China und der Westen : Wie wahrscheinlich ist ein "Währungskrieg"?

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle warnt angesichts des Streits um Wechselkurse vor einem Handelskrieg mit China. Die Frage ist jedoch, welches Interesse Peking überhaupt an einer Eskalation hätte.

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Der Begriff „Krieg“ hat Konjunktur. Jetzt warnt auch Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) anlässlich seiner Chinareise vor einem internationalen Handelskrieg und schielt dabei vor allem auf die Wechselkurse. Gerade erst hatten sich Finanzminister und Notenbankchefs bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Washington über einen Währungskrieg und einen gefährlichen Abwertungswettlauf ereifert. IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn rief die Streithähne auf, wieder enger zusammenzuarbeiten.

China gilt als Hauptübeltäter. Warum?

Seit Jahren hält der Wechselkurs des Yuan nicht Schritt mit der dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Die Regierung in Peking hält den Wert der Währung künstlich niedrig. Nach Ansicht der USA ist der Yuan um bis zu 40 Prozent unterbewertet. Der IWF und die Europäer halten ihn ebenfalls für zu schwach. Sie nennen aber keine Größenordnung.

Was sind die Folgen der Unterbewertung?

Eine unterbewertete Währung macht Exporte günstiger, stützt damit die eigene Wirtschaft, sichert Arbeitsplätze und bietet Chancen, neue Jobs zu schaffen. Für China ist dies zentral, zumal jedes Jahr Millionen von Arbeitskräften neu in den Arbeitsmarkt integriert werden müssen. Der Nachteil einer zu schwachen Währung: Importe werden teurer. Das treibt die Inflation.

Wie reagiert Peking auf die Vorwürfe?

Ein schnelle Aufwertung des Yuan und eine Schocktherapie wird es nicht geben. Tatsächlich müsste das Regime in Peking dann mit sozialen Unruhen rechnen. Notenbankchef Zhou Xiaochuan zeigt aber guten Willen. Man wolle graduell aufwerten, erklärte er am Montagabend. Dem folgten prompt konkrete Taten. Die Notenbank ließ die Währung um fast drei Prozent steigen – so stark wie seit fünf Jahren nicht. Damit hat der Yuan seit 2008 um rund 17 Prozent zugelegt.

Warum beschweren sich vor allem die USA?

Die USA werden mit Produkten aus China überschwemmt. Zugleich steigt die Arbeitslosigkeit dramatisch. Fast 15 Millionen Amerikaner sind derzeit ohne Job. Außerdem stehen Kongresswahlen vor der Tür. Da kann man mit Verweis auf Peking von eigenen Versäumnissen ablenken. Dabei wäre das Land ohne die Chinesen faktisch pleite. Niemand hält so viele US-Staatsanleihen und so viele Dollar wie China. Mit 2,5 Billionen Dollar ist es ein Drittel des weltweit umlaufenden Volumens der US-Währung.

Auch andere Währungen gelten als unterbewertet. Warum ist die Kritik dort leiser?

In Japan, Brasilien, Korea, Großbritannien und der Schweiz sind die Währungen ebenfalls zu billig. Allerdings sind die Folgen für die Weltwirtschaft weniger spürbar. Daher hält sich die Kritik in Grenzen.

Was ist mit dem Dollar, der gerade gegenüber dem Euro stark an Wert verloren hat?

Für den Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, sind vor allem die USA schuld an dem Abwertungswettlauf. Um mit den Folgen der Finanzkrise fertig zu werden, hat die US-Notenbank Fed das Geld seit 2008 extrem verbilligt und Mittel in Billionenhöhe bereitgestellt. Den Leitzins hat sie faktisch auf null gedrückt und Staatsanleihen im Volumen von 1,7 Billionen Dollar aufgekauft. Zugleich halten sich die Banken aber mit der Kreditvergabe zurück und parken das Geld lieber bei der Fed. Bargeldumlauf und die Guthaben bei der Fed sind seit Anfang 2008 um mehr als 200 Prozent gestiegen. In Euroland liegt das Plus bei nur 30 Prozent. Anfang November werde die Fed noch mehr Geld in den Markt pumpen und weitere Anleihen im Volumen von bis zu einer Billion Dollar kaufen, glaubt Krämer. Das schwächt die US-Währung weiter.

Sind unterbewertete Währungen eine Hilfe für die jeweiligen Länder?

Allenfalls kurzfristig. Zum einen schürt eine schwache Währung Inflationsgefahren, weil Importe von Rohstoffen, Zwischenprodukten oder von Autos und Maschinen teurer werden. Dies treibt die Inflation und könnte letztlich die Notenbank zwingen, den Leitzins zu erhöhen und damit Kredite zu verteuern. Das wiederum würde die Wirtschaft bremsen. Ein schwacher Wechselkurs weist auf überfällige Strukturreformen und mangelnde Wettbewerbsfähigkeit hin.

Was bedeutet ein unterbewerteter Dollar für die Euroländer?

Ist der Dollar schwach, werden Exporte aus dem Euro- in den Dollarraum teurer. Die Ausfuhren könnten gebremst werden, mit Folgen für Wachstum und Arbeitsplätze. Allerdings: Nahezu 70 Prozent der deutschen Exporte gehen in den Euroraum und sind deshalb von Wechselkursschwankungen nicht betroffen.

Wie können die Probleme gelöst werden? Durch die Notenbanken?

Die Europäische Zentralbank betreibt keine aktive Währungspolitik, sondern ist auf Preisstabilität verpflichtet. Andere Notenbanken können da flexibler agieren. Freilich: Interventionen zugunsten der eigenen Währung haben in der Regel nur eine begrenzte Wirkung, solange solche Schritte nicht international koordiniert sind.

Ist ein Währungskrieg ausgeschlossen?

Spätestens auf dem G-20-Gipfel Ende November in Südkorea kommt das Thema wieder auf den Tisch. Neu ist es nicht. Auch die USA werden erkennen, dass die heftige Kritik an China allenfalls begrenzte Wirkung hat. Zumal Peking mit der jüngsten Aufwertung des Yuan seinen guten Willen dokumentiert hat. Beide Seiten wissen, dass sie stark voneinander abhängig sind. Die Vereinigten Staaten sind einer der wichtigsten Märkte für chinesische Produkte, umgekehrt hält Peking einen erheblichen Teil der gigantischen US-Verschuldung.

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