Wirtschaft : Chemiebranche: Zusätzliche Altersvorsorge

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Noch einen Schritt weiter als die "Riester-Rente" gehen die Tarifparteien der westdeutschen Chemiebranche bei der privaten Altersvorsorge. In der Nacht zum Mittwoch einigten sich der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in Bremen auf den Ausbau der tariflichen Altersvorsorge. Der neue Tarifvertrag sieht für die knapp 600 000 Beschäftigten der Branche eine so genannte "Chemie-Förderung" vor. Jeder Arbeitnehmer hat zusätzlich zu den bisher vereinbarten 1200 Mark pro Jahr Anspruch auf eine Arbeitgeberzulage von 13 Euro pro angelegten 100 Euro. Diese Zulage wird vom Bruttogehalt abgezogen und direkt in die individuelle Zusatzrente investiert. Damit übertreffe das Modell die von Arbeitsminister Riester vorgesehene Förderung, betonten die Tarifpartner. "Im Gegensatz zu Vereinbarungen in der Metallbranche werden erstmals die vom Arbeitgeber eingesparten Sozialversicherungsbeiträge komplett an die Arbeitnehmer weitergeleitet", sagte ein Sprecher der IG BCE auf Anfrage. Mit dem an die gesetzlichen Vorgaben angepassten Tarifvertrag können die Beschäftigten außerdem ab dem 1.1.2002 vermögenswirksame Leistungen, Urlaubs- oder Weihnachtsgeld direkt in die Altersvorsorge einfließen lassen. Nach den Plänen von Arbeitsminister Riester ist dies bis zu der Höchstgrenze von 4,176 Mark pro Jahr möglich.

Harmonie bei Tarifparteien

Die Tarifparteien zeigten sich mit dem Abschluss zufrieden. "Die Chemiearbeiter können bei zumutbarer Eigenleistung ihren Lebensstandard auch im Alter absichern. Das Angebot ist äußerst attraktiv", sagte BAVC-Hauptgeschäftsführer Hans Paul Frey. Auch die IG BCE betonte die zusätzlichen Sparpotenziale für den Arbeitnehmer. Vor allem die zusätzlichen 13 Euro pro angelegte 100 Euro führten zu einem erhöhten Anlagebetrag für den Arbeitnehmer. Die Zulage entspricht den eingesparten Sozialversicherungsbeiträgen der Arbeitgeber. Dies war eine langgehegte Forderung der Gewerkschaft IG BCE. Nichtzuletzt deshalb gehen die Gewerkschaft von einer breiten Zustimmung der Angestellten aus. "Die zusätzliche Altersvorsorge steht auf einem stabilen Fundament", sagte Werner Bischoff, Verhandlungsführer der IG BCE, und betonte die Attraktivität des Vertrags. Im Gegensatz zur IG BCE konnte sich die IG Metall in den Verhandlungen mit dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall kürzlich nicht in der Frage der Sozialversicherungsbeiträge durchsetzen. Beim Abkommen über die tarifvertragliche Umsetzung der Riester-Rente wurden die eingesparten Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitgeber diesen als Ausgleich für höhere Verwaltungskosten zugebilligt.

Doch nicht nur bei den Sozilaversicherungsbeiträgen konnte die IG BCE Verbesserungen für die Arbeitnehmer durchsetzen. Ein wichtiger Punkt in dem Chemieabschluss sei die verbesserte Wahlfreiheit hinsichtlich der Anlageform für den Arbeitnehmer, sagte ein Gewerkschaftssprecher. Die überbetrieblichen Pensionskassen werden in Zukunft nicht mehr die einzige Anlageform sein. Vor dem Abschluss war die betriebliche Altersvorsorge über Pensionskassen verstärkt in Anspruch genommen worden. In dem bis 2008 geschlossenen Vertrag kann der Chemiearbeiter jetzt auch in Pensionsfonds investieren, um seine Einkünfte im Alter zu steigern.

Einführung von Chemie-Pensionsfonds

Neben den bisherigen Wegen der betrieblichen Altersvorsorge, zum Beispiel Direktzusagen, Unterstützungskassen und Direktversicherungen soll der Chemie-Pensionsfonds langfristig eine höhere Rendite ermöglichen. Dies gilt auch im Vergleich zu Lebensversicherungen. Chemiearbeiter können erstmals im Rahmen der Altersvorsorge in Aktien investieren. Der Pensionsfonds wird in Form einer Aktiengesellschaft gegründet. Standardisierte Tarife und provisionsfreie Verträge sollen einen vereinfachten Ablauf ermöglichen. Finanzierung, Verwaltung und Management übernimmt ein von den Tarifparteien ausgewähltes Finanzdienstleistungsunternehmen. Zurzeit werde mit zwei Unternehmen verhandelt, teilten Arbeitgeber und IG BCE. Die Entscheidung falle im Oktober.

Gewerkschaft und Arbeitgeberverband werden jedoch selbst nicht Anteilseigner des Unternehmens sein. Ihr Einfluss wird allerdings durch den Sitz im Aufsichtsrat gesichert. Die Tarifparteien setzen in dem neuen Vertrag auf Transparenz und Vereinheitlichung. Der Tarifvertrag ersetzt den seit 1998 geltenden Tarifvertrag über vermögenswirksame Leistungen sowie den Tarifvertrag über das 13. Monatsgehalt und Manteltarifregelungen zum Urlaubsgeld.

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