob das allerdings tatsächlich mit dem Energy-Only- Markt 2.0 gelingt, da habe ich meine Zweifel. Dennoch ist seine Einführung in jedem Fall ein wichtiger und notwendiger Schritt, den wir auf jeden Fall tun sollten.
Sie sehen die Debatte nicht als ein Entweder Energy-Only-Markt 2.0 oder Kapazitätsmarkt sondern als ein sowohl als auch?
Ich sehe es als Zweischritt: Wir sollten den Energy-Only-Markt schnell reformieren und parallel überlegen, ob und wenn ja, wann der zweite Schritt fällig wird.
Der Branchenverband BDEW oder die Gewerkschaften klingen ganz anders. Sie haben vor kurzem gemeinsam für einen Kapazitätsmarkt demonstriert.
Was wir wissen, ist, dass es im Zusammenhang mit dem Atomausstieg in den Jahren 2021/22 insbesondere in Süddeutschland, aber möglicherweise auch in ganz Deutschland knapp werden kann. Darum sind die verschiedenen Kapazitätsmarkt-Konzepte derzeit in der Diskussion. Die Sorgen der Beschäftigten in den Kraftwerken sind kurzfristiger. Viele Kraftwerke verdienen derzeit am Strommarkt zu wenig Geld, deswegen geraten Kraftwerksbetreiber unter Druck. Das ist verständlich, aber aus Sicht der Versorgungssicherheit wäre eine Antwort erst zum Jahr 2020 fällig.

RWE ist teilweise im Besitz von ohnehin schon notleidenden Kommunen. Auch bei vielen Stadtwerken ist die Lage kritisch. Sie haben zum Teil Kraftwerke mit starker politischer Unterstützung gebaut. Man wird das kaum sauber sortieren können: Das eine ist das Stromsystem und das andere die Politik, oder?
Vermutlich werden wir 2016 ein neues Strommarktdesign bekommen. Dieser Marktrahmen wird Antworten für eine ganze Reihe von Fragen finden müssen: Wie lässt sich Versorgungssicherheit garantieren? Welche Formen von Flexibilität werden gebraucht? Wie geht es mit jüngst gebauten Kraftwerken, die kein Geld verdienen, weiter? Wie geht es mit der Kraft-Wärme-Kopplung weiter, bei der Strom und Wärme gleichzeitig erzeugt werden? Wie steht es um den Klimaschutz? Insofern sind die Diskussionen miteinander verzahnt. Am Ende wird es ein Gesamtpaket geben müssen.
Und all das lässt sich mit einem Rahmen für einen neuen Strommarkt beantworten?
Ich gehe davon aus, dass die Themen so miteinander verwoben sind, dass man sie gar nicht trennen kann.

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