Wirtschaft : Chemieindustrie: Für die Titel der Branche kommt keine Begeisterung auf

Bert Frönthoff

Mit einer so harschen Reaktion der Börse hatte der BASF-Vorstand wohl nicht gerechnet: Als der Konzern vor wenigen Tagen seine auf den ersten Blick hervorragenden Halbjahreszahlen veröffentlichte, brach der Kurs um annähernd sechs Prozent ein. Grund dafür war der verhaltene Optimismus, den der Konzern für das kommende Halbjahr zeigte, und ein etwas schwächeres Wachstum im zweiten Quartal.

Viele Analysten und Beobachter halten die Abstrafung von BASF an der Börse zwar für überzogen. Doch die Reaktion zeigt, wie empfindlich die Anleger gerade bei den als zyklisch eingestuften Werten sind. Die Chemie hat es an der Börse schwer. Obwohl die Konjunkturaussichten blendend sind, stuft etwa die Düsseldorfer WestLB den Chemiesektor insgesamt am Aktienmarkt als "neutral" ein - was heißen soll, dass die Aktien der Branchenunternehmen vorraussichtlich nicht zu den Überfliegern der nächsten Monate gehören werden.

Dabei sind die konjunkturellen Zeichen in der Chemieindustrie weiterhin gut. Zwar erwarten viele Analysten ein Abschwächen der US-Wirtschaft und somit auch der dortigen Nachfrage nach Chemieprodukten. Doch dem möglichen Rückgang steht eine boomende Nachfrage aus Asien und eine kräftigere europäische Wirtschaft gegenüber. "Der Höhepunkt des Aufschwungs in der Chemie ist noch nicht erreicht", urteilte in dieser Woche der Verband der Chemischen Industrie. Er rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatzplus der Branche um zehn Prozent.

Ob das die Kurse von BASF, Bayer, Degussa-Hüls oder Celanese stark beflügeln wird, ist jedoch zu bezweifeln. Mit noch höheren Gewinnzuwächsen als im ersten Halbjahr werden die Chemie-Konzerne die Börse in der zweiten Jahreshälfte nicht überraschen können. Dies liegt allein schon am Effekt beim Vergleich der Zahlen mit dem Vorjahr: Während zu Beginn 1999 die Chemie noch mit den Nachwirkungen der Asienkrise kämpfte, kam die Konjunktur in der zweiten Hälfte bereits wieder in Fahrt. Zudem bleiben kurzfristig einige Unsicherheiten: Die positiven Ausblicke der Analysten für die Chemieindustrie beruhen auf der Annahmen eines sinkenden Ölpreises. Der hat allerdings in den vergangenen Wochen bewiesen, dass er sich auf hohem Niveau halten kann. Bleibt der Ölpreis hoch, betrifft das vor allem die Spezialchemiekonzerne wie Ciba, Clariant, Degussa-Hüls, weil die benötigten Vorprodukte teuer bleiben. Neben der Ölpreis-Unsicherheit ist nach Ansicht der WestLB ebenso fraglich, ob die starken Profite aus der Euroschwäche gegenüber dem Dollar anhalten.

Die Analysten der WestLB rechnen in den kommenden Monaten mit nur schwachen Bewegungen bei den Chemieaktien. Dennoch stufen sie ebenso wie Analyst Ronald Köhler von der Commerzbank die Werte fast durchgehend als unterbewertet, also billig ein. "Weiter nach unten dürften die Chemie-Aktien kaum noch fallen", sagt Köhler. Derzeit gibt es Chemie-Aktien zu Einstiegskursen. Wer die Werte kauft, darf kurzfristig keine großen Kursgewinne erwarten und muss sich auch auf mögliche Kursausschläge wie im Fall BASF einstellen. Die Analysten der WestLB sehen jedoch "erheblichen Kursspielraum" bei den Werten, weil der Chemiezyklus erst seinen Höhepunkt im Jahr 2004 erreichen dürfte.

Das größte Kurspotenzial trauen Analysten kurzfristig der Bayer-Aktie zu - jedoch weniger wegen des Chemiegeschäfts. Die WestLB empfiehlt zudem die Aktie des niederländischen DSM-Konzerns, bei dem das Geschäft mit Pharma- und Agrochemie-Wirkstoffen zum immer wichtigeren Gewinnlieferant wird.

Das Management der Ludwigshafener BASF AG bemüht sich seit Jahren, den Konzern weniger abhängig vom zyklischen Chemiegeschäft zu machen, und hat dabei einige Erfolge erzielt. Zuletzt stärkte BASF durch den Kauf des Pflanzenschutzgeschäftes von AHP seine Agrosparte. Trotzdem bleibt BASF nicht nur nach Ansicht der Analysten der WestLB wegen der starken Standbeine Chemie und Kunststoffe ein vergleichsweise zyklischer Wert, der sensibel auf Preis- und Mengenveränderungen reagiert.

Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde die Bayer AG von vielen Analysten gescholten, doch derzeit steht die Aktie auf den Kaufempfehlungs-Listen fast aller führenden Banken. Das liegt vor allem an der starken Entwicklung des Gesundheitsgeschäftes bei dem Leverkusener Konzern, bei dem Bayer selbst und auch die Analysten noch Spielraum zu weiteren Gewinnsteigerungen sehen. Zudem bringt das Spezialchemie-Geschäft dem Konzern gute Zuwächse. Bayer lebt jedoch immer noch mit dem Makel, an der Börse als Chemiekonzern angesehen zu werden, obwohl einer der größte Profitbringer der Medikamentebereich ist.

Der größte deutsche Spezialchemiekonzern Degussa-Hüls hat in der ersten Hälfte dieses Jahres sehr gute Zuwächse beim Gewinn und Umsatz gezeigt und dürfte auch in den kommenden Monaten von der Chemiekonjunktur profitieren. Dennoch halten sich die Analysten mit dem Empfehlungen für die Aktie zurück. Es dominieren die Einstufungen: "Neutral" und "Halten". Der Degussa-Konzern und damit auch die Aktie ist zurzeit mit vielen Unsicherheiten belastet. Kaum hat Degussa die Fusion mit Hüls verkraftet, steht der nächste Zusammenschluss mit SKW Trostberg bevor.

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